​30 Jahre deutsche Einheit
Deutschland – aus Sicht der Menschen, die es erleben, erforschen und gut kennen

Ausgabe der Zeitschrift „Il Mulino“ zu 30 Jahren deutsche Einheit und Kurator Fernando D’Aniello
Ausgabe der Zeitschrift „Il Mulino“ zu 30 Jahren deutsche Einheit und Kurator Fernando D’Aniello | Foto Fernando D'Aniello: © privat / Cover: © Società Editrice Il Mulino S.p.A.

Die Zeitschrift „Il Mulino“ widmet den dreißig Jahren, die seit der deutschen Wiedervereinigung (3. Oktober 1990) vergangen sind, einen umfangreichen Teil ihrer aktuellen Ausgabe. Sehr unterschiedliche Stimmen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens in Deutschland analysieren die wichtigsten Themen in Bezug auf die Veränderungen der letzten dreißig Jahre. Ein Gespräch mit Fernando D’Aniello, der die Ausgabe kuratiert hat.

Von Giovanni Giusti

Das Heft enthält ein kurzes Essay des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas, der die deutsche Wiedervereinigung unauflöslich mit dem Prozess der europäischen Vereinigung verbunden sieht, sowie ein erhellendes Interview mit Andreas Voßkuhle, dem ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts. Doch das ist noch nicht alles. Die Soziologen Claus Leggewie und Hendrik Puls betrachten das Zusammenwachsen von Ost und West und den Wahlerfolg der extremen Rechten, der Historiker Karsten Rudolph die Sozialdemokratie, die Journalistin Jana Hensel die Bedeutung des 3. Oktobers. Junge Journalistinnen wie Elsa Koester und Merve Kayikci wiederum sprechen über die neue deutsche Identität, über deutsche Muslime, Einwanderer und deren Kinder; Naika Foroutan, Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, spricht über Willkommenskultur.

Verschiedene Stimmen und Generationen

Fernando D’Aniello ist Redaktionsmitglied von „Il Mulino“. Er lebt und arbeitet seit Jahren in Berlin und ist unter anderem ein profunder Kenner des deutschen Rechtswesens. Wir haben ihn um eine Einführung zu den Beiträgen gebeten.

„Wir, die Redaktion, haben entschieden, Interviews mit Menschen zu führen, die uns vom heutigen Deutschland erzählen können und nicht von einem Land sprechen, das in den Jahren ‘89 und ‘90 stehengeblieben scheint. Das hat auch eine biographische Dimension. Jana Hensel zum Beispiel war zur Zeit der Wiedervereinigung noch ein Kind. Merve Kayikci, die jüngste Beteiligte, war noch nicht einmal geboren. Wir haben uns darum bemüht, verschiedene Stimmen zu berücksichtigen, nicht nur akademische, denn wir wollten, dass diese Ausgabe insbesondere von Menschen gelesen wird, die sich für Deutschland interessieren. Gerade diese Bandbreite der Stimmen und Generationen macht die Stärke der Beiträge aus. Da gibt es also nicht nur Habermas beziehungsweise den berühmten Professor, sondern auch Personen, die jeden Tag auf Facebook oder Twitter zu finden sind. Das mag banal wirken, doch darauf kommt es heute an.“

Ein schwieriger, aber proeuropäischer Weg

Die Beiträge der aktuellen Ausgabe legen außerdem großes Augenmerk auf die europäische Integration. Sie haben Andreas Voßkuhle interviewt, den ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts. In den letzten Monaten stand er im Zentrum der Aufmerksamkeit, weil er die EZB-Pläne zum Kauf von Staatsanleihen de facto hat durchfallen lassen. Trotzdem zeigt sich Voßkuhle in seinen Aussagen in verschiedener Hinsicht offen für eine Integration.

„Das Bundesverfassungsgericht ist einer der Hauptakteure, wenn es um Deutschland und die europäische Integration geht. Das Gericht erfährt viel Kritik, sowohl in Deutschland als auch vom Europäischen Gerichtshof, da ihm vorgeworfen wird, einen zu national geprägten Weg zu verfolgen. Ich hingegen denke, dass Voßkuhle zwar einen sehr schwierigen Weg eingeschlagen hat, vielleicht jedoch den einzig möglichen, sofern Europa demokratisch gestärkt werden soll. Voßkuhle behält immer die europäischen Bürger im Blick, die befürchten, durch ein Ende des Nationalstaates und die Entstehung dieses neuen übernationalen Gebildes ihre nach dem Zweiten Weltkrieg erworbenen Sicherheiten und Rechte zu verlieren. Sein Vorhaben ist also ein schwieriges, das leugne ich nicht, aber ein proeuropäisches, anders als seine Kritiker denken. Meiner Ansicht nach ist der Jurist Voßkuhle Europa engstens verbunden. Seine gesamte Präsidentschaft war vom Bemühen gekennzeichnet, eine Rechtsgrundlage für Europa zu gestalten, die die nationalen Traditionen nicht vergisst. Diese zu vergessen, hieße nämlich, übereilt vorzugehen und den Populisten Vorschub zu leisten.“

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