Ein literarischer Streifzug
Roberto Keller, ein Verleger, der sich als Grenzgänger versteht

Keller Editore – Bücher
Keller Editore – Bücher | Foto: © Andrea Affaticati

Europa braucht eine Vision, die aber nicht nur auf der Wirtschaft fußt. Dieser Aufgabe hat sich ein kleiner, unabhängiger Verlag im Trentiner Rovereto verpflichtet. Denn Grenzen kann man, wie es die Flüsse vormachen, überwinden.

Von Andrea Affaticati

„Der große italienische Schriftsteller Mario Rigoni Stern meinte, für die Menschen in den Bergen und ihre Tiere gäbe es keine Grenzen“, erzählt der aus Rovereto stammende Verleger Roberto Keller. Rovereto liegt in der Region Trentino-Südtirol und gilt heute nicht mehr als Grenzstadt, doch bis 1918 lagen Italiens Grenzen südlich davon. Natürliche Grenzen oder von den Großmächten einst einfach durch die Landschaft gezogen, ungeachtet der Bevölkerungen, einem Würfelspiel gleich. Südtirol und Istrien sind zwei geografisch naheliegende Beispiele. „Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wenn mein Opa beim Essen von seiner Zeit als Zimmermann erzählte. Sein Deutsch hörte sich für mich wie ein unverständlicher Mischmasch an, in dem auch italienische und slawische Wörter vorkamen“. Ein sprachlicher Melting Pot. Wie gesagt, heute liegt Rovereto etwas weiter weg von der Grenze und Deutsch spricht man nur noch in Südtirol, also im anderen Teil der Region, trotzdem versteht man sich im Verlagshaus weiter als Grenzregion. „Um es bildlich zu formulieren“, fährt Keller fort, „bewegt sich unser Kopf schon immer wie ein Tennisball hin und her, einmal Richtung Mitteleuropa, ein andermal Richtung Italien.“ Doch Grenzen seien für ihn wie ein Fluss, der in seinem Dahinfließen über oder unter der Erde, den politischen Trennungen trotzend, Regionen verbindet. Deswegen auch der Blog auf der Homepage des Verlags „Sul confine“.

Was verbindet uns Europäer?

Wenn man von Flüssen spricht, fällt einem Claudio Magris und sein Buch Donau. Biographie eines Flusses ein – und „eines Kontinents“, fügt man instinktiv hinzu.
Roberto Keller
Roberto Keller | Foto: © Lucia Baldini
Doch es lohnt sich auch, tiefer in der Literaturkiste zu stöbern, meint Keller. Gerade jetzt, wo die Orientierungslosigkeit in Europa immer mehr Fuß fasst. Da wäre zum Beispiel das Buch des rumänischen Schriftstellers Liviu Rebreanu Der Wald der Gehenkten. Georg Aetschs Neuübersetzung ins Deutsche erhielt soeben eine Nominierung bei der Leipziger Buchmesse. Über Rebreanus Buch schrieb Hans-Peter Kunisch unlängst eine begeisterte Rezension in der Süddeutschen Zeitung: „‚Ein Offizier soll gehenkt werden. Der Hauptmann fragt nach der ‚Schuld’. Der Gefreite ist verwirrt: ‚Nun, Herr Hauptmann… wie sollten wir das denn wissen? Im Krieg ist das Leben des Menschen wie eine Blume, die, wer weiß weshalb, ihre Blätter verliert.’ Ein Irrer? Ein Zyniker? Oder nur ein gewöhnlicher Soldat mit ernüchternden Erfahrungen, der die Frage nach der Schuld im Krieg vergessen hat?“. Das Buch erschien 1922, sechs Jahre vor Erich Maria Remarques berühmten Im Westen nichts Neues. „In diesem Buch geht es um die für den Protagonisten quälende Frage, wer Feind, wer Freund auf dem Kriegsfeld ist, um die Frage der Schuld eben“, fährt Keller fort. Ein weiterer Klassiker, den man absolut lesen sollte, um den Ursprung des heutigen Europas zu verstehen, ist Dino Buzzatis Die Tartarenwüste: „Wo das Warten auf den Feind zum zentralen Thema wird. Im Roman sind die Feinde die Tartaren, in unserer Zeit die Migranten.“

Landschaften, die zum Nachschlagwerk werden

Dass aus diesen von Blut getränkten Ländern – Bloodlands nennt sie Timothy Snyder in seinem Meisterwerk – doch noch die Europäische Union entstehen konnte, gleicht einem Wunder, dessen Einmaligkeit man sich immer wieder in den Sinn rufen sollte. „Zwei wunderschöne Bücher, die hier als Anleitung dienen könnten, sind:  Aleida Assmanns Der europäische Traum und Martin Pollacks Kontaminierte Landschaften, zwei gegenwärtige Autoren. Während Assmann der Frage nachgeht, welche gemeinsame Lehren die Europäer aus der Geschichte entnommen haben, schlägt Pollack ‚landschaftliche’ Brücken durch dieses Europa, hauptsächlich Osteuropa, das sich vielmehr als Nachschlagewerk, als romantische Kulisse, anbietet“. Es stellt sich die Frage, ob man nicht auch die Politiker zu diesen Lektüren animieren sollte. Allzu oft hat man das Gefühl, ihr Wissen über Europas Geschichte sei doch nicht wirklich solide. „Ob sie wenig lesen weiß ich nicht“ sagt Keller. „Aber ich bin davon überzeugt, dass Literatur beziehungsweise Kultur, Teil einer europäischen Gesamtvision sein müssen, während die Politik heute zunehmend von der Wirtschaft unter Druck gesetzt wird“. Genau dieser Aufgabe hat sich der Verlag verpflichtet. Die meisten der hier genannten Bücher sind oder werden gerade von ihm für die italienischen Leserinnen und Leser übersetzt.

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