Ausgesprochen ... Berlin
Gretchen, eine Liebeserklärung

Berliner Plattenbau mit Wandmalerei
„All die Plattenbauten im Ost-Berlin – ick hab an alln jearbeitet, ooch am Haus, wo ick heute wohne“, sagt Gretchen stolz. | Foto (Detail): picture alliance | SZ Photo © Olaf Schülke

Jedes Jahr im März wird viel über Geschlechtergleichstellung gesprochen und inwiefern Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen* immer noch Alltag ist. Unsere Kolumnistin Marie Leão erzählt von einer Berlinerin, deren bewegte Geschichte für viele Frauen* der Stadt steht, und möchte danke sagen.

Von Marie Leão

Wenn ich an eine Frau denke, die mich inspiriert, denke ich immer an Gretchen (Name geändert von der Redaktion), geboren am 3. Oktober 1950 in Berlin-Friedrichshain. Ihr Leben ist außergewöhnlich. Sie erzählt so viele erstaunliche Geschichten über sich selbst, bei denen ich mich manchmal frage, ob sie nicht eher Teil eines Films als des echten Lebens sind. Anlässlich des Frauen*monats: eine Hommage an eine waschechte Berlinerin und an alle tatkräftigen Frauen* dieser Stadt.

Ich habe Gretchen vor vielen Jahren über eine Freundin kennengelernt, als ich in eine größere Wohnung gezogen bin und jemanden fürs Putzen einstellen wollte, weil ich mit meinen zwei Bandscheibenvorfällen und einer Rückenoperation nicht mehr meinen eigenen Dreck beseitigen kann. In Deutschland ist es fast verpönt, eine Reinigungskraft einzustellen und nur wenige geben es tatsächlich zu, dessen bin ich mir bewusst. Ich bin allerdings sehr dankbar, dass ich diese Unterstützung hatte. Jedenfalls, als ich Gretchen kennenlernte, sagte sie gleich: „Ick arbeete nich für jeden!“

Sie ist eines von 19 Kinder aus den neun Ehen ihrer Mutter, die sie nie wirklich gekannt hat. Aufgrund von Misshandlungen wurden die Kinder ihrer Mutter weggenommen und zur Adoption freigegeben oder in Kinderheime geschickt. Gretchen selbst musste mit acht Monaten ins Krankenhaus – aufgrund von Unterernährung und einem Übermaß an toxischen Substanzen in ihrem Körper. „Meene Mutta wollte uns Kinda töten!“, vermutet sie. Nach einem langen Krankenhausaufenthalt kam das Mädchen in das berühmte Makarenko Kinderheim, wo sie bis zu ihrem achten Lebensjahr blieb – „die schönste Zeit meines Lebens“, schwärmt sie.

Auf der Straße

Dann kam ihr Vater aus dem Zuchthaus zurück. Gretchen kennt den Grund für seine Inhaftierung nicht genau, aber sie glaubt, dass er ein politischer Gefangener war, denn nach der Wende erhielt er eine stattliche Entschädigung vom Staat. Nach der Zeit in Makarenko lebte Gretchen bei ihrer Großmutter väterlicherseits und ihrem Vater, der seine Kinder missbrauchte. Im Alter von 13 Jahren versuchte Gretchen, sich das Leben zu nehmen und landete erneut im Krankenhaus. Mit 15 Jahren beschließt sie, von zu Hause wegzulaufen und auf der Straße, im Volkspark Friedrichshain, zu leben. Sie beginnt, sich mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen, sortiert Obst und Gemüse in Lebensmittelgeschäften und spült Geschirr in Kneipen. „Wenigstns hab ick jedn Tach zu Mittach jejessn.“ Mit 16 hatte sie ihren ersten Freund und zog mit ihm zusammen. Irgendwann entdeckten sie anhand von Fotos, dass sie die gleiche Mutter hatten. Und so trennten sie sich – Gretchen hörte nie wieder etwas von ihm.

Sie erzählt, dass sie im Alter von acht Jahren mit dem Putzen angefangen hat. Später arbeitete sie vier Jahre lang in der Rettungsstelle vom Krankenhaus Friedrichshain und verdiente zwei DDR-Mark pro Stunde. Ihr Traum war es, Krankenschwester zu werden, aber sie hatte nur die 5. Klasse abgeschlossen. Dann ging sie auf dem Bau arbeiten. „All die Plattenbauten im Ost-Berlin – ick hab an alln jearbeitet, ooch am Haus, wo ick heute wohne“, sagt sie stolz. Und sie hat auch währenddessen immer geputzt und als Pflegerin gearbeitet – bis heute, denn ihre Rente ist knapp.

Berliner Schnauze

Die Straße hat Gretchen definitiv ihre freche und kluge Art, ihren offenen und wachen Geist gegeben. Sie ist ein harter Brocken und hat auf alles eine Antwort parat, immer in reinstem Berlinerisch, der berühmten „Berliner Schnauze“. Ihre tiefe, raue Stimme (wohl auch wegen der Cabinet-Zigaretten, eine der wenigen DDR-Marken, die die Wiedervereinigung überlebt haben) ist ein Donnerschlag, der einen beim ersten Hören erschrecken mag. Als ich sie mal fragte, ob sie wegen ihres Lungenemphysems mit einer Sauerstoffflasche schlafen müsste, antwortete sie: „Uff keen Fall! Sauastoff ist ja schlimma als Roochen!“

Grosses Herz

Als Deutschland im Jahr 2015 eine Million Geflüchtete aufnahm, war sie zur Stelle, um zu helfen. Bis heute pflegt sie Senioren und hilft Menschen am Ende ihres Lebens zu Hause. In ihrem Einkaufstrolley ist immer ein Geschenk für jemanden. Und ich selbst habe eine tolle Wäscheleine, ein Swarovski-Ei und sogar einen nagelneuen Fernseher geschenkt bekommen, den sie nicht mehr brauchte. Einfach so.

Ich fand diese Situation immer schon seltsam und in gewisser Weise widersprüchlich: Eine weiße Migrantin aus der oberen Mittelschicht Brasiliens – also aus einer Elite, die bis heute von den Privilegien profitiert, die in der kolonialen Sklaverei-Vergangenheit dieses rassistischen Landes begründet sind, das gerade deshalb von Gerechtigkeit und sozialem Frieden weit entfernt ist – stellt schließlich eine weiße Putzfrau aus dem heute reichsten Land Europas ein, die aber in dem Teil dieses Landes in Armut geboren und aufgewachsen ist, der bis vor 30 Jahren noch hinter dem Eisernen Vorhang lag.

Ich habe sie gefragt, was ihr an ihrer Arbeit am besten gefällt. „Mit Menschen in Kontakt zu sein. Und dass ick mich überall einmischen kann, um Ratschläge zu erteilen“, sagte sie und lachte genüsslich. Und das Schönste in ihrem Leben? „Die Zeiten mit meinem Ehemann. Weil wir uns jut verstanden ham, wir konnten uns aufeinander verlassn, uns vertraun.“ Ob sie etwas im Leben bereut? „Jar nix!“
 

„AUSGESPROCHEN …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Marie Leão, Susi Bumms, Maximilian Buddenbohm und Sineb el Masrar. Unsere Berliner Kolumnist*innen werfen sich in „Ausgesprochen … Berlin“ für uns ins Getümmel, berichten über das Leben in der Großstadt und sammeln Alltagsbeobachtungen: in der U-Bahn, im Supermarkt, im Klub.

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