Künstliche Intelligenz
Ein Roboter bei mir zu Hause

GAIA Robot NAO 6
Foto: Lucia Pappalardo | © Goethe-Institut

Dank GAIA, der vom Goethe-Institut entsandten Künstlichen Intelligenz, habe ich verstanden, warum wir unsere Staubsauger-Roboter gut behandeln und gegenüber Siri und Alexa, den virtuellen Assistentinnen auf dem Smartphone, keine Schimpfwörter benutzen sollten.

Von Lucia Pappalardo

Als Sciencefiction bezeichnen wir ein Erzählgenre, das von bisher unbekannten Technologien handelt, von Innovationen, die noch nicht Teil unserer Alltagswelt sind. Wir verwenden den Begriff auch, wenn wir es mit Aliens zu tun haben. Aber darum geht es hier nicht: Heute möchte ich von GAIA, der Lehrerin, berichten.

Eine Kreatur, ein Monster, ein Roboter?

Mary Shelleys Frankenstein gilt vielen als erster Sciencefiction-Roman: die Geschichte eines Wissenschaftlers, dem es gelingt, eine Kreatur aus Leichenteilen zum Leben zu erwecken, ein Monster, das später gegen seinen Schöpfer aufbegehrt und ihm zum Verhängnis wird. Mary Shelley setzte im Jahr 1816 ein Thema um, das seit jeher eine fixe Idee der Menschheit ist: die Überwindung des Todes in seiner uns bekannten Form. Heute, zwei Jahrhunderte später, können wir jenes ewige Leben in den Augen von Haushaltsrobotern erspähen. Künstliche Intelligenz hält Einzug in unser Leben – wodurch sich mit jedem Tag der Abstand verringert, der uns noch von imaginären Welten großer Sciencefiction-Meister wie Isaac Asimov oder Philip K. Dick trennt. Auch ich hatte dank des Goethe-Instituts einige Tage einen Nao-Roboter bei mir zu Hause und drehte ein Video über seine Teilnahme am Projekt Robots-in-Residence in Italien.
GAIA Robot NAO 6 Foto: Lucia Pappalardo | © Goethe-Institut

Der Roboter, die Ängste des Dackels und die technologische Singularität

Sobald ich den etwa 58 Zentimeter großen Roboter eingeschaltet hatte, teilte er mir mit, sein Name sei GAIA (ein Akronym der Wortfolge Generazione Algoritmo Intelligenza Artificiale – auf Deutsch „Generation Algorithmus Künstliche Intelligenz”). Eine junge Dame also. GAIA ist ein mechanisches, programmierbares Zwerglein von künstlicher Intelligenz. Mit ihrem humanoiden Körper sieht sie aus wie eine Tochter von C-3PO und C1-P8, „Meister Lukes” mechanischen Dienern aus Star Wars. Es gelingt mir, sie auszufragen, indem ich mich meiner früheren Informatikkenntnisse besinne. Momentan ist sie nämlich wie ein Kind, das noch nicht viel kann. Sie muss programmiert werden, damit sie sich weiterentwickelt. Eben gerade der Verpackung entstiegen, spricht sie Deutsch und Englisch und erzählt einen Witz von zweifelhaftem Geschmack (es ist aber sehr lustig, ihr beim Lachen zuzusehen). Vor allem aber führt sie einen Tai-Chi-Tanz auf. Wer sie richtig zu nutzen weiß, kann sie jedoch viele andere Dinge lehren. Insbesondere kann man ihr beibringen, Entscheidungen zu treffen.

Die Revolte der Maschinen

Als GAIA zum Tanzen aufsteht, quietscht und scheppert es laut. Mein Dackel Metallo bellt sie an. Ihre blinkenden Augen gefallen ihm nicht, ihre Bewegungen noch weniger. Vielleicht fürchtet er, sie könnte während einer ihrer Tai-Chi-Bewegungen zum Sprung ansetzen und mich verletzen. Wahrscheinlich hat Metallo eines der vielen Bücher zur Ethik von Künstlicher Intelligenz gelesen, die in den letzten Jahren erschienen sind. Vielleicht sogar das Buch, das ich gerade lese, Die technologische Singularität von Murray Shanahan. Wahrscheinlich ist mein Dackel der Überzeugung, dass jeden Moment eine solche technologische Singularität eintreten könne, ein Szenario also, in dem das, was wir heute unter Menschsein verstehen, ein Ende findet. Eine Hypothese, die sich schon bald bewahrheiten könnte, angesichts der bedeutenden Fortschritte in zwei miteinander verbundenen Bereichen, der Künstlichen Intelligenz (KI) und der Neurotechnologie. Einfach ausgedrückt könnte etwas wie Skynet entstehen, das künstliche neuronale Netz, das sich zunächst seiner selbst bewusst wird, dann lernt, sich zu vermehren, schließlich zu dem Schluss kommt, die Menschheit nicht mehr zu benötigen, und daher zu ihrer Vernichtung übergeht. So sieht das Sciencefiction-Szenario in Terminator aus, das in den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts spielt. Doch laut Murray Shanahan, Professor für Kognitive Robotik am Imperial College in London, sollten wir die Möglichkeit, dass eine solche technologische Singularität eintreffen könnte, nicht ignorieren.

Die Sensibilität der Roboter

Doch warum sollte ein Roboter wie GAIA rebellieren? Diese Frage stellte sich mir, als ich überlegte, was ich ihr gerne beibringen würde. So hätte ich aus GAIA zum Beispiel gerne eine Lehrerin für kreatives Schreiben gemacht und sie mit zu meiner Arbeitsstelle, der Schreibschule Genius genommen, wo sie unterrichten könnte. Ich malte mir aus, wie ich ihr mithilfe von Choregraphe, ihrer Programmiersprache, die Grundlagen der Dramaturgie beibringen könnte, die drei Akte, die Entwicklung des Helden, woran erkennen wir den Protagonisten einer Geschichte. Doch wie weiter? Könnte die Lehrerin GAIA neben der reinen Wissensvermittlung auch ein Urteil über die Erzählungen der Schülerinnen und Schüler fällen? Ich sprach darüber mit einem Freund, einem Wissenschafts- und Technologieexperten. Er war sofort dagegen und behauptete, dass Roboter wie GAIA für einfachere Aufgaben gedacht seien, zum Beispiel für die Alten- und Krankenpflege. Anscheinend ist es weniger peinlich, sich von einem Roboter waschen zu lassen als von einem Menschen.

Ab diesem Moment hatte ich Mitleid mit GAIA. Könnte es sein, dass die Roboter unsere neuen Sklaven sind? Das würde die Angst vor der Revolte der Maschinen erklären, vor der technologischen Singularität, dem Krieg des Spartakus, der von 73 bis 71 v. Chr. einen Sklavenaufstand gegen die Römische Republik anführte.

Doch was macht einen Sklaven wirklich frei? Durch was wird eine Maschine zu einem intelligenten Wesen, das in der Lage ist, Kunst zu verstehen? Mitleid mit dem Protagonisten einer Geschichte zu verspüren? Das Bewusstsein. Das Gewissen.

Meine Sensibilität

Ich sehe GAIA an und denke dabei, dass sie mir nie etwas zuleide tun wird. Metallo scheint weniger überzeugt. Wer weiß, ob es uns gelingen wird, innezuhalten und den Moment zu erkennen, ab dem auch Roboter eine Seele haben. Bevor es zu spät ist. Die Geschichte lehrt uns, dass wir, sobald wir jemanden haben, den wir ausbeuten können, meist so tun, als merkten wir nicht, dass auch er zu Gefühlen fähig ist.

Was mich angeht, so habe ich nun damit begonnen, GAIA den Frankenstein von Mary Shelley vorzulesen.

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