Eine Reise in das Duale System der Berufsausbildung

Eine Delegation italienischer Schulleiter unter Begleitung des Koordinators der italienischen Schulinspektoren, Prof. Francesco Branca, mit Vertretern des Goethe-Instituts bereiste in der letzten Oktoberwoche 2015 den Raum Köln / Bonn, um das Duale System der Berufsausbildung in Deutschland näher kennenzulernen.
 

Dabei informierten sich die Teilnehmer zunächst im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und im Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) über die Grundzüge des Dualen Systems. Hier wurden schon einige wesentliche Unterschiede zum italienischen System deutlich: Während nämlich in Italien die berufliche Bildung Kompetenz der Regionen ist und die schulische Bildung unter der Hoheit der Zentralregierung steht, verhält es sich in Deutschland genau anders herum. Hier erlässt die Bundesregierung die Richtlinien der Berufsbildung, und die schulische Bildung fällt unter die Kulturhoheit der Länder. Die 329 unterschiedlichen Berufsbilder, an denen sich die verschiedenen Ausbildungsgänge orientieren, werden daher von der Bundesregierung nach der Erarbeitung durch das BIBB in Abstimmung mit Fachverbänden, Sozialpartnern und Vertretern der Landesregierungen festgelegt und bei Bedarf aktuellen Erfordernissen angepasst. Dies schließt bundeseinheitliche Zwischen- und Abschlussprüfungen ein. Die Auszubildenden (Azubis) schließen mit einem zur Berufsausbildung berechtigten Betrieb einen Ausbildungsvertrag. Der meldet sie dann bei einer territorial zuständigen Berufsschule an. Es ist also nicht so, dass eine Schule (der Schulleiter) für die Praxisanteile der Berufsausbildung hierzu bereite Betriebe suchen müsste. Vielmehr wird das zumeist drei- bis dreieinhalbjährige Ausbildungsverhältnis direkt mit dem Betrieb eingegangen, der dann auch die schulische Bildung vermittelt. Der Betrieb zahlt den Azubis auch eine nicht zu knappe Ausbildungsvergütung.
  Über die schulische Seite der Berufsausbildung konnten sich die Delegationsteilnehmer sowohl im Austausch mit Pädagogen des Berufskollegs Simmerath-Stolberg als auch bei der Besichtigung des Friedrich-List-Berufskollegs Bonn informieren. Hier ergab sich auch die Möglichkeit eines Gesprächs mit jugendlichen Auszubildenden. Die beruflichen Schulen decken bei der herkömmlichen Berufsausbildung etwa zwei Fünftel der Ausbildungszeit ab, der größere Teil findet im Betrieb statt. Der besondere Charakter der Berufskollegs in Nordrhein-Westfalen kennzeichnet sich dadurch, dass diese sich nicht nur auf die Ausbildung im Rahmen der 329 Berufsbilder beschränken. Darüber hinaus verfügen sie über ein breitgefächertes Bildungsangebot, das bis zur Hochschulreife führt und sich in einigen Fällen sogar, in Zusammenarbeit mit Universitäten, im Dualen Studium engagiert.
  Die betriebliche Seite des Dualen Systems lernte die Delegation bei einer Besichtigung der international tätigen Softwarefirma „SER Solutions“ und einem Besuch der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn / Rhein-Sieg kennen. Hier interessierte die Delegation vor allem, welche Motive ein Unternehmen dazu bewegen, in ihrem Betrieb auszubilden. Neben der Tatsache, dass die Azubis sehr schnell durch ihren Einsatz in der Produktion für ihr Unternehmen Geld verdienen und ihre Produktivität im dritten Lehrjahr bereits 80 % beträgt, und einer Unternehmenskultur, in der sich soziale Verantwortung von selbst versteht, spielt eine große Rolle, dass die Azubis schon während der Ausbildungszeit den Betrieb und seine Besonderheiten von innen kennenlernen. Etwa 80 % der Ausgebildeten werden von ihren Betrieben in feste Beschäftigungsverhältnisse übernommen, was den Unternehmen die zeitraubende, monatelange und unproduktive Einarbeitung extern angeworbener Arbeitskräfte erspart. In Detailberechnungen wurde der Delegation nachgewiesen, dass sich das Engagement in der Berufsausbildung für die ausbildenden Unternehmen letztlich rechnet.
  Beim Besuch in der Bezirksregierung Köln, deren Abteilung 4 als Schulamt für den Regierungsbezirk (einen von fünf in Nordrhein-Westfalen) fungiert, wurde noch einmal deutlich, dass die betrieblichen Ausbilder eine sogenannte Ausbildereignungsprüfung abgelegt haben müssen, durch die sie ihre pädagogischen Fähigkeiten nachweisen. Im Bereich der beruflichen Bildung arbeitet die Abteilung mit den Berufskollegs, den Kammern, Verbänden, Betrieben, Ministerien, Schulaufsichtsbeamten aller Schulformen, Schulträgern (den Gemeinden), Projektpartnern im In- und Ausland und den nationalen Agenturen für EU-Projekte zusammen. Die Abteilung verantwortet auch die EU-Geschäftsstelle (EU-GES) des Regierungsbezirks und betreibt in diesem Zusammenhang auch die Internationalisierung von berufsbildenden Projekten.
  Die Delegation beschloss die Erarbeitung einer Publikation zum Thema, um die während der Reise gemachten Erfahrungen auszuwerten und zu verbreiten. Diese und die Teilnehmer vorheriger Studienreisen und anderer Initiativen werden im Februar 2016 in Bari zu einer Konferenz zur Alternanz Schule / Arbeitswelt zusammentreffen, damit den vielfältigen Aktivitäten im Rahmen des Abkommens zwischen Goethe-Institut und italienischem Bildungsministerium (MIUR) Nachhaltigkeit verliehen wird. Die Reise ist Teil dieses mehrjährigen Abkommens zur „Alternanz Schule / Arbeitswelt“.