Berlinale 2020
Italien auf der Berlinale

Co-Pro Series 2019
Co-Pro Series 2019 | © Foto: Lydia Hesse

Noch nie präsentierte sich das Filmfestival in Berlin so „italienisch“ wie dieses Jahr vom 20. Februar bis zum 1. März: mit 16 Filmen, zahlreichen italienischen Stars und einem bunten Mix an berühmten Schauspielern und neuen Gesichtern des italienischen Films.

Von Andrea D’Addio

Luca Marinelli – Internationale Jury 2020
Luca Marinelli – Internationale Jury 2020 | © Foto: Riccardo Ghilardi / Contour by Getty Images
Noch nie war Italien auf der Berlinale so präsent wie dieses Mal: Künstlerischer Leiter des Festivals ist Carlo Chatrian aus dem Aostatal, im Auswahlkomitee sitzen Lorenzo Esposito und Sergio Fant, einer der Juroren ist Luca Marinelli. Aber Präsenz ist nicht nur eine Frage der Namen und des Organigramms. Italien ist auch und vor allem im Programm stark vertreten. Neben den zwei Filmen im Wettbewerb (Bad Tales und Hidden Away), einem in der Special Gala (Pinocchio), einem in der Sektion Panorama (Sow the Wind), zwei im Forum (The House of Love und Zeus Machine. The Invincible) sowie zwei in der Sektion Generation (Ordinary Justice und der Kurzfilm Progresso Renaissance) ist auch ein Treffen mit Paolo Taviani vorgesehen. Der toskanische Regisseur und Bruder des verstorbenen Vittorio Taviani wurde eingeladen, um über Film zu sprechen und in diesem Kontext sowohl sein Werk Cäsar muss sterben (Goldener Bär 2012) zu zeigen als auch einen Debütfilm des vergangenen Jahres vorzustellen, der ihm besonders gefallen hat. Tavianis Wahl ist auf Sole von Carlo Sironi gefallen. Im Rahmen der unabhängigen Woche der Kritik, die dieses Jahr zum fünften Mal stattfindet, wird außerdem Faith von Valentina Pedicini zu sehen sein. Der Dokumentarfilm handelt von einer Gemeinschaft christlicher Mönche, die im italienischen Hügelland mithilfe von Gebeten und Kampfkunst-Trainings „das Böse bekämpfen“. Das Angebot ist also mehr als reichhaltig und umfasst in Wirklichkeit auch Siberia, das neueste Werk von Abel Ferrara, mit dem der Regisseur 25 Jahre nach Addiction erneut am Wettbewerb teilnimmt. Der Film mit Willem Dafoe in der Hauptrolle spielt in der russischen Tundra und ist eine fast ausschließlich italienische Produktion.

Die mit größter Spannung erwarteten italienischen Berlinale-Filme im Detail

Elio Germano in „Volevo nascondermi“ (Hidden Away) von Giorgio Diritti
Elio Germano in „Volevo nascondermi“ (Hidden Away) von Giorgio Diritti | © Foto: Chico De Luigi
Preishoffnungen bestehen logischerweise für das Familiendrama Bad Tales der Brüder d’Innocenzo, die auf der Berlinale 2018 mit der erzählerischen Intensität ihres Debütfims Boys Cry überraschten, sowie für den Film Hidden Away von Giorgio Diritto über das schwierige Leben des Malers Antonio Ligabue. Hauptdarsteller ist in beiden Fällen Elio Germano, der ebenfalls gute Chancen auf eine Auszeichnung hat. Sow the Wind, der zweite Spielfilm von Danilo Caputo, erzählt vom Kampf eines jungen Bauern aus Apulien gegen einen Schädling, der die Olivenhaine seiner Familie vernichtet. Der Gala-Abend, der Pinocchio von Matteo Garrone gewidmet ist, bietet zum einen Gelegenheit, Begnini auf einer internationalen Bühne wiederzusehen und wird zum anderen zeigen, ob der Film, über den die italienische Kritik geteilter Meinung ist, auch auf anderen Märkten eine Chance hat. Im Moment sind diesbezüglich nur die Erscheinungsdaten für Frankreich, Spanien, Russland und die Türkei bekannt – etwas mager für einen Film, der 11 Millionen Euro gekostet hat.

Auch in den Berlinale Classics geht es italienisch zu

2020 ist nicht nur das Jahr der 70. Ausgabe der Berlinale, sondern auch das Jahr, in dem Federico Fellini seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. In der Sektion Classics würdigt das Festival den Filmemacher aus Rimini mit der Vorführung der restaurierten Fassung des Films Die Schwindler. Auch in der Sektion Forum werden Filme von damals in Bezug zum Tagesgeschehen gesetzt: Anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Forums wird das gesamte Programm des Jahres 1971 zur Wiederaufführung gebracht. Unter den gezeigten Titeln stechen insbesondere Besessenheit von Luchino Visconti, Ostia von Sergio Citti und Othon oder Die Augen wollen sich nicht zu jeder Zeit schließen von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet hervor – drei Filme, die noch heute in vielen Filmschulen auf dem Lehrplan stehen. Sie erinnern einerseits daran, welches Gewicht Italien in jener Epoche hatte, in der man von der siebten Kunst sprach, und werden andererseits bestimmt wertvolle Impulse für die neue Generation liefern. In einer Stadt, in der die italienische Community die drittgrößte und zugleich am stärksten wachsende nicht-deutsche Bevölkerungsgruppe darstellt, wird wohl ein großer Teil des Publikums keine Untertitel benötigen, um die vielen hier genannten Filme zu genießen.

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