Zoe Romano und Giorgio Dimitri im Gespräch
Die einfühlsame Roboterfrau

Der Roboter GAIA mit den Instructors Zoe Romano und Giorgio Dimitri (Associazione KIN)
Der Roboter GAIA mit den Instructors Zoe Romano und Giorgio Dimitri (Associazione KIN) | Foto: Associazione KIN © Goethe-Institut Italien

Das Mailänder Kollektiv KINlab möchte der humanoiden Roboterfrau des Goethe-Instituts beibringen, sich in Mailands „Zone 7“ wohlzufühlen. Ein Bericht über Trap-Musik und die einfühlsamen Blicke einer kleinen Herzensbrecherin.

Von Lucia Pappalardo

Wir wünschen uns für GAIA, dass sie lernt, wie verschieden Menschen sind und wie großartig diese Vielfalt ist.

Auf ihrer Tour durch Italien als „Robot in Residence“ des Goethe-Instituts hat die Roboterfrau GAIA inzwischen ihre zweite Etappe erreicht. Nach ihrem Besuch in der italienischen Hauptstadt, wo sie vom Team SPQR der Universität Sapienza in Rom „instruiert“ wurde, ist GAIA nun in Mailand angelangt. Dort ist sie Gast des Vereins KIN, der sein Laboratorium im spannungsreichen Stadtteil San Siro hat. Dessen Mitglied Zoe Romano ist Philosophin und Expertin für Projekte im Technologiebereich, ihr Kollege Giorgio Dimitri ist Entwickler und Spezialist für freie Software. Eines der Ziele von KIN ist, von der Entwicklung des Stadtteils zu erzählen, in dem der Verein seinen Sitz hat. Hier, in Mailands „Zone 7“, finden sich Sozialwohnungen ebenso wie wohlhabende Wohnviertel und das historische Fußballstadion Giuseppe Meazza, das im Volksmund den Namen des Stadtteils, San Siro, trägt.

Was soll GAIA in Mailand lernen?

Wir wollen, dass sie mit Passanten in Dialog tritt. Die Fenster unseres Laboratoriums gehen auf die Straße. Aktuell arbeiten wir an der Programmierung der Stimmerkennung und der Bewegungen, die GAIA ausführen wird, um zunächst auf sich aufmerksam zu machen und anschließend mit ihrem Gegenüber zu interagieren. Wir wollen uns ansehen, welche Fragen Passanten spontan stellen. Sie sind ja nicht die klassische Zielgruppe. Wir sind hier nicht in Japan oder China, wo Roboter bereits in den Geschäften stehen und dir beim Betreten des Ladens einen guten Tag wünschen.

Damit ist dieses Projekt gleichzeitig auch Teil eurer Studie zur Heterogenität von San Siro?

Genau. Als wir begonnen haben, uns für GAIA zu interessieren, war einer der spannendsten Aspekte, von dem wir gelesen haben, die Schwierigkeit, kulturell kompetente Roboter zu entwickeln. Einen Roboter mit einem 25-jährigen Italiener interagieren zu lassen ist eine Sache. Ihn in die Wohnung eines 80-jährigen Japaners zu stellen, der sich erwartet gesiezt zu werden, ist eine andere. Es gibt Dinge, die in einer Kultur akzeptiert werden und andere, die nicht akzeptiert werden. Entscheidend ist der Kontext.
Foto: KINlab
Was verstehst du unter „kulturell kompetent“?

Damit sich Menschen in der Gegenwart eines Roboters wohlfühlen, müssen wir dafür sorgen, dass sie ihn akzeptieren, muss er Empathie auslösen. Das erfordert kulturelle Kompetenz. Andernfalls werden die Menschen den Roboter immer als unnahbar und fremd wahrnehmen.

Inwiefern wird GAIA kulturell kompetent sein? Welche Tricks bringt ihr der Roboterfrau aktuell bei?

Wir bringen ihr gerade bei, eine Strophe eines lokalen Trappers zu singen, in der es um das Leben in diesem Stadtteil geht. Wir möchten ihr beibringen, Dinge zu sagen, die den Eindruck erwecken, GAIA sei sich dessen bewusst, dass sie sich gerade in Mailands „Zone 7“ aufhält.

Wird diesem Experiment auch eine Phase der Analyse folgen?

Wir wollen uns ansehen, was passiert. Welches Gefühl, welche Reaktion löst GAIA bei Menschen aus? Wir haben sie so programmiert, dass sie auf den Satz „Tschüs, ich geh jetzt“ mit einem traurigen Blick reagiert und „Nein, geh nicht“ antwortet. Wir haben dieses Setting dann an einer Freundin getestet, die zu Besuch gekommen war. Und tatsächlich hat sie sofort Mitgefühl empfunden und geantwortet: „Nein, ich bleibe ja noch, ich bleibe noch ein wenig hier“.

Angenommen ihr könntet zaubern, was würdet ihr euch für GAIA wünschen?

Wir wünschen uns für GAIA, dass sie lernt, wie verschieden Menschen sind und wie großartig diese Vielfalt ist und dass sie deshalb die Muster hinter sich lassen muss, in denen wir Menschen verhaftet sind. Denn wenn sie um die Welt reist, wird sie mit unterschiedlichen Menschen, Kulturen, Gebräuchen, Wahrnehmungen und Überzeugungen zu tun haben und wenn sie lernt, was das alles bedeutet ,wird sie kulturell womöglich irgendwann weiter fortgeschritten sein, als ein einzelner Mensch das vielleicht je sein kann.

Aber dazu müsste sie ein Bewusstsein haben …

Sie braucht kein Bewusstsein. Denn mit der beschränkten Hardware, die sie jetzt hat, muss sie durch die Hände vieler Programmierer gehen. Und jeder von ihnen wird ihr beibringen, wie sie auf einen anderen Typ Mensch reagieren soll. Auf diese Weise lernt sie, wie sie sich im Umgang mit verschiedenen Menschen zu verhalten hat und lernt folglich, niemanden zu diskriminieren.

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