Europa
Wenn Medien zu Gladiatoren werden

Press
Foto (Zuschnitt) © Alexas

Die Aufgabe der Medien ist es, die Bildung einer öffentlichen Meinung zu fördern, nicht die, Ressentiments zu schüren. Doch leider geschieht Letzteres immer öfter zwischen den Medien der verschiedenen EU-Länder. Ein gefährliches Spiel, wie schon Karl Kraus erkannt hatte.

Von Andrea Affaticati

„Schuldenland Italien – Die Schnorrer von Rom – Wie soll man eine Nation nennen, die erst die Hand aufhält, um sich ihr schönes Leben von anderen finanzieren zu lassen und dann ihren Geldgebern droht, wenn diese die Rückzahlung der Schulden anmahnen?“, schrieb Jan Fleischmann am 25. Mai 2018 in einer Kolumne für den Spiegel. Titel und Artikel lösten, wie es nicht anders zu erwarten war, eine Welle der Entrüstung in Italien aus. Die linke Tageszeitung Il Manifesto antwortete darauf: „Der geringschätzige Ton und der Fokus auf das Schmarotzervolk, das auf Kosten der Fleißigen leben möchte, verrät eine vulgäre nationalistische Einstellung (...), die der von Matteo Salvini gleicht. (...) In beiden Fällen ist die kooperative und gemeinsame   europäische Dimension die Zielscheibe der ‚nationalen Prioritäten’“. Die Zeitung Il Fatto Quotidiano schrieb wiederum am 18. Februar 2017 „Deutschland exportiert Deflation, Depression und Arbeitslosigkeit. Warum?“

Die Medien und ihre Verantwortung

Beispiele solcher medialen Attacken gibt es in letzter Zeit immer mehr und betreffen nicht nur Deutschland und Italien, obwohl es gerade zwischen diesen zwei Ländern – die sich zwar lieben, aber doch nicht immer geheuer sind –  wiederholt zu solchen Konfrontationen kommt. Rauer wurde der Ton während der Wirtschaftskrise, vielleicht erinnert sich jemand noch an den Titel der Bild-Zeitung über Griechenland „Verkauft doch Eure Inseln, ihr Pleite-Griechen... und die Akropolis gleich mit!“ am 27. Oktober 2010. In letzter Zeit ist es wiederum die kritische Haltung des Westens gegenüber einigen zunehmend illiberalen Regierungen in Osteuropa, die zu medialen Auseinandersetzungen führen und Ressentiments schüren.
 
Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann meinte einst: „Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“ Was die Geschichte mit dem medialen Krieg zu tun hat, kann man in Karl Kraus Meisterwerk Die letzten Tage der Menschheit nachlesen. Hier schildert er auf einprägsame Weise, wie sehr die Medien damals die Hand im Spiel hatten, wenn es darum ging die Bevölkerung zu beeinflussen und zu manipulieren.

Zeitungen Foto: © Andrea Affaticati
Es heißt ja nicht umsonst, der Journalismus sei neben der Exekutive (Regierung und öffentliche Verwaltung), Legislative (Parlament) und Judikative (Rechtsprechung), die vierte Gewalt. Nur diese „Gewalt“ sollte mit gut recherchierten und nicht auf Klischees basierenden Artikeln der Öffentlichkeit helfen, sich selbst eine Meinung zu bilden. Eine Aufgabe, die jetzt, wo das Internet es jedem ermöglicht, etwas ins Netz zu stellen, ob Fakten oder Fake News, besonders wichtig erscheint.

Auch die Medien sind im Kalten Krieg verfangen

Dem ist aber nicht so, wie Marc Stegherr in seinem 2018 veröffentlichten Buch Der neue Kalte Krieg der Medien erzählt, wobei der Autor hier vornehmlich die Konfrontation zwischen osteuropäischen und westlichen Medien im Augenschein hat. Stegherr zieht Parallelen zu der Berichterstattung am Vorabend des 1. Weltkrieges, wo „Zeitungen und Zeitschriften jeden Anlass aufgriffen, um den Gegner in ein schlechtes Licht zu stellen.“ Eine Tendenz, die der Historiker Christopher Clark in seinem Buch Die Schlafwandler, in der heutigen Berichterstattung wieder erkennt. Es heißt, unabhängiger freier Journalismus sei ein wesentlicher Bestandteil der freien Demokratie. Doch die Zeitungen stehen zunehmend unter finanziellem, zeitlichem (die sozialen Medien reagieren in Sekundenschnelle) und politischem Druck. „Lügenpresse“ gehört zu den geläufigen Kampfparolen bei Demos. In einem unlängst in der italienischen Presse erschienen Artikel beschrieb die Politologin Nadia Urbinati die Politik wie eine Arena, in der die Politiker wie Gladiatoren kämpfen. Ein Bild, das man zum Teil auf die Medien übertragen könnte. Doch ist das der Sinn des Journalismus? Mit dieser Frage sollte sich unsere Zunft, also die der Journalisten, gerade jetzt, wo es in Europa gefährlich knirscht, selbstkritisch beschäftigen.


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Im Rahmen von Freiraum.

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