Neue Chancen - Gemeinsam gegen Jugendarbeitslosigkeit

Jedes Jahr bleiben in Deutschland viele Ausbildungsplätze unbesetzt und das obwohl rund 650.000 junge Menschen arbeitslos gemeldet sind. Viele gelten als „schwer vermittelbar“. Die Initiative Joblinge hilft Jugendlichen beim Start ins Berufsleben.

Copyright: Joblinge/Ausserhofer Copyright: Joblinge/Ausserhofer Der Geruch von frischer Farbe liegt in der Luft, die Wände strahlen weiß und immer wieder wird die Stille von Gelächter unterbrochen. Immer dann, wenn einer der farbbeklecksten Jugendlichen einen Witz erzählt. Einen frei erfundenen oder einen, der Elemente des eigenen Lebens enthält. So mancher von ihnen hat schon viel erlebt, mehr als er in seinem Alter erlebt haben sollte. Streichen ist für die jungen Leute dagegen oft etwas Neues. Doch auch die Tatsache, dass sie kein Geld für ihre Mühen erhalten, hält sie nicht davon ab, die Farbrolle immer wieder in den Eimer zu tauchen. Denn sie haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind arbeitslos und wollen Joblinge werden.

Engagement für die Gemeinschaft

Copyright: Joblinge/Ausserhofer Copyright: Joblinge/Ausserhofer Die in 2008 von der Unternehmensberatung The Boston Consulting Group und der Eberhard von Kuehnheim Stiftung der BMW AG gegründete Initiative Joblinge engagiert sich im Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit und hilft schwer vermittelbaren jungen Leuten beim Start ins Berufsleben. Viele der 15 bis 25-Jährigen, die über die Berufsberatung oder das Jobcenter zugewiesen werden, sehen hier ihre letzte Chance. Doch wer aufgenommen werden will, muss sich zunächst mehrere Tage gemeinnützig engagieren. Dann werden Biotope von Müll befreit, Tierställe im Zoo ausgemistet oder eben auch die Räumlichkeiten der Joblinge gAG (gemeinnützige Aktiengesellschaft) frisch gestrichen. „Die Jugendlichen schicken uns also nicht irgendwelche Bewerbungsunterlagen, sondern qualifizieren sich durch ihre Anwesenheit und das engagierte Mitarbeiten“, erklärt Anja Reinhard, Leiterin der Joblinge in München. Vier Starttermine werden über das Jahr verteilt angeboten, 20 Jugendliche können jeweils aufgenommen werden. Doch um überhaupt auf diese Zahl zu kommen, sind ein immenser Vorlauf, viel Geduld und große Überzeugungskraft erforderlich. „Um diese 20 zu bekommen, müssen wir normalerweise 60 bis 70 junge Leute anschreiben und anrufen“, so Reinhard weiter. Die Demotivation vieler arbeitslos gemeldeter Jugendlicher ist für sie der Hauptgrund für die hohe Ausfallquote. Landet eine Absage nach der anderen im Briefkasten, wirkt sich die scheinbare Ausweglosigkeit der eigenen Lebenssituation lähmend auf den gesamten Alltag aus. Oftmals kommt zu dem Mangel an beruflichen Perspektiven noch eine schwierige familiäre Situation dazu, die die jungen Leute dann an den Rand der Gesellschaft treibt.

Arbeitslos trotz freier Stellen

Copyright: Joblinge/Ausserhofer Copyright: Joblinge/Ausserhofer Betrachtet man jedoch den deutschen Arbeitsmarkt, so fällt auf, dass die Bundesrepublik eine vergleichsweise geringe Jugendarbeitslosenquote aufweist und mit 8,1% (Stand November 2012) das positive Schlusslicht der EU ist. Die Zahl von 650.000 Arbeitslosen zwischen 15 und 25 Jahren erscheint geradezu angenehm, wenn man sie mit den Werten von anderen Mitgliedsstaaten vergleicht. Weit über dem EU-Durchschnitt von 23,7% liegen Länder wie Frankreich, Italien und Griechenland mit Werten zwischen 27 und 57,6% Prozent. Alarmierend ist in Deutschland hingegen der Umstand, dass jeder zweite Hauptschüler auch ein Jahr nach Ende der Schule noch keine Lehrstelle gefunden hat. Und das, obwohl die Lage am Arbeitsmarkt sehr ausbildungsfreundlich ist und zahlreiche Ausbildungsstellen sogar unbesetzt bleiben. 2012 waren es rund 30.000.

Erziehung und Berufsvorbereitung

Copyright: Joblinge/Ausserhofer Copyright: Joblinge/Ausserhofer Der Grund dafür ist unter anderem die wachsende Zahl gering qualifizierter Jugendlicher. Ihnen fehlt es an Ausbildungsreife, realistischer Selbsteinschätzung, Motivation und sozialen Kompetenzen. „Oftmals sind die Basics einer normalen Erziehung nicht da. Wir fangen dann damit an, dass wir den jungen Leuten beibringen ‚Guten Morgen’ zu sagen und dass man an Türen anklopft und nicht einfach reinkommt“, sagt Anja Reinhard von Joblinge. Die Jugendlichen, die in der Aufnahmephase durch ihre Motivation überzeugt haben, tasten sich mit Hilfe von Pädagogen, persönlichen Mentoren und Schnuppertagen in Unternehmen während der sechswöchigen Orientierungsphase an ihren Wunschberuf heran. In gemeinsamen Projekten lernen die Joblinge ihre Stärken kennen und schulen wichtige Sozialkompetenzen. In der anschließenden Praxisphase sammeln die jungen Leute in den Partnerunternehmen der Initiative erste Berufserfahrungen. In der letzten Phase, der Probephase, steht ein elfwöchiges Praktikum auf dem Programm, das dann – sofern alles gut läuft - mit dem Unterzeichnen des Ausbildungs- oder Arbeitsvertrages gekrönt wird.

Andere Länder – Andere Anforderungen

Copyright: Joblinge/Ausserhofer Copyright: Joblinge/Ausserhofer Mit einer Vermittlungsquote von etwa 60 % ist Joblinge sehr erfolgreich. Und auch die Langzeiterfolge sprechen für sich: Mehr als 80 % der Jugendlichen sind auch nach zwölf Monaten noch an ihrem Ausbildungsplatz. Für Anja Reinhard ist besonders das gemeinsame Engagement von Wirtschaft, öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft für diese positiven Resultate verantwortlich. Nur in Kooperation sei es möglich, die Herausforderung der Jugendarbeitslosigkeit zu lösen. Auch die Finanzierung der einzelnen Joblinge gAGs wird zusammen gestemmt: in der bayerischen Landeshauptstadt werden so zum Beispiel 70 % der Kosten von der Arbeitsagentur München, den Jobcentern und dem Bayerischem Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen übernommen, die restlichen 30 % sind Spenden von Organisationen und Kooperationsunternehmen. Der Versuch, das Konzept auf andere Länder zu übertragen und die Jugendarbeitslosenquote dadurch zu senken, könnte allerdings scheitern, meint Thomas Baumeister, stellvertretender Vorstand der Joblinge Dachorganisation.
Copyright: Joblinge/Ausserhofer Copyright: Joblinge/Ausserhofer „Der ganze Ablauf ist speziell für den deutschen Arbeitsmarkt und unser duales Ausbildungssystem konzipiert worden“. Der Export sei deshalb schwierig, da gerade die Länder, die mit besonders hohen Jugendarbeitslosenquoten zu kämpfen haben, über stark regulierte und wenig durchlässige Arbeitsmärkte verfügen. Bei einer ähnlichen Ausgangslage wie in Deutschland kann sich Baumeister eine Übertragung jedoch durchaus vorstellen. Aus Österreich gab es schon zwei Anfragen.

Das Lachen der streichenden Joblinge-Anwärter wird in Zukunft noch häufiger durch die Räumlichkeiten der Organisation schwirren: Sie wurden alle aufgenommen und haben die Chance ihrem Leben eine neue Perspektive zu geben.