38. Internationales Filmfestival Regisseur Christian Petzolds Begegnung mit dem arabischen Kino

Christian Petzold erhält den Faten Hamama Preis
Christian Petzold erhält den Faten Hamama Preis | ©38. Internationale Filmfestival Kairo

Der deutsche Regisseur Christian Petzold war der diesjährige Jurypräsident des 38. Internationalen Filmfestivals Kairo. Im Interview berichtet er über unerwartete Ehrungen, der Neubegegnung mit dem arabischen Kino und seiner Arbeit.

Sie waren  Jurypräsident des 38. Internationalen Filmfestivals Kairo. Wie empfanden Sie dieses Amt?

Für mich war es etwas befremdlich ein Präsident zu werden ohne gewählt wurden zu sein, dass hat schon fast diktatorische Züge. Im Prinzip so wie der Bundespräsident in der Bundesrepublik ernannt wird und man weiß nie wie er zu dieser Ehre gekommen ist. Im April hatten sie mich ganz vorsichtig und herzlich angemailt. Ich schämte mich ein wenig, weil ich überhaupt keine Ahnung mehr hatte vom ägyptischen, zeitgenössischen Kino  und ich kenne mich auch kaum noch aus im arabischen Filmraum. Aus diesem schlechten Gewissen heraus, habe ich dann zugesagt. 


Was war Ihr Eindruck vom Filmfestivals hier in Kairo?

Durch die Juryarbeit habe ich gemerkt, dass dieses Festival nicht gewöhnlich ist. Man merkt dies in den Gesprächen innerhalb der Jury und auch mit der Festivalleitung. Man merkt, dass man dieses Festival der Politik abringen muss. Es ist wichtig, dass man solche Festivals erhält und ich glaube, dass sie mehr sein müssen als reine Festivals. Es sollten gut kuratierte Sommerakademien sein, wenn sie nicht zu den großen Märkten gehören wie Cannes, Berlin und Venedig. Das alte Filme gezeigt werden, es Workshops gibt, Regisseure eingeladen werden. Denn das ist Kulturarbeit.
 

Sie haben im Zuge Ihrer Jurytätigkeit viele Filme gesehen. Gab es einen, der für Sie besonders herausstach?

Ja, den gab es.  "Mimosas", eine marokkanisch-französisch-spanische Koproduktion und der Sieger des Festivals. Es gab einen Film, den ich als Kind gesehen habe, von Jean Cocteau und dort waren die Engel in Autos unterwegs. In diesem Film sind die Engel in marokkanischen Taxis unterwegs. Das ist ein moderner Surrealismus. Der hat seine Bilder und seine Surrealismen in dem heutigen Marokko gefunden.  Der Film hat eine unfassbare Kraft. Er hat Gleichzeitig einen einzigartigen Charakter, den sonst nicht so Festivalbeiträge haben. Es war Marokko, es war eine Ungleichzeitigkeit, es waren alte Mythen und Legenden, die in das heutige Marokko hineinbrachen. Unglaublich tolle Darsteller. Ich glaube alles Laien.  Es wurde im marokkanischen Hochgebirge gedreht. Er hat eine Physis, wie bei den besten amerikanischen Western.

 


 

Wie sehen Sie das ägyptische Kino?

Ich habe zwei Filme im Wettbewerb gesehen. Manchmal schämt man sich, man hat tausende von Filmen gesehen und kennt gar nicht mehr dieses Volkskino. Vielleicht kennt man das nicht in Deutschland, weil wir durch den Nationalsozialismus alles verloren haben, was mit Volk zu tun hat.  Man sieht dann ein Kino, das schon in den 50er und 60er Jahren existiert hat und rümpft dann ein wenig die Nase, weil es so schlicht ist und einfache Figuren darstellt. Die beiden Filme , die die Jury sah, waren solche Filme.  Gleichzeitig war in beiden Filmen dann aber auch was Modernes drin, als ob sie sich aus den Traditionen heraus versuchen neu zu erfinden. 

Da gab es einen sehr schönen, ägyptischen Film „Das Frauenbad“, der hat eine so schöne 10-minütige Sequenz, dass wir ihn auszeichnen mussten.  In dieser Sequenz vergisst sich der Film. Es geht um Frauen, die einen Tag in der Woche den Pool benutzen dürfen und keine Männer  rein dürfen.  Es gibt nur eine Frau, die sich traut ins Wasser zu springen. So eine Junge, die für verrückt gehalten wird. Man sieht ihr zu, wie sie durch die Berührung mit dem Wasser plötzlich ihren Körper wieder findet. Sie strömt praktisch durch das Wasser. Dann kommen die anderen Frauen auch dazu und es wird zu einer Orgie aus im Wasser essen, kochen, schwimmen. Das könnte kitschig sein, ist es aber nicht. Auch die Kamera wird verrückt. Es waren eine Kamerafrau und eine Regisseurin, die diesen Film gedreht haben. Die Darstellerinnen haben sich gegenseitig angesteckt und diese Verrücktheit hat uns sehr gefallen und die Darstellerin, die diese Verrücktheit initiiert hat, Nahed El Sebai,  haben wir ausgezeichnet. 
 

Zur Eröffnung des Festivals wurde ihn der Faten Hamama Excellence Award für Ihren Beitrag zur Filmkunst verliehen. Herzlichen Glückwunsch dazu!  Das war aber nicht ihr erster Preis (Deutschen Filmpreis, den Grimme-Preis und den Silbernen Bären). Bedeuten Preise Ihnen etwas oder ist es mehr eine nette Anerkennung für Sie?

So würde ich nie darüber sprechen. Bei diesem Preis war es jedoch so, dass ich in Kairo ankam und mein Gepäck verschwunden war und ich die ersten drei Tage nichts zum Anziehen hatte. Einer meiner Betreuer des Festivals hat mir dann einen seiner Anzüge geliehen. Ich passte gar nicht richtig rein. Ich wusste nichts davon, dass ich einen Preis erhalten würde. Ich dachte, meine Aufgabe wäre es nur die anderen Jurymitglieder vorzustellen. Dann war es ganz merkwürdig. Ich wurde  genau instruiert wie und wo ich auf der Bühne zu stehen hatte.  Ich dachte es läuft alles von selbst in Ägypten. Der Programmablauf war so deutsch. Dann bekam ich diesen Preis und ich wusste nicht wofür und was genau dieser Preis ist. Ich habe mich sehr geschämt und ich dachte mir, ich verdiene den nicht.
 

Was macht für Sie einen guten Film aus?

Wenn ich rausgehe und es geht mir in irgendeiner Art besser.

 
Die Arbeit an welchen Ihrer bisherigen Filme haben Sie am meisten genossen und welcher war der schwierigste?

Es gibt zwei Filme die von der Arbeit her einfach reines Glück waren, bei denen man nie darüber nachgedacht hat, wann ist es endlich vorbei, wann habe ich endlich den Fluss überquert. Das war die „Innere Sicherheit“.  Bei diesem waren wir wie eine Partisanengruppe unterwegs. Es war sowieso alles egal, deshalb hatten wir Spaß. Wir waren ziemlich alleine auf dieser Welt mit diesem Film, weil es auch der erste Kinofilm war und wir auch von sehr vielen Stellen Steine in den Weg gelegt bekommen haben. Wir hatten so eine Art Trotzglück. Und der Film „Barbara“ mit Nina Hoss. Da war von der ersten Sekunde alles richtig. Man freute sich gar nicht darauf frei zu haben, sondern das es endlich weiter geht. Das waren die glücklichen Filme.
 


Filme, mit denen ich von der Produktion her nicht so glücklich war, war „Phoenix“, weil es so viel Arbeit  war, eine Zeit zu rekonstruieren, die ich nicht selbst erlebt habe. An die ich mich an Filme, Bilder, Gemälde, Erinnerungen halten musste. Eine Zeit zu rekonstruieren heißt auch, dass man etwas vergegenwärtigen will. Das war so anstrengend, dass ich gesagt habe, nie wieder historischer Film. Den Film selber mag ich sehr, aber der Weg dahin war schon der Schwerste.


An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit?

Ich fange im März/April mit Dreharbeiten zu dem Film Transit an, der auf den Roman von Anna Seghers beruht.  Er wird in Paris und in Marseille gedreht. Im Grunde ist alles bereist vorbereitet. Im Dezember fahren wir noch nach Marseille, um die letzten Motive zu suchen. Da freu ich mich sehr darauf.  Danach drehe ich noch einen Polizeiruf.  Den dritten Teil mit Barbara Auer und Matthias Brandt. Der hat den Titel „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du zwei Beine hast?“. Dann drehe ich in Berlin eine Liebegeschichte, mit dem Titel "Undine". Und danach Rente.


Vielen Dank für das Gespräch.



 
Christian Petzold (* 14. September 1960 in Hilden) ist ein deutscher Filmregisseur und Drehbuchautor. Er erhielt zahlreiche, internationale  Preise und Auszeichnungen.