Schaufenster Berlin
Zu Besuch auf der Artbook Berlin 2019, der Messe für Künstlerbücher und Editionen

Artbook Berlin 2019
© Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola

Stellt euch vor, ihr befindet euch in Berlin, genauer im Stadtteil Kreuzberg, in einem ehemaligen Krankenhaus, das in den 70er Jahren in ein Kunst- und Kulturzentrum umgewandelt wurde. In diesem Gebäude, das Krankheiten und Heilungen, Phasen des Leerstands sowie bewegte Zeiten der Besetzung und der Selbstverwaltung erlebt hat, findet jeden Herbst die Artbook Berlin, die Messe für Künstlerbücher und Editionen statt.

Von Giulia Mirandola

Wahre Kunstwerke

Heute trägt das ehemalige Krankenhaus Bethanien den Namen Kunstquartier Bethanien und dient als Künstlerresidenz, Druckwerkstatt und Kulturzentrum für Tanz, Theater, bildende und darstellende Künste, Literatur, Musik, Film und Architektur.

Es gibt Bücher, deren Sprache die Sprache der Kunst ist, und es gibt Veranstaltungen, die dafür gedacht sind, uns diese Kunstwerke näherzubringen, sie vielleicht zu unseren werden zu lassen – wenn wir bereit sind, so viel auszugeben, wie für ein echtes Künstlerbuch eben erforderlich ist. Angekündigt wird die Messe für Künstlerbücher und Editionen mit Postern und Flugblättern, die selbst kleine Kunstwerke der Gratispresse darstellen: Einzelstücke mit Seele, die in der Druckwerkstatt im Kunstquartier Bethanien von Hand gefertigt und von den Organisatoren persönlich verteilt und aufgehängt werden. Die Siebdrucke auf Papier zeigen bunte Kreise in unterschiedlichen Größen, jedes Exemplar hat eine etwas andere Farbe, der Text ist mit Lettern gedruckt. Bestimmt gibt es jemanden, der sie sammelt.

Die „Kunst“ des Erzählens

Artbook Berlin 2019
Artbook Berlin 2019 | © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola
Dieses Jahr sind auf der Artbook Berlin (20.–22.11.2019) 98 Aussteller aus Berlin und anderen Städten und Regionen Deutschlands zu Gast. Die drei Messetage bestechen mit einem dichten Programm an kostenlosen Angeboten – ganz gleich zu welcher Tageszeit –, das von Treffen mit Editoren und Künstlern über Vorträge bis hin zu Lyriklesungen reicht. Das Publikum ist begeistert, die Atmosphäre in den Ausstellungssälen herzlich und fröhlich. Für mich, die ich von der Existenz dieser Menschen und Dinge erst wenige Stunde vor der Eröffnung erfahren habe, fühlt es sich an, als wäre ich auf einem Bankett zu Gast, das eigens vorbereitet wurde, um meinen Appetit auf Neues und auf mir weniger vertraute Spielarten der Fantasie zu stillen.

Die Messe erstreckt sich auf zwei Ebenen, auf denen es von Künstlerbüchern und Buchkünstlern nur so wimmelt. Die uneingeschränkten Herrscher dieses bunten Reichs sind das Papier, die Farben, das Kunsthandwerk und die Freude am Erzählen mit den Mitteln der Kunst in ihren unterschiedlichsten Ausdrucksformen – auch mithilfe von Fäden, von Stoff, in zwei- oder dreidimensionaler Form. So konzentrieren sich einige der Editoren und Künstler in ihren Studien bewusst auf das narrative Potenzial von Materialien und Formaten. Manche ihrer Bücher sind so fragil, dass man zum Durchblättern weiße Handschuhe anziehen muss. Wie etwa jene von Andante Handpresse und die Arbeiten von Peter Rensch. Seine Lithografien ziehen vor allem Liebhaber des deutschen Expressionismus sofort in ihren Bann. Ein Stück weiter gestattet mir eine Dame höflich, ein Foto zu machen; ihr Name ist Ute Hausfeld. Die Berliner Malerin und Zeichnerin sitzt inmitten einer Serie eleganter Lithografien mit dem treffenden Titel Schnittige Damen.

Meine Wunschliste

Ich gehe in den nächsten Raum und bewundere mit einem Lächeln im Gesicht die Bücher von Hilla Rost. Vor allem zwei davon würde ich gern zu Weihnachten geschenkt bekommen. Das erste trägt den Titel Der Mensch und seine Seiten haben die Form menschlicher Köpfe, jeder von ihnen mit einem anderen Profil. Ein Buch, so vielseitig wie unsere Menschheit. Das zweite ist Fisches Nachtgesang, ein Gedicht, das in einem Meer aus bemaltem Stoff, Kunststoff, Papier und Schnur schwimmt. Im Hauptsaal begrüßen Henning Wagenbreth und das MFI (Ministerium für Illustration) die Besucher mit einer Flut an Postern, Siebdruckeditionen und einem Koffer voll Mazookas Books.
 
  • Artbook Berlin 2019 © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola

  • Artbook Berlin 2019 © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola

  • Artbook Berlin 2019 © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola

  • Artbook Berlin 2019 © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola

  • Artbook Berlin 2019 © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola

  • Artbook Berlin 2019 © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola

  • Artbook Berlin 2019 © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola

  • Artbook Berlin 2019 © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola

Ich gehe die Treppe hinauf und finde mich auf einem langen Balkon wieder, von dem man einen schönen Blick auf den gesamten Saal hat. Dort stelle ich mich dem Editor und Autor Matthias Muecke vor, der mir freundlich und engagiert von der Edition Mueckenschwarm erzählt und mir eine in limitierter Auflage erschienene Ausgabe seines Buchs Niemandsland zeigt. Das autobiografische Werk, in dem Muecke über seine Kindheit in der DDR berichtet, wird auch vom Verlag Kunstanstifter vertrieben. Wenige Meter weiter stoße ich auf ein Fotobuch von Ursula Kamischke, die ich erst wenige Tage zuvor in der Buchhandlung Dante Connection persönlich kennengelernt habe. Das Buch enthält Aufnahmen aus dem Stadtteil Kreuzberg aus den Jahren 1974 bis 1981 und wird vom Atelier Kirchner herausgegeben, das hier eine Auswahl an Fotobüchern präsentiert, die von der Bedeutung der Fotografie für die Sparte der Künstlerbücher zeugen.

Ein Leben mehr

Auf der gegenüberliegenden Seite erinnert mich ein Buch mit durchlöcherten Seiten an die Papierstudien von Bruno Munari. Ein magerer junger Mann mit freundlichem Gesicht erzählt mir von der Entstehungsgeschichte des Buchs und dem von ihm ins Leben gerufenen Editionsprojekt Lesewesen. Das Künstlerbuch, an das ich endgültig mein Herz verliere, ist hingegen von Uta Schneider. Die Autorin lässt mir alle Zeit der Welt, um mich umzusehen, zu warten, zu spielen, zu staunen und mich zu entscheiden, bis ich schließlich zufrieden bin. Das Buch meiner Wahl ist klein, ebenso wie der Preis. Zwei wichtige Eigenschaften, die mir das Buch sofort zum Freund werden lassen. Ich habe ein Gedicht zum Mitnehmen gefunden. Der Titel lautet Lange, der Text ist von Goethe: „Wer lange bedenkt, wählt nicht immer das Beste.“ Auf dem Nachhauseweg denke ich erneut über die Geschichte des Gebäudes nach: Krankenhaus, ehemaliges Krankenhaus, besetztes Haus, Haus der Künste und der Künstler; Behandlung, Kampf, Heilung, Kunst. Es gibt Menschen und Umstände, für die bzw. in denen ein Buch nicht einfach ein Buch ist, sage ich mir. Ein Buch, auch wenn es kein Künstlerbuch ist, ist manchmal einfach ein Zeichen guter Gesundheit, ein Leben mehr.

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