Berlinale-Blogger 2020
Was ein Filmfestival für Nachhaltigkeit und Diversität tun kann

Die neue Doppelspitze der Berlinale: Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek.
Die neue Doppelspitze der Berlinale: Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. | Foto (Detail): Alexander Janetzko/Berlinale 2019

Die 70. Berlinale ist am 1. März erfolgreich zu Ende gegangen. Zu den eindrücklichsten Erfahrungen während der elf Festivaltage gehörten die vielen Versuche des Festivals, seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden.

In den Potsdamer Platz Arkaden, wo sich der Ticketschalter und der Souvenirshop der Berlinale befanden, hatten die Organisatoren auch noch einen anderen Programmpunkt positioniert. Und zwar eine Ausstellung, in der die Festivalleitung die vier UN-Ziele für Nachhaltige Entwicklung präsentierte, auf die bei der Berlinale besonders geachtet wird. Die Ziele „SDG 4: Kulturelle Bildung als Schlüssel für die Zukunft“, „SDG 5: Engagement für Gleichberechtigung“, „SDG 9: Impulse für die Filmindustrie“ und „SDG 12 Bewusster Konsum / Reduce, reuse, recycle“ wurden der Öffentlichkeit hier ausführlich erklärt. Vor den Arkaden stand, wie auch schon in vergangenen Jahren, der blaue „Berlinale Social Bus“, an dessen Tür ein Zeitplan mit Ankündigungen zahlreicher Veranstaltungen hing.
 
Wenn ich ehrlich bin, war ich zu Beginn skeptisch. Ich ging davon aus, dass es sich bei den Zielen, die sich das Festival auf die Fahnen schrieb, wie auch bei vielen anderen Veranstaltungen um leere Worthülsen handelte. Auch die PR zum Roten Teppich, der aus recycleten Fischernetzen und Plastik hergestellt und über mehrere Jahre verwendet werden kann, die Glasflaschen für Getränke bei den offiziellen Pressekonferenzen und die Aufforderung, eigene Trinkbecher mitzubringen, ließen meine Zweifel nicht wirklich verschwinden. Doch im Verlaufe des Festival begriff ich nach und nach, dass diese Ziele die Struktur des Festivals, das gesamte Programm und jede einzelne Veranstaltung beeinflussten und dem Festival als Leitprinzipien dafür dienten, wofür es steht und was es verändern möchte.

Eine Elektrokehrmaschine reinigt den nachhaltigen Roten Teppich der Berlinale
Eine Elektrokehrmaschine reinigt den nachhaltigen Roten Teppich der Berlinale | Foto: © Ali Ghandtschi/Berlinale 2019

Für mehr Gleichberechtigung

Eine Veränderung, die dieses Jahr nicht zu übersehen war, war der Wechsel von der langjährigen Führung durch einen einzelnen männlichen Festivalleiter zu einer geschlechterparitätisch besetzten Doppelspitze. Die Bemühungen für mehr Gleichberechtigung, die dadurch symbolisiert werden, spiegelten sich auch in den Zahlen wieder. Bei den Verantwortlichen für die einzelnen Sektionen wurde ein Verhältnis der Geschlechter von 50 zu 50 erreicht, bei den Auswahlgremien, Berater*innen und Jurys waren 66,7 Prozent weiblich. 38,7 Prozent der gezeigten Filme stammten von Regisseurinnen, 1 Prozent mehr als 2019. Bei sechs der 18 Wettbewerbsfilme war eine Frau entweder alleinige oder Ko-Regisseurin, und bei dem Eröffnungsfilm „My Salinger Year“ waren wichtige Posititionen bei Kamera, Schnitt oder Produktion mit Frauen besetzt. Der Goldene Ehrenbär ging an Helen Mirren, die Berlinale-Kamera an Ulrike Ottinger – beides Frauen. Und bei den zahlreichen Veranstaltungen, die im Rahmen der verschiedenen Sektionen stattfanden, wurden Gleichberechtigung und Diversität immer wieder öffentlich thematisiert.
 
Nach 70 Jahren ist die Berlinale also dabei, sich langsam zu ändern. Aber die Realität zeigt, dass bei der Verwirklichung der Ideale von Gleichberechtigung und Diversität noch viel zu tun ist. Dennoch: Dass eines der größten Filmfestivals der Welt sich nicht nur der Filmindustrie, sondern auch seiner gesellschaftlichen Rolle und Verantwortung bewusst ist und sich Gedanken über eine bessere Zukunft macht, heißt etwas. Die vielen Filmfestival in Korea könnten sich hier einiges abschauen.

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