Schaufenster Berlin
Unsere Zukunft liegt im Bauen von kulturellen Brücken

Berlin Holocaust Mahnmal
Berlin Holocaust Mahnmal | © Foto (Zuschnitt): A. Todica, L. Caviglione, M. Larcher

Tommaso lebt seit etwa zehn Jahren in Berlin. Das 2014 von ihm gegründete Tourismus- und Kulturbüro beschäftigt ein Dutzend Mitarbeiter, darunter zwei Museumskuratoren, drei Architekten und diverse Experten für Marketing und Kulturtourismus.

Von Giulia Mirandola

Das Unternehmen organisiert Kulturreisen und Bildungsprogramme für Jugendliche wie Erwachsene und ermöglicht duale Berufsausbildungen in Berlin. Alle Projekte werden im Rahmen europäischer Programme zur Förderung der beruflichen Entwicklung und der länderübergreifenden Mobilität abgewickelt. Tommaso betont, dass er bereits Ende Februar innerhalb kürzester Zeit alle seit Monaten geplanten Projekte absagen musste.

Was ist am 23. Februar passiert?

An diesem Tag habe ich die ersten Absagen von italienischen Schulen erhalten, mit denen wir regelmäßig zusammenarbeiten. Wenige Stunden später meldeten sich dann die Agenturen. Schon in den darauffolgenden Tagen kamen zu den Absagen aus Italien Stornierungen aus halb Europa hinzu. In unglaublich kurzer Zeit ist bei uns alles zusammengebrochen. In den vielen Jahren, die ich bereits mit Kultur- und Produktionsbetrieben in Italien, Berlin und auf internationaler Ebene zusammenarbeite, habe ich noch nie ein so apokalyptisches Szenario erlebt.

Wie haben deine Verwandten und Bekannten in Italien die Situation erlebt?

Ich bin in einer Provinz im Norden aufgewachsen. Zu den nächstgelegenen Skipisten ist es nicht weit, fast jeder von uns fährt seit seiner Kindheit Ski. Bis vor kurzem - ich glaube, es war bis Sonntag, 8. März - waren die Liftanlagen noch voll in Betrieb und die Menschen fühlten sich sicher. Als ich versucht habe,zu rekonstruieren, bis zu welchem Tag das nun genau war, ist mir bewusst geworden, dass sich auch mein Zeitgefühl verändert hat.

Was ist das größte Problem, mit dem sich dein Unternehmen momentan konfrontiert sieht?

70% der Menschen, die unsere Dienste in Anspruch nehmen, kommen aus Italien. Das Jahr ist für uns gelaufen, wir sind am Boden, das ist offensichtlich. Die Grenzen eines Systems, in dem Entscheidungen auf individueller, nationaler Ebene getroffen werden, sind deutlich sichtbar geworden. Alle Brücken, die wir gebaut hatten, sind zusammengebrochen. Aber wir werden neue errichten. Die Zukunft liegt im Bauen von Brücken. Ich arbeite bereits am Programm für das Jahr 2021.

Wie sieht dein Tagesablauf aus, seit du in Quarantäne bist?

Ich arbeite von zu Hause aus. Meine beiden Kinder machen jetzt Homeschooling. Meine Lebensgefährtin ist Lehrerin und verlässt jeden Tag das Haus, zumindest derzeit noch. Sie ist verpflichtet, in die Schule zu fahren, auch wenn dort kein Unterricht stattfindet. Aber ich glaube, dass das nicht mehr lange so weitergehen wird, wir gehen davon aus, dass auch hier der Lockdown kommt.

Welche Auswirkungen hat die Situation auf lokaler Ebene?

Mein Unternehmen ist Teil eines dichten Netzwerks öffentlicher und privater Akteure aus der Kultur-, Kunst- und Theaterbranche. Ich bin in diesen Tagen durchgängig mit Kollegen und Freiberuflern in Kontakt, die ihren Wohnsitz in Berlin haben: Franzosen, Engländern, Kanadiern, Amerikanern, Israeli, die plötzlich kein Einkommen mehr haben. Die Situation ist dramatisch. Aus diesem Grund wurden Petitionen ins Leben gerufen, mit denen erwirkt werden soll, dass der Staat ein Grundeinkommen zahlt oder etwa einen bestimmten Prozentsatz des Vorjahreseinkommens, wie es hier im Zusammenhang mit Mutterschafts- oder Vaterschaftsurlauben üblich ist.

Wie wird es deiner Meinung nach in den einzelnen europäischen Ländern und auf europäischer Ebene weitergehen?

Es wird einen Neustart geben. Meine Hoffnung ist: nicht unter der Führung der antieuropäischen „Sovranisti“, wie wir sie nennen. Die Globalisierung ist in Gefahr, Europa hingegen steht am Anfang eines Neubeginns in Form eines „Europas der Völker“. Das System Europa muss sich weiterentwickeln, ich sehe keine andere Alternative.

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