Europa
Die EU ist keine Selbstverständlichkeit

Europäische Union
Europäische Union | Foto: © Lukasz Kobus

Am 26. Mai finden die Wahlen für ein neues EU-Parlament statt. Arturo Bjørklund Winters, 23 Jahre alt, in Italien aufgewachsen, aber in Europa zu Hause, hat beschlossen zu kandidieren, denn wenn seine Generation mitbestimmen will, muss sie sich endlich einen Ruck geben.

Von Andrea Affaticati

Seine Herkunft ist in sich schon ein europäisches Kuddelmuddel: Vater Deutscher, Mutter Schwedin, geboren und aufgewachsen in Mailand. Auch sein Name trägt davon Zeugnis: Arturo Bjørklund Winters. Man kann davon ausgehen, dass er seine europäische Identität mit der Muttermilch aufgesogen hat und auch deswegen als Kandidat für die anstehenden EU-Wahlen in die Wahlarena steigt. Winters lebt in Berlin, wo er physikalische Ingenieurwissenschaft studiert, pendelt aber weiter durch den alten Kontinent: „Das mit der europäischen Identität ist so eine Sache. Im italienischen Kindergarten war ich der Deutsche. Mit meinen Eltern habe ich in Paris meinen Opa und in Dänemark meine Tante besucht. Und überall fühlte ich mich zu Hause“. Ein Heimatgefühl, was immer das auch heißen mag, sei ihm fremd gewesen. Und erst in der deutsch-italienischen Begegnungsschule, der Deutschen Schule in Mailand, sei ihm langsam ein Licht aufgegangen. „Das verdanke ich unter anderem auch zwei Klassikern, Goethes Leiden des Jungen Werthers und Foscolos Ultime Lettere di Jacopo Ortis, die, wie ich finde, viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Was bin ich also: Italiener? Deutscher? Schwede? Nein, ich bin Europäer, basta. Wie lautet das europäische Motto? In Vielfalt geeint“.

Damit wir nicht Geiseln der älteren Generationen werden

Für ihn sei Europa schon immer eine Selbstverständlichkeit gewesen. Wenn seine Eltern ihm von den Warteschlangen und Passkontrollen an den Grenzen erzählten, hörte sich das für ihn an, als wären Lichtjahre verstrichen. Wobei es ja in Europa einst auch schonmal anders war. „Wie Stefan Zweig in seinem Buch Die Welt von gestern erzählt. Darin erfährt man, dass sich zu seiner Zeit eine große Bevölkerungsschicht als Europäer verstand“. Ein Verständnis, das heute bei den älteren Generationen zu schwinden scheint, während es bei den Jugendlichen wächst, wie man aus einer Studie der Tui Stiftung „Junges Europa 2018 – So denken Menschen zwischen 16 und 26 Jahren“, entnimmt.
Arturo Bjørklund Winters Foto: © Privat
Winters erklärt sich die Skepsis der Älteren gegenüber der EU folgendermaßen: „Ich denke, das hat mit Versprechen zu tun, die nicht eingehalten wurden. Ich zitiere da nur eines von vielen: Wohlstand für alle“. Dafür, dass diese Haltung im Moment die entscheidende ist, trage auch seine Generation eine gewisse Mitverantwortung: „Der Brexit ist hierfür ein Paradebeispiel. Viele junge Briten haben das Referendum verschlafen und erst jetzt gehen sie auf die Straße, um in der EU zu bleiben.”

In den Schulen muss auch europäische Geschichte unterrichtet werden  

Natürlich müsse man Europa den Europäern auch näher bringen. Die 68er-Generation sei von Visionen beflügelt gewesen, heute vermisse er diese Visionen. Doch Visionen gründen auf Wissen und Bewusstsein, die es zu vermitteln gelte. Und zwar schon in der Schule, meint Winters. Es sei für ihn schwer nachvollziehbar, dass das ganze Bildungswesen noch in der Obrigkeit der Nationalstaaten liege und so wenig europäische Geschichte unterrichtet werde. „Wenn man immer nur die eigene Geschichte kennt, ist Integration schwierig“. Deswegen plädiere er dafür, sich ein Beispiel an der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung zu nehmen, „ein Unikum weltweit“, und eine ähnliche Institution auf europäischer Ebene aufzubauen.

Eine Bildungsreise durch Europa

Bildung findet aber nicht nur durch Bücher statt. Auch das Reisen gehöre dazu. „Persönlich würde ich eine Reise quer durch Europa in Verdun starten, wo eine der grausamsten und verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkriegs stattgefunden hat, und dann weiter in die Normandie nach Omaha Beach fahren, wo die Alliierten am 6. Juni 1944, dem D-Day, landeten. Man würde so verstehen, wovor uns die EU schützt. Weiter sollte man die kulturellen Stätte und Städte aufsuchen und natürlich die Grenzregionen wie das Saarland, Südtirol, die Stadt Triest, die Oder-Neisse-Grenze”. Für Winters ist es der größte Fehler, den seine Generation machen könnte, die Europäische Union als eine Selbstverständlichkeit zu verstehen, für die man sich nicht zu engagieren braucht.


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Im Rahmen von Freiraum.

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