Berlinale 2020
Turin und Singapur: Gruppenbild am Fuß der Wolkenkratzer

I Dream of Singapore by Lei Yuan Bin | SGP 2019, Panorama
© Looi Wan Ping/Tiger Tiger Pictures

Ich erinnere mich noch, es war vor einigen Jahren im Sommer, als für einige Wochen der Flüchtlingsstrom über die Balkanroute im Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit stand.

Von Gabriele Magro

Zombifizierung

Die Länder im Osten Europas schlossen die Grenzen, so dass sich die Asylsuchenden auf der anderen Seite des Zauns immer mehr zusammendrängten. Ich erinnere mich noch an einen Nachrichtenbeitrag zur Situation an der Grenze (ich weiß nicht mehr, in welcher Nachrichtensendung; die Grenze war, glaube ich, die zwischen Serbien und Ungarn). Die Migranten wurden als Menschenmassen gezeigt, schmutzig, ohne Namen, wie sie gegen die Gitter drängten, um durchzukommen. Das Narrativ, das die Medien in Bezug auf die Flüchtlingsströme oft bedienten, ist nicht nur entmenschlichend. Es ist zombifizierend. Eine unförmige Masse an Menschen, die drängeln und schreien und das Tor eintreten wie in einer Szene aus The Walking Dead.

Den Menschen ihre Namen zurückgeben

Ich bin glücklich, dass es filmische Arbeiten gibt, die eine Antwort auf dieses Narrativ präsentieren. Das Geheimnis besteht darin, die Geschichten der einzelnen Migranten zu erzählen, jedem von ihnen seinen Vor- und seinen Familiennamen zurückzugeben und uns von den Beziehungen, den persönlichen Zielen und Ängsten dieser Menschen zu erzählen. Den Einzelnen dem Lawinennarrativ zu entziehen. In dem Dokumentarfilm I Dream Of Singapore erinnert uns Regisseur Lei Yuan Bin mit viel Fingerspitzengefühl daran, dass Migrationsbewegungen nicht etwas sind, das zwischen dem einen und dem anderen Ufer unseres Meers stattfindet. Sie sind ein globales Phänomen, das so alt ist wie die Menschheit. Und das bedeutet nein, es kommen nicht alle zu uns. Für Millionen von Menschen, darunter auch für Feroz aus Bangladesch, den Protagonisten des Films, repräsentiert Singapur den „American Dream“. Und noch etwas hat mich berührt, und zwar ein Bild – das der Frauen und Männer, die erschöpft von der Reise am Fuß der Wolkenkratzer von Singapur campieren: Es ist dasselbe Gruppenbild wie das aller Migranten der jüngeren Geschichte.

Turin: Ort der Abfahrt und der Ankunft

Dass Turin ein Ort der Abfahrt und der Ankunft ist, wurde mir so wirklich klar, als ich einen anderen Dokumentarfilm gesehen habe, After the Crossing (von Joël Richmond Mathieu Akafou). Die erste Szene zeigt junge Männer von der Elfenbeinküste, die gerade auf der Piazza XVIII Dicembre angekommen sind und unter dem Wolkenkratzer der Bank Sanpaolo stehen. Das ist Turin, das ist meine Stadt, auf diesem Platz steige ich jeden Tag in den Zug. Zehntausend Kilometer von Singapur entfernt ist die Geschichte von Inza mit seiner Daunenjacke (denn hier im nördlichen Turin ist es kalt) dieselbe wie die meines Großvaters, der aus der süditalienischen Provinz Caserta hierhergekommen war, um bei FIAT zu arbeiten. Es ist die Geschichte von Millionen von italienischen Großvätern am Fuß der Wolkenkratzer von New York oder Chicago. Sie alle sind aufgebrochen mit nicht mehr als ein paar Münzen in der Hosentasche und einem Foto ihrer Freundin in der Geldbörse (oder als Smartphone-Hintergrund).

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