Interview Keller, ein Verlag am Übergang

Keller editore auf der Turiner Buchmesse
Keller editore auf der Turiner Buchmesse | Foto (Ausschnitt) © Keller

Keller editore ist ein unabhängiger, sehr anregender und innovativer Verlag, der sich auf Übersetzungen spezialisiert hat. Ich treffe den Verlagsgründer Roberto Keller an seinem Stand auf der Turiner Buchmesse. Viel Zeit ist nicht, die Messe überflutet einen mit Terminen, aber Keller begrüßt mich lächelnd und freundlich.

Zwei Romane von deutschen Autoren aus Ihrem Verlagsprogramm haben mich sehr beeindruckt, „Als wir träumten“ von Clemens Meyer und „Auerhaus“ von Bov Bjerg. Beide drehen sich um Jugendliche und den Übergang ins Erwachsenenalter, um das Thema Bildung. Ist das eine Tendenz der aktuellen deutschen Literatur, sucht Keller genau diese Art Geschichten oder haben Sie sie einfach deshalb übersetzen lassen, weil sie schön sind?

“Ich weiß nicht, ob das eine aktuelle Tendenz der deutschen Literatur ist oder ob wir genau solche Bücher suchen. Tatsächlich sind die Bücher, die wir verlegen, sehr unterschiedlich. Es stimmt aber, dass uns da diese beiden interessanten Bücher in die Hände gefallen sind, die, wenn man sie so nebeneinander legt, sich einerseits thematisch ähnlich sind – nämlich der Frage nachgehen, was wir sein werden, wenn wir groß sind, wie wir das Leben angehen werden – andererseits aber auch große Unterschiede aufweisen. Als wir träumten ist ein Roman über die Generation, die den Mauerfall miterlebt hat, während die Stärke von Auerhaus übergreifender, allgemeiner ist und vom Eintritt ins Erwachsenenalter erzählt, der alle Generationen auf die ein oder andere Art kennzeichnet. Die Jugendlichen hier sind ‚normaler‘, die Wochenbeilage Venerdì der Zeitung Repubblica hat sie mit dem Fänger im Roggen verglichen, und ihre Geschichte kann als kleines Manifest nicht allein für Heranwachsende gesehen werden, denn auch Erwachsene erkennen sich darin wieder. Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, wir haben sie veröffentlicht, weil sie schön sind.“

Bei der Buchpräsentation von „Als wir träumten“ vor einigen Monaten im Goethe-Institut fiel mir eine deutlich spürbare Übereinstimmung auf professioneller Ebene zwischen Clemens Meyer und Roberta Gado auf, die das Buch zusammen mit Riccardo Cravero ins Italienische übersetzt hat und bei der Veranstaltung zugegen war. Als ich hier auf der Messe kurz mit Bov Bjerg sprach, hatte ich kaum Zeit gefunden, ihn zu seinem Roman zu beglückwünschen, da fragte er mich schon, was ich von der Übersetzung halte. Dass Keller diese große Aufmerksamkeit für Übersetzungen mit den Autoren teilt, merkt man Ihrer Arbeit gleich an.

„Da wir de facto nur Übersetzungen publizieren, haben wir immer viel darauf gesetzt, auch wenn wir natürlich einige Fehler gemacht haben, wie alle Verleger in ihren Anfängen. Aber wir haben es auch als unsere Aufgabe angenommen, mit den Übersetzern zusammenzuarbeiten, sie daran wachsen zu lassen. Die Übersetzer wiederum versuchen mit uns auf die richtige Art zu arbeiten, aufmerksam und in ständigem – zuweilen auch hitzigem – Austausch. Eine Übersetzung ist mit einem Tennismatch vergleichbar, aber während der Übersetzer den anderen Spieler anschaut, müssen Lektor und Verlag beide Seiten im Blick haben und zusätzlich noch den Leser. Sagen wir mal, dass die Qualität der Übersetzung von der Qualität des Lektorats noch verbessert bzw. garantiert wird. In diesem Prozess fühlen sich die ernsthaften Übersetzer geschützt und der Verlag baut sich ein be- und geachtetes Programm auf.“

Einige Worte über Keller editore?

Der Verlag Keller editore existiert mittlerweile seit zwölf Jahren. Er wurde in Rovereto gegründet, hat als Ausgangsbasis also die Grenze zwischen Italien und der mitteleuropäischen Welt. Wir sind im Trentino, einer Region, die bis 1918 Teil dieser großen Welt war, und hier liegt vielleicht auch unsere Identität. Eine nicht bewusst geplante Identität, die uns aber Bücher aus jener Welt publizieren lässt. Unsere Idee war es, als Brücke zu fungieren und das tun wir durch Übersetzungen aus dem deutschsprachigen Raum und aus Ost-Europa, sowie mit Exkursionen nach Frankreich und Nordamerika. Der Fokus bleibt aber Mittel- und Ost-Europa. In unseren Augen ist das ein Gebiet äußerst reichhaltiger Literaturen, die von dem, was wir gewöhnt sind, sehr verschieden sind, die aber den sogenannten ‚Viellesern‘ – die offenbar als einzige noch Bücher kaufen – einiges zu sagen haben. Es ist kein Zufall, dass der Erfolg unserer Bücher vor allem in den letzten beiden Jahren stark angestiegen ist, vermutlich weil es neben unserem Namen, unserem Verlagsprogramm und unserer Marke, die immer mehr Wiedererkennungswert haben, auch einen Hunger nach Literatur gibt, den diese ‚Vielleser‘ kultivieren möchten, wobei sie auch unbekannte Wege einschlagen, neue Nahrung suchen. Wir haben einige Titel im Programm, die wir von vorneherein als ‚schwierig‘ angesehen haben, die Essays über Galizien zum Beispiel, die nun jedoch unglaubliche Publikumserfolge feiern. Ich denke, das ist nicht nur Frucht unserer Arbeit, sondern auch der Tatsache geschuldet, dass ein harter Kern sehr starker Leser übriggeblieben ist, die zu wählen wissen und die auch wählen wollen.“