Ein Gespräch mit Carola Köhler
Der römische Comic-Star Zerocalcare erobert Deutschland

Carola Köhler
© Jensen Zlotowicz

2017 erschien Zerocalcares Graphic Novel „Kobane Calling“ in deutscher Übersetzung. Jetzt hat die Übersetzerin Carola Köhler dafür und für „Die Tage der Amsel“ (2018) von Manuele Fior den Förderpreis des Deutsch-Italienischen Übersetzerpreises 2020 gewonnen. Im März 2021 kam sie nach Rom in die Villa Massimo.

Von Sarah Wollberg

Zerocalcare ist in Italien ein Star der Comic-Szene. Wie haben Sie seinen römischen Dialekt ins Deutsche übertragen?

Italienischen Dialekt ins Deutsche zu übertragen, ist immer eine Herausforderung. Natürlich kann man Leute, die aus Rom stammen und in Rom unterwegs sind, in der Übersetzung nicht berlinern oder hessisch babbeln lassen, das wäre unglaubwürdig. Stattdessen ist die Frage, von wem und in welchen Situationen eigentlich Dialekt gesprochen wird. Bei Zerocalcare spielt der römische Dialekt vor allem in der Kommunikation zwischen ihm und seinen Freund*innen eine große Rolle. Es geht also um Nähe und Vertrautheit, um ein sozusagen „intimes“ Sprechen, für das der Dialekt den sprachlichen Code liefert. Auf Deutsch redet man in vergleichbaren Situationen eher in einer jugendsprachlich geprägten Umgangssprache. An den entsprechenden Stellen habe ich deshalb versucht, umgangssprachlichen Slang zu verwenden, mit ein paar speziellen Ausdrücken hier und da, um dem Ganzen Farbigkeit zu verleihen. Wichtig war mir, für alle Regionen und alle Altersgruppen verständlich zu bleiben, also so etwas wie einen „überregionalen und übergenerationalen Sound“ zu finden, der in gewissem Sinne auch „überzeitlich“ ist, sprich von bestimmten Modewörtern absieht und hoffentlich auch in einigen Jahren noch gut lesbar ist. Und natürlich muss man als Übersetzerin bereit sein, an manchen Stellen Kompromisse zu machen.

Auch Zerocalcares Humor ist einerseits sehr persönlich, andererseits ebenfalls sehr römisch. Was kann man davon nach Deutschland vermitteln?

Ich weiß gar nicht, ob ich den Humor unbedingt nur als „römisch“ bezeichnen würde. Humor ist ja ebenfalls ein sehr interessantes Phänomen beim Übersetzen. Eine Bemerkung als humorvoll zu verstehen, hat viel damit zu tun, dass wir mit einen bestimmten Kontext vertraut sind und eine entsprechende Anspielung darauf verstehen. Bei Zerocalcare gibt es jede Menge (selbst-)ironischer Bemerkungen, die auf die Gegebenheiten in Rom anspielen, aber auch auf italienische Eigenheiten, Filme und Politik, auf eher popkulturelle Sachen wie Mangas, Zeichentrickserien und Videospiele, auf Internetphänomene und auf seine eigenen Comicfiguren. Um das zu übertragen, braucht es zum Teil einfach Anmerkungen, die ein paar Zusatzangaben liefern, um einen Witz nachvollziehen zu können. Manches funktioniert auch über die Bilder, die es ja zum Glück bei einer Graphic Novel noch dazu gibt. Und an manchen Stellen muss man sich als Übersetzerin auch damit abfinden, dass der Witz bzw. die Anspielung nicht übertragen werden oder nicht alle feinen Verästelungen, auf die der Witz im Original abzielt, in der Übersetzung enthalten sein können. Letztendlich zeigt sich hier mit am deutlichsten, dass es bei einer Übersetzung eben immer nur um eine Annäherung an das Original gehen kann, die natürlich so dicht dran wie möglich sein sollte, aber niemals deckungsgleich sein wird. 

In seiner Graphic Novel „Kobane Calling“ geht Zerocalcare weit über sein Stadtviertel Rebibbia in Rom hinaus. Was macht das Buch so universell?

Ich denke, das hat damit zu tun, dass „Kobane Calling“ von zivilgesellschaftlichem Engagement erzählt und dieses anhand von Zerocalcares Reisen nach Kurdistan und Rojava auch mit Leben füllt. Dabei geht es ihm zum einen um eine Art Medienkritik, er möchte nämlich Informationen beschaffen, um das verzerrte Bild des kurdischen Befreiungskampfes geradezurücken. Zum anderen ist seine Perspektive nicht die des allwissenden Checkers, sondern er stellt sich mit all seiner Unsicherheit, Unwissenheit und Naivität dar. Das macht ihn, glaube ich, für viele Leser*innen sehr anschlussfähig.

  • Zerocalcares Graphic Novel “Kobane Calling” (Buchcover) © Avant-Verlag

  • “Kobane Calling” von Zerocalcare © Avant-Verlag

  • “Kobane Calling” von Zerocalcare © Avant-Verlag

  • “Kobane Calling” von Zerocalcare © Avant-Verlag

  • “Kobane Calling” von Zerocalcare © Avant-Verlag

Was ist das Besondere daran, eine Graphic Novel zu übersetzen, im Gegensatz zum Roman?

Der Hauptunterschied liegt meines Erachtens im beschränkten Platz der Textfelder und Sprechblasen bei der Graphic Novel und bei Comics überhaupt. Beim Übersetzen eines Romans spielt es eher eine untergeordnete Rolle, dass bestimmte syntaktische Strukturen des Italienischen im Deutschen mit mehr Wörtern wiedergegeben werden, was letztendlich eine höhere Zeichenzahl bedeutet. Beim Comic hingegen stellt dieser formale Aspekt eine weitere Anforderung dar, denn nach der Übersetzung muss der deutsche Text längenmäßig in eine Form gebracht werden, dass er „ins Bild“ passt. Da heißt es Zeichen zählen, kürzere Varianten finden, verdichten. Und das möglichst, ohne dass Inhalt verloren geht. Für mich stellt die Übersetzung von Graphic Novels eine sehr reizvolle, aber auch sehr komplexe Aufgabe dar, bei der es Inhalt und Form in optimaler Weise in Übereinstimmung zu bringen gilt.

Manuel Fior, „Die Tage der Amsel“, 2018. © © Avant-Verlag Manuel Fior, „Die Tage der Amsel“, 2018. © Avant-Verlag
Sie erhielten den Übersetzerpreis für „Kobane Calling“ (2017) von Zerocalcare und für die „Die Tage der Amsel“ (2018) von Manuele Fior. Worin unterscheiden sich die beiden vor allem sprachlich?


Während „Kobane Calling“ auch von seinem Umfang her sicher problemlos als „Graphic Novel“ gelabelt werden kann, sind Manuele Fiors „Tage der Amsel“ vielleicht eher so was wie „Graphic Short Stories“, sprich es sind mehrere kürzere Geschichten, die der Band versammelt. Bei Fior ging es nicht um Dialekt, Jugendsprache und hunderttausend Anspielungen, die es zu entschlüsseln galt, sondern vielmehr um poetische Aspekte, mit kleinen Ausflügen ins Transzendale. Eine klare, vermeintlich einfache Sprache musste in all ihrer Schönheit ins Deutsche übertragen werden.

Gibt es ein Buch, das Sie besonders gern ins Deutsche übersetzen würden?

Vor ein paar Monaten habe ich mir eine Graphic Novel von Vanna Vinci zu Maria Callas gekauft, deren grafische Umsetzung mich sofort begeistert hat. In der Quarantänezeit habe ich sie dann endlich auch gelesen und war so angetan, dass ich sofort eine Rohübersetzung gemacht habe. Dabei bin ich gar nicht unbedingt Callas- oder Opernfan. Beim Übersetzen habe ich mir dann aber jede Menge YouTube-Videos angeschaut, um der Faszination, die von dieser Sängerin ausging, auf die Spur zu kommen. Meiner Meinung nach gelingt es Vanna Vinci, die Lebensgeschichte der Callas zwischen den beiden Polen „göttinnengleich verehrte Sängerin“ und „Bedürfnis nach einer normalen bürgerlichen Existenz“ auf eine so interessante Art zu erzählen, dass man dafür weder die Callas kennen noch Opernfan sein muss. Leider hat keiner der deutschen Verlage, denen ich das Projekt vorgeschlagen habe, bislang angebissen. Aber ich suche weiter und hoffe darauf, dass ich noch fündig werde!

Im März 2021 kommen Sie in die Villa Massimo. Was verbinden sie mit der Stadt Rom?

Jede Menge und alles Mögliche. Für mich ist Rom eine verrückte ältere Lady, ein bisschen ramponiert, weil vom Leben nicht immer mit Samthandschuhen angefasst, aber letztendlich rappelt sie sich immer wieder auf, richtet ihr Krönchen und stöckelt erhobenen Hauptes weiter. Alle drehen sich nach ihr um, jeder möchte in ihrer Nähe sein, und gleichzeitig zerreißt man sich hinter ihrem Rücken das Maul über sie. Aber sie ficht das nicht an, weil sie weiß, dass das nur Neid ist und dass manche sonst was geben würden, um nur einen Bruchteil der Schönheit und der Energie zu haben, die sie trotz aller Blessuren ausstrahlt … Dazu gesellen sich ferne Erinnerungen an meinen Lateinunterricht, intensive Pasolini-Lektüren, das Erleben von ätherischer Transzendenz in Borromini-Kirchen. Anna Magnani, Mamma Roma und Rom, offene Stadt. Michelangelo, Caravaggio und Angelika Kauffmann. Santa Maria Maggiore, Galleria Borghese und Maxxi. Goethe, Fanny Lewald und Ingeborg Bachmann. Franca Magnani, Rossana Rossanda und Miriam Mafai. L’orma editore, Minimum Fax und Fandango. Ich freue mich jedenfalls sehr über den Preis, die Anerkennung meiner Arbeit und die damit verbundene Möglichkeit, einen Monat in der Villa Massimo verbringen zu können.

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