Schaufenster Berlin
Climate Care Digital Archive

Floating University Berlin
Die Floating University während der Eröffnungszeremonie in den ersten Open Weeks im Mai 2018. | © Foto (Zuschnitt): Victoria Tomaschko

Im Zabriskie, dem Buchladen für Kultur und Natur wurde am 7. März die Einweihung des digitalen Archivs Climate Care gefeiert. Corona erschien in diesem Moment weit weg, die Berliner Buchhandlung war voll von geselligen Menschen. Das Archiv dokumentiert Climate Care – A curriculum for Urban Practice, ein transdisziplinäres Festival, das im Sommer 2019 im Rahmen der Floating University stattfand. Letztere, ein Experiment im Zeichen von „Naturkultur” und „dritter Landschaft”, ist 2018 in der Nähe des ehemaligen Flughafens Tempelhof entstanden und schwimmt tatsächlich auf dem Wasser.

Von Giulia Mirandola

Floating, ein Ort, der (uns) verändert

„Floating University“, nun nur noch „Floating“, ist der Fantasiename eines existierenden Ortes, aber auch einer Installation des Berliner Büros raumlabor (Global Award for Sustainable Architecture 2018) und einer sich ständig weiterentwickelnden Gemeinschaft, die 2018 ein Regenauffangbecken in der Nähe des ehemaligen Flughafens Tempelhof in ein außerordentlich interessantes Experiment im Zeichen der „Naturkultur” und der „dritten Landschaft” verwandelte.

An dieser Hochschule, einem Kultur-, Wohn-, Sozial- und Politikexperiment, fand im Sommer 2019 das transdisziplinäre Festival Climate Care – A curriculum for Urban Practice statt. Kuratorinnen waren Gilly Karjevsky und Rosario Talevi. Zehn Tage lang wurden anhand verschiedener Aktivitäten, wie Workshops, Performances, Klang- und Lichtinstallationen, Gummistiefeltouren im Becken, öffentlichen Gesprächen, Filmvorführungen, Diskussionen, Lesungen, DJ- und Jam-Sessions, Partys, die Zusammenhänge zwischen Umwelt, städtischer Praxis und Bildungsarbeit zum Klimawandel diskutiert.

Drei verschiedene, aufeinander abgestimmte Projekte

Das digitale Archiv Climate Care ist direkt über die Seite climatecare.s-o-f-t.agency erreichbar, oder indirekt über die Seite https://www.floatinguniversity.org. Die beiden virtuellen Orte, Archiv und Webseite, stehen miteinander in Verbindung, erkundet man sie jedoch sowohl parallel als auch einzeln, erhält man ein detaillierteres Gesamtbild. Wer ein Exemplar von Floating University Berlin 2018 – an illustrated report (raumlabor 2019) besitzt, kann die Erkundungstour auf der Basis von Hypertexten noch um eine dritte Art von Erzählung erweitern, ein traditionelles Objekt aus Papier, Worten, Fotos und Illustrationen, das die Aktivitäten des ersten Jahres der Floating University in einen Kontext setzt. Der Kontakt mit drei verschiedenen, aufeinander abgestimmten Projekten ist anregend: Alle sind sie zeitgenössisch, auf jeder Ebene sorgfältig gestaltet (Inhalte, Form, Funktion) und von derselben Umgebung inspiriert. Hier existiert spürbar der Wunsch, den Raum, die Orte, die menschliche und die nicht-menschliche Umwelt zu erfahren und davon zu berichten. Genauso deutlich wird der Wunsch, dabei von einem verlassenen Ort auszugehen, der, obwohl in der Stadt gelegen, nicht ohne Weiteres zugänglich ist, ein Ort, der unpassend erscheinen könnte und sich hingegen als ideal erweist. Hat man sich eine Weile damit beschäftigt, kommt eine Frage auf: Wie viel Vorstellungsvermögen ist nötig, um die Floating University und Climate Care zu konzipieren und umzusetzen?

Ein Labor für den Raum

Das Büro raumlabor hatte die Idee, vom ersten Tag an einen Workshop zum Bau von schwimmenden Pavillons zu veranstalten, die dann als Lernräume, Werkstatt, Küche, Toilette, Auditorium und Bar dienen sollten. Studierende zahlreicher Architekturfakultäten und Kunsthochschulen trafen ein, aus Deutschland, Norwegen, Kolumbien, der Schweiz, Österreich, den Niederlanden und Frankreich. Für sie alle ist die Floating University bis heute ein Ort der Möglichkeiten: der Möglichkeit, gemeinsam zu entwerfen, zu bauen, Seminare zu besuchen, an unzähligen Diskussionen, Vorlesungen und unkonventionellen Unterrichtsformaten teilzunehmen.
  • Programmzeitung des Climate Care Festivals im Sommer 2019 © Floating e.V.

    Programmzeitung des Climate Care Festivals im Sommer 2019

  • Flags for the Floating University, Andreco. Auszug aus Floating University 2018 – an illustrated report © Viktoria Tomaschko

    Flags for the Floating University, Andreco. Auszug aus Floating University 2018 – an illustrated report

Und die Kinder? Kinder zwischen 6 und 11 Jahren können die Kids University besuchen, die jeden Samstag kostenlose Workshops in verschiedenen Sprachen anbietet (auf Deutsch, Englisch, Türkisch, Italienisch und Spanisch). Mit Unterstützung von Bewässerungsexperten, Imkern oder Wissenschaftlern werden hier Experimente oder kartografische Übungen durchgeführt. Die Kinder unternehmen Ausflüge ins Becken, bei denen sie lernen, die Landschaft „zu lesen“, sie erproben ihr Interesse an Biologie, Zoologie und am selber bauen, sie lernen, mit Wildkräutern zu kochen, und erzählen in Wort und Bild, was um sie herum geschieht.

Das Schöne am digitalen Archiv

Raumlabor hatte von Beginn an die Absicht, ein Archiv anzulegen, und so haben die oben erwähnte Publikation, die stets im Werden begriffenen Inhalte der Webseite und die digitale Dokumentation Gestalt angenommen.

Insgesamt war eine Vielzahl von Personen am Projekt beteiligt: Architekt*innen, Künstler*innen, Zimmerleute, Kurator*innen, Projektplaner*innen, Buchhändler*innen, Wissenschaftler*innen, Landschaftsarchitekt*innen, Gärtner*innen, Köch*innen, Performer*innen, Musiker*innen, Fotograf*innen, Videokünstler*innen, DJs und DJanes, Lyriker*innen, Designer*innen, Illustrator*innen, Grafiker*innen, Programmierer*innen, Drucker*innen.

Atlas/Studio (Lucía Alonso und Ernesto Bauer), der Programmierer Lucas Pose und der Grafiker Roman Karrer haben das digitale Archiv gemeinsam erarbeitet, ausgehend vom gesamten Text-, Foto-, Video- und Audiomaterial, das letzten Sommer im Rahmen von Climate Care gesammelt worden war. Eine beeindruckende Menge an Stunden, Aktionen, Themen, Ereignissen, Personen, Geschichten steht nun gebündelt an einem Ort zur Verfügung: Dies ist das Schöne an einem digitalen Archiv, wenn es einmal verwirklicht wurde und wir uns damit verbinden können.

Leichtfüßig durch die Welt gehen

Charakteristisch für das digitale Archiv ist etwa, dass es häufig einen Bogen spannt, von virtuellen, künstlichen, fiktiven Orten hin zu physisch erfahrbaren, natürlichen, konkreten Orten. Außerdem gewinnt man deutlich den Eindruck, dass sich der anarchische Charakter des Floating-Experiments und die Sprache des digitalen Archivs ähneln. Bei beiden Projekten stechen Elemente hervor, die zur digitalen Sphäre gehören: Sie sind allen zugänglich, lokal und global vernetzt, kostenlos, transmedial. Verschiedene Fachsprachen sind gleichzeitig präsent, die Prozesse partizipativ, die Daten allgemein verfügbar. Die Pavillons der Floating University treiben auf dem Wasser, die Daten treiben im Netz, unsere Ideen treiben dahin, bis sie feste Umrisse annehmen, und sie können erneut dahintreiben und auch uns mittragen, wenn wir leichtfüßig durch die Welt gehen.

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