Grundschule „Carlo Pisacane“, Rom (Torpignattara)
Interview mit Felicita Rubino, Lehrerin

Schüler/innen der Grundschule „Carlo Pisacane“, Rom (Torpignattara)
Schüler/innen der Grundschule „Carlo Pisacane“, Rom (Torpignattara) | © Goethe-Institut Italien / Maria Coletti

Die Grundschule „Carlo Pisacane“ im Stadtteil Torpignattara im Osten Roms gilt als gelungenes Beispiel für Inklusion von Kindern mit Migrationshintergrund. Doch das war nicht immer so. Bis vor gut 10 Jahren schwankte der Anteil der nicht aus Italien stammenden Schüler noch um die 90 Prozent. Felicita Rubino unterrichtet seit 2004 an der Grundschule.

Frau Rubino, wie hat die Schule diesen Wandel bewältigt?

Obwohl unsere Schüler ein sehr hohes Leistungsniveau vorweisen konnten, beschlossen 2007 so viele Italiener ihre Kinder in Schulen in andere Vierteln zu schicken, dass wir riskierten nur eine einzige erste Klasse bilden zu können. Wir versuchten eine Lösung zu finden, indem wir unsere Schule nach außen hin öffneten und die Stadt in unsere Schule holten. Wir organisierten zum Beispiel eine Diskussionsrunde über Bildung, Erziehung und Inklusion mit dem führenden Pädagogen Francesco Tonucci, an der Eltern und Lehrer aus ganz Rom teilnahmen.

Wir Lehrer selbst suchten aktiv nach Vereinen, die innerhalb der Unterrichtszeit ein kostenloses, aber erstklassiges Kunst-, Kultur- und Sportprogramm an unserer Schule anbieten konnten. Gemeinsam mit engagierten Eltern organisierten wir ein vielseitiges und sehr kostengünstiges Nachmittagsprogramm, und mehrmals jährlich Feste, an denen mittlerweile Leute aus der ganzen Stadt teilnehmen.
 

  • Schüler/innen der Grundschule „Carlo Pisacane“, Rom © Goethe-Institut Italien / Maria Coletti

    Schüler/innen der Grundschule „Carlo Pisacane“, Rom

  • Grundschule „Carlo Pisacane“, Rom © Goethe-Institut Italien / Christine Pawlata

    Schüler/innen der Grundschule „Carlo Pisacane“, Rom

  • Musikauftritt vor der Grundschule „Carlo Pisacane“, Rom © Goethe-Institut Italien / Maria Coletti

    Musikauftritt vor der Grundschule „Carlo Pisacane“, Rom

  • Schüler/innen der Grundschule „Carlo Pisacane“, Rom © Goethe-Institut Italien / Maria Coletti

    Schüler/innen der Grundschule „Carlo Pisacane“, Rom

Langsam aber stetig kamen die italienischen Kinder wieder zurück in die Schule. Heute kommt auf jedes Kind mit Migrationshintergrund ein Kind mit italienischen Wurzeln. Viele Eltern aus anderen Stadtteilen schicken ihre Kinder jetzt bewusst zu uns nach Torpignattara, weil sie an unser Inklusionsmodell glauben. 
 
Wie sieht dieses Inklusionsmodell in der Praxis aus?

Am wichtigsten ist es ein Klima herzustellen, in dem alle Schüler sich willkommen, respektiert und wertgeschätzt fühlen sowie an der Selbstständigkeit und am Selbstwertgefühl der Kinder zu arbeiten.
Diese Sozialisation ist die Grundlage, an der wir Lehrer gemeinsam mit den Eltern arbeiten müssen.

Wir machen nur wenig Frontalunterricht, sondern arbeiten viel mehr in Gruppen. Es geht dabei nicht um den Wettbewerb, sondern darum, im Dialog miteinander und voneinander zu lernen. Dabei gilt, je mehr Diversität, desto mehr kann man voneinander lernen.
 
Gibt es spezielle Sprachförderkurse für Kinder deren Muttersprache nicht Italienisch ist?

Es gibt eine begrenzte Anzahl an Sprachförderstunden für Kinder, die noch nicht ausreichend Italienisch sprechen. Wir hatten jedoch noch nie gesonderte Förderklassen und werden auch nie welche haben. Der Spracherwerb funktioniert am besten, wenn alle Kinder sich gleichwertig in der Klassengemeinschaft aufgenommen fühlen.
 
Was sind die größten Herausforderungen an Ihrer Schule?

Wir bekommen nur sehr wenig öffentliche Fördermittel. Alles, was wir hier schaffen, entsteht dank des persönlichen Engagements der Eltern und der Lehrer. Für viele neue Lehrer, die aus Schulen mit einem traditionellen Unterrichtssystem kommen, ist es anfangs oft nicht einfach, den Schwerpunkt des Unterrichtsprogramm auf das Herstellen eines guten Klassenklimas zu legen, in dem die respektvolle Begegnung der Schüler im Mittelpunkt steht. Das ist natürlich an allen Schulen wichtig, aber ganz besonders in einem Umfeld, in dem die kulturellen Unterschiede so groß sind wie hier bei uns.
 
Viele Eltern fürchten, dass ein hoher Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund das Unterrichtsprogramm der ganzen Klasse bremst. Wie ist Ihre Erfahrung hiermit?

Als Lehrerin an einer öffentlichen Schule muss ich den vorgegebenen Lehrplan des Bildungsministeriums erfüllen. In den 14 Jahren, in denen ich hier unterrichte, habe ich immer das ganze Programm durchgenommen. Ich hatte nie das Gefühl bremsen zu müssen. Oft sind die Kinder mit Migrationshintergrund ganz besonders motiviert und ziehen den Rest der Klasse mit. Was die Kinder – und auch wir Erwachsenen – in einer so vielfältigen Gemeinschaft über den Umgang miteinander und über friedliches Zusammenleben voneinander lernen können, das ist unbezahlbar.

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