Ausgesprochen ... Berlin
Berliner Clubs on/off

Berlin Clubs
©dpa/ Christoph Soeder

Der Umsatz von Berliner Clubs betrug vor Corona jährlichen rund 1,5 Milliarden Euro. Ein Viertel aller Tourist*innen besuchte die Metropole, um die berühmten langen Nächte Berlins zu erleben: exzessiv, vielfältig, verrückt, ausschweifend. Dass die Clubs schließen mussten, ist nicht nur die Schuld der Politik.

Von Marie Leão

November 2021, Dienstagnachmittag, ein junger Mann in der U1 – die Partylinie durch Friedrichshain-Kreuzberg. Sein Telefon klingelt, und er schreit in den ganzen Waggon: „Wasn los, Alta? Wo warste am Sonnabend? Wir warn‘ auf der P.-Party! Wir ham‘ über die Mauer gesprungen! Es war so cooool, ich hab‘ 18 Stunden lang getanzt!“ Dann rezitiert er die Liste aller Drogen, die er in der Zeit nahm. Er steigt am Kotti aus. Das Gelächter im Waggon war genussvoll, fast selbstgefällig. Pure Berliner Folklore. Ich denke: Wow, welche Gesundheit! Verschwende deine Jugend, aber gefährde nicht andere.

Das Berliner Nachtleben war schon immer weltberühmt. Nach dem Mauerfall explodierte die Clubszene. Berlin war günstig und zog vor allem verrückte Künstler*innen, Kreative und allgemein Menschen an, die sich für einen alternativen, selbstbestimmten Lebensstil entschieden. Dann kam der EasyJetset. Die Leute wollten: Techno, Schweiß und mehr.
 

Die Party ist vorbei und somit auch die „Fear of Missing Out“. Oder?


Doch mit der ersten Corona-Welle endete die Berliner Party im März 2020. Die Clubs waren die ersten, die geschlossen wurden – viele für immer. Einer der wichtigsten Wirtschaftsmotoren des Stadtstaates kam zum Stillstand. Das Gesicht Berlins veränderte sich: die feiernden Touris verschwanden, die Bahnen waren nachts leer.

Doch trotz der Pandemie haben manche nie aufgehört zu feiern. Viele Partys ergaben sich spontan in den Parks. DJs legten Musik auf und übertrugen den Ton per Bluetooth auf tragbare Lautsprecher, die das Publikum selbst von zu Hause mitbrachte. Ich habe mich immer gefragt: Sind diese Partys eine Art Jugendrevolte? Sie schienen wie eine inkonsequente Reaktion auf die Tatsache, dass Jugendliche und Kinder die am meisten benachteiligte Altersgruppe während der Pandemie waren und sind?

Andererseits: Zur Zeit der Clubschliessungen waren einige meiner Freund*innen fast erleichtert, weil es keinen Druck mehr gab, auszugehen und sich in der Szene zu zeigen. Es gab nicht mehr das Gefühl, dass man immer etwas verpasste. Die berühmte FoMO (Fear of missing out) gab es nicht mehr, denn schließlich hatten wir ja nichts mehr zu verpassen.
 

Clubs kurz wieder offen


Endlich konnten die Clubs im September 2021 wieder öffnen – die letzten, die zur „neuen Normalität“ zurückkehrten. LCavaliero, DJ und künstlerischer Leiter des SchwuZ, Berlins größtem LGBTIQA*-Club, erzählte mir damals, dass die Freude der Menschen überwältigend war. „Es war eine körperliche Erfahrung. Die Leute drehten durch, sie sangen lautstark mit. Es war magisch!“
Ich selbst war in dieser Zeit auf genau zwei Partys und das am selben Abend. Die erste Party war im eben genannten SchwuZ, wo ich mich überhaupt nicht unsicher fühlte. Trotzdem war es ungewohnt, so ohne Maske – ein ähnliches Gefühl, wie wenn wir Filme aus der Zeit vor der Pandemie sehen, in denen niemand eine Maske trägt. Als ob das etwas völlig Normales wäre – was es in der Tat ist oder normalerweise war.
Die Veranstalter*in des SO36, die Kreuzberger Institution, Lilo Unger beobachtete, dass sich die Leute am Anfang weniger umarmten oder küssten. Dafür strahlten sie aber eine unglaubliche Dankbarkeit aus, dass sie endlich wieder feiern durften.

Dankbar war ich auch. Meine zweite Party fand in einem kleinen, aber renommierten Techno-Club statt. Hier war der Eintrittspreis viel teurer als sonst – ähnlich wie beim Berghain vor der Pandemie. Aber aus Solidarität habe ich nicht um einen Platz auf der Gästeliste gebeten. Das war meine Art, den Club zu unterstützen.
Die Leute feierten, als gäbe es kein Morgen – genauso wie früher. Die Tanzfläche war rappelvoll und die Luft dementsprechend schlecht. Ich bin keine 40 Minuten drin geblieben. Meine Corona-Warn-App wurde nach dieser Nacht rot.
G., Resident-DJ und Mitveranstalterin* unserer ¡MASH-UP!-Party hat mich einige Male überreden wollen, wieder Veranstaltungen zu organisieren, schließlich hatten wir die Möglichkeit vom Senat finanzielle Mittel zu erhalten. Ich fand es jedoch besser, zu warten und kein Risiko einzugehen, schließlich waren die Auflagen groß und wir klein. Seit zwei Jahren machen wir keine Partys mehr.

Déjà-vu


Doch mit dem Einbruch der Winterkälte und wegen des zusätzlichen Widerwillens und Egoismus ungeimpfter Erwachsener erhöhte sich die Zahl der Infektionen. Die sogenannten "Tanzlustbarkeiten" wurden wieder verboten. „Es war ein Déjà-vu“, sagte mir Lilo.
Die Schließung war richtig, findet LCavaliero. „Es ist nicht ok, wenn Menschen auf der Intensivstation landen, während andere unbeschwert tanzen“. Lilo fügt hinzu: „Die politischen Entscheidungsträger*innen hätten im Sommer nicht sagen dürfen, dass jetzt alles in Ordnung sei, nur weil die Inzidenz niedrig war, sondern hätten mehr impfen müssen. Und die Arbeitsbedingungen und Gehälter des Pflegepersonals in den Krankenhäusern verbessern müssen“. Ich stimme beiden zu.

Und so komme ich auf den Typen in der U-Bahn zurück, der den Club durch einen Sprung über die Mauer betrat – ohne Eintritt, ohne einen CovidPass-Check – und damit die Clubkultur herabsetzte, die er so cooool findet. Es ist auch wegen solchen Haltungen, dass die Clubs wieder schließen mussten.
 

„AUSGESPROCHEN …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Marie Leão, Susi Bumms, Maximilian Buddenbohm und Sineb el Masrar. Unsere Berliner Kolumnist*innen werfen sich in „Ausgesprochen … Berlin“ für uns ins Getümmel, berichten über das Leben in der Großstadt und sammeln Alltagsbeobachtungen: in der U-Bahn, im Supermarkt, im Klub.

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