Schaufenster Berlin
​Eine neue Art von Distanz

Leonora
© Foto (Zuschnitt): Francesco Meneghini

Leonora ist 2013 mit ihren zwei kleinen Töchtern nach Berlin gekommen. Neben ihrer Tätigkeit als Herausgeberin und Journalistin für das Wochenmagazin „D – La Repubblica delle donne“ ringt sie dem Alltag auch Momente ab, in denen sie nur für sich schreibt, sich Orte und Figuren ausdenkt. Leonoras Ansicht nach hat Corona eine neue Art von Distanz zwischen Menschen geschaffen, die räumlich voneinander getrennt sind.

Von Giulia Mirandola

Wie gehst du mit der Distanz zu Freund*innen und Familienangehörigen in Italien um?

Mir geht es wie vielen Menschen, die beschlossen haben, im Ausland zu leben. Wir wussten schon immer, dass wir zwischen zwei Stühlen sitzen, auch emotional. Was mir völlig neu erscheint, ist das Gefühl von Angst, von Einschränkung, und die Entstehung einer neuen Art von Distanz zwischen uns hier und den Menschen, die uns in Italien am Herzen liegen. Eine ungeheuer große Distanz.

Welche unmittelbaren Veränderungen gab es bei deiner Arbeit?

Ich hatte einige Dienstreisen geplant, nach Mailand und Turin. Alle vorgesehenen Termine wurden abgesagt: die internationale Möbelmesse, die internationale Buchmesse in Turin, ein Schreibkurs. Ich bin noch einige Tage lang ins Büro gegangen, dann habe ich mich zu Hause eingerichtet. Wirklich spürbar war die Veränderung, als meine Töchter nicht mehr zur Schule gingen.

Homeoffice und Homeschooling scheinen neue Paradigmen zu sein. Wie siehst du das?

Ich glaube, diese Begriffe passen nicht zur Situation, die wir gerade erleben. Zurzeit kommt mir mein Leben wie ein Zeltlager vor. Einerseits bewältige ich den Alltag mit extremer Effizienz, andererseits ist da ein bittersüßes Gefühl, wie bei einem Familienurlaub, in dem man niemals für sich ist. Diese außergewöhnliche Nähe kann anstrengend sein, aber sie schafft auch die Chance für Neues.

Was fällt dir an deinen Kindern auf?

Meine Töchter sind sieben und neun Jahre alt. In den ersten Tagen nach der Schulschließung war ihnen ihre Alltagsroutine noch sehr präsent, und ich spürte, dass sie sie aufrechterhalten wollten. Am Ende der zweiten Woche war die Begeisterung schon abgeflaut, und in den letzten Tagen wollten sie nicht mehr rausgehen. Wir werden sehen, was passiert. Auch wir Erwachsenen durchleben jetzt verschiedene Phasen, auf diese Zeit hatte uns nichts vorbereitet.

Wie ist dein Verhältnis zum Schreiben unter diesen Umständen?

Ich musste mir die Zeit zum Schreiben in den letzten Jahren immer „stehlen“. Ich dachte, ich müsste dafür in Klausur gehen. Diese Vorstellung hat sich jetzt in Luft aufgelöst. Man schreibt auch im Kopf, aber erst, wenn ich etwas zu Papier bringe, weiß ich, ob der Stoff wirklich gut ist. Wenn die Außenwelt fehlt, kann darunter auch die Innenwelt leiden. Darum mache ich mir eine Menge Notizen auf dem Smartphone. Ich denke mir gerade eine Hausgemeinschaft aus, die von ziemlich ausgeprägten Persönlichkeiten bewohnt wird, Metaphern für die Auswirkung, die Corona auf unser Leben hat.

Was fehlt dir am meisten?

Zeit für mich, mag sie auch kurz sein, und die Möglichkeit, ohne Einschränkung spontan rauszugehen. Vor unserem Haus gibt es einen Park. Jetzt ist er abgesperrt, meine Tochter und ich spielen am Rand der Barrieren Ball. Dieses Bild hält für mich das Ende einer Zeit fest, in der Berlins Spielplätze ein starkes Symbol für die Stadt waren, für die hiesige Vorstellung vom öffentlichen Raum und von der Kindheit.

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