7 Fragen an Michael Priesteroth MINT + DaF = CLIL !?

Michael Priesteroth
Michael Priesteroth | © S. Hahnfeld

Michael Priesteroth, selbst CLIL-Praktiker an der Deutschen Schule Sevilla, kennt aus dem Schulalltag Schwierigkeiten, Herausforderungen aber eben auch pädagogische Höhepunkte und Erfolgserlebnisse beim Unterrichten eines Sachfachs auf Deutsch. Als Fortbildner sind seine Kernthemen Kooperatives und handlungsorientiertes Lernen mit und ohne Whiteboard, Clownerien im DaF-Unterricht, Motivation durch Spiele und Workshops zum Thema CLIL.

Welches Potential birgen fachliche Inhalte im Deutschunterricht?

Das Potential liegt auf der Hand: Endlich mal neue Themen! Themen, die motivieren, attraktiv sind und einen erheblichen Zuwachs an Wortschatz mit sich bringen. Das alles funktioniert freilich nur, wenn die Themen auch tatsächlich motivierend, Lehrer methodisch fit und Inhalte so gewählt und aufbereitet sind, dass sie Kompetenz- und Erfolgserlebnisse versprechen. Grundsätzlich ist zu beobachten, dass immer mehr fachliche Inhalte im klassischen DaF-Unterricht auftauchen. Das Potential ist also die hohe sprachliche Kompetenz der bilingual unterrichteten Schüler und bei guter Methodik eben auch die gute Durchdringung der Sachfachgegenstände. Der Zuwachs an Sprachkompetenz geschieht also durch Handeln, der Inhalt wird zum Mittelpunkt.
 

Welche Unterrichtsinhalte eignen sich für CLIL?

Eigentlich gibt es keine ungeeigneten Inhalte. Die Kunst besteht darin, als Lehrer die Inhalte und Materialien für das individuell immer unterschiedliche Lehrsetting richtig zu justieren. Das ist nicht einfach. Gradmesser sind sicherlich die Interessen unserer SchülerInnen und die daraus resultierende Motivation. Warum sollten wir unsere Schüler nicht einmal fragen, was sie denn so interessiert? Gerade bei Soft-CLIL unterliegt man ja keinen Bestimmungen, die Inhalte vorschreiben. Bereits im frühen Sekundarbereich sind mit Sicherheit Themen aus dem digitalen Dunstkreis zu erwarten: Cyber-Mobbing, Selbstdarstellung und Privatsphäre in sozialen Netzwerken sind Alltag im und außerhalb des Klassenraums. Eine Debatte zu eben diesen Themen ist DaF in allen Kompetenzbereichen mit einem sozialwissenschaftlichen Fachinhalt: CLIL.
 

Welche Kompetenzen werden von LehrerInnen und SchülerInnen erwartet?

Bei Lehrern fällt mir hier als erstes die Methodenkompetenz ein. Arbeitsaufträge wie „Lest Euch mal den Text durch, wir übersetzen das dann gleich“ sind durchaus gängige Praxis und Spiegelbild einer defizitären Ausbildung. Spezifische CLIL-Methoden sind also unabdingbar. In diesem Kontext spielt sicher auch die Lehrkompetenz eine große Rolle. Wer in einem so komplexen Lehrarrangement wie CLIL tätig ist und die Schlagwörter „Kompetenz und Erfolgserlebnisse schaffen“ im Kopf hat, hat schon einmal die halbe Miete gezahlt.
Schüler hingegen stehen vor der nicht zu unterschätzenden Aufgabe, fachliche Themen in der Fremdsprache bewältigen zu müssen. Das heißt, die üblichen DaF-Kernkompetenzen werden um die sachfachlichen Inhalte erweitert. In diesem Kontext ist es vor allem für Grundschullehrer oder Kollegen mit A1-Gruppen schlau, die rezeptiven Kompetenzen zu fokussieren und kommunikative Aspekte sprachlich angemessen zu verhandeln.
 

Welche methodischen Ansätze sind sinnvoll?


Handlungsorientierung und Schülerzentrierung sind hier gängige Vokabeln. Scaffolding als die Bereitstellung von sprachlichen Hilfestellungen im CLILiG-Kontext verstanden, ist sicher eine probate Methode um der sprachlichen Überforderung, die ja von Praktikern ganz zu Recht beklagt wird, entgegenzutreten. Solche „Gerüste“ können Bild – Wort Zuordnungen, vereinfachte Textformate, bewusster Einsatz von Audio- und Videomaterial, aber auch das bewusste Zurückgreifen auf die Muttersprache sein.
 

Welche Materialien eignen sich für den CLIL-Unterricht?

Man könnte provokant sagen: alles! Texte, Graphiken, Modelle, audiovisuelle Materialien sind klassische Materialien. Die Frage ist aber vielmehr, welche Kriterien müssen diese Materialien erfüllen? Hier besteht die Gratwanderung darin, Materialien zu finden, die authentisch sind und gleichzeitig dem Sprachstand der Schüler entsprechen. Daher meine ich, dass die Materialfrage so eng mit der Lehr- und Methodenkompetenz verknüpft ist. Ein gut ausgebildeter Lehrer kann also durch Methodenvielfalt, handlungsorientiertes Herangehen, sprachliche Vorentlastung und das richtige Gespür für „Kompetenzerlebnisse“ auch schwierigere Textsorten anbieten. Es macht also, vereinfacht gesprochen, einen enormen Unterschied, Schüler ein kleines Video zu einem Fachthema drehen zu lassen, als die 206 Knochen des menschlichen Körpers für den darauffolgenden Tag zweisprachig als Hausaufgabe auswendig lernen zu lassen.
 

Wie lassen sich die sprachlichen und fachlichen Leistungen der SchülerInnen bewerten?

Das ist ganz sicher die Gretchenfrage auf unserer cliligen Reise. Wollen wir doch auf der einen Seite die Vorteile, wie den erheblichen Wortschatzzuwachs, unseren Schülern zugutekommen lassen, aber gleichzeitig niemanden abstrafen, der gut im Sachfach ist, jedoch die Sprache noch nicht angemessen beherrscht. Gerade bei Lernern bis A2 ist es sinnvoll von einer kontinuierlichen Leistungsbewertung auszugehen und punktuelle Lernzielkontrollen nicht überzubewerten. Letztere wiederum sind sprachlich fair zu gestalten (Multiple Choice/ Lückentext, Bild – Wortzuordnungen). Und hiermit sind wir wieder bei meinen Lieblingsthemen: „Methoden- und Lehrkompetenz“. Weitere Schlagwörter, mit denen sich die Kollegen in ihrem individuellen Lehrsetting auseinandersetzen müssen sind sicherlich: Fehlertoleranz, Angemessenheit von Sprachbeherrschung und Bewertungsverfahren.
 

Wie könnten Lehrerausbildung und Weiterbildungsmaßnahmen auf CLIL vorbereiten?

Klar ist: Wer sich dem Abenteuer CLIL stellen möchte, sollte in der Zielsprache sehr kompetent sein (C1). Schon bei einfachen Sachthemen wird auch dem Lehrenden eine Sprachbreite abverlangt, die schnell über das B1-übliche Niveau herausgeht. Mindestens genauso wichtig aber die sprachdidaktische Vermittlungskompetenz: Ich muss also wissen, wie der neue Wortschatz meinen Schülern spannend und nachhaltig vermittelt werden kann. Auf der anderen Seite natürlich die Sachfachkompetenz: Muttersprachler sind ja nicht per se qualifizierte Lehrer für naturwissenschaftliche Fächer. In der Lehrerausbildung bzw. bei CLIL-Seminaren gilt es also beiden Seiten gerecht zu werden und gleichzeitig die CLIL-spezifische Methodik zu erlernen