Die Doppelmoral der Freiheit "Wir sind mehr als ein Stück Stoff"

Menerva Hammad
© Hibat U. Kelifi

Würde man Europäer fragen, was wohl die wahre Meinung von „Freiheit“ ist, würden viele meinen, es sei die Freiheit dies zu tun, was man möchte. „Unabhängige Selbstbestimmung“- das würden wahrscheinlich viele sagen, denn das ist es ja, was sie in Europa kennen und leben. 

In Europa tragen Frauen was sie möchten, werden im Job fair bezahlt, werden kaum sexuell belästigt, sind in der Politik gut vertreten und müssen sich nicht doppelt und dreifach beweisen, um dieselbe Anerkennung zu bekommen wie ihre männlichen Kollegen, oder?

Auf den ersten Blick mag die Antwort vielleicht „ja“ sein. Aber wenn wir einen genaueren Blick wagen würden, dann ist dem nicht so. In Europa dürfen Frauen immer noch nicht tragen, was ihnen lieb ist. Trägst du einen Minirock, so wirst du dich auf Belästigungen und beurteilende Blicke gefasst machen müssen, trägst du ein Kopftuch, so musst du damit rechnen, dass es dir auf der Straße heruntergerissen wird- und Zweiteres immer im Namen der sogenannten „Freiheit“. Im Deckmantel der Freiheit wollen dir immer irgendwelche Menschen erklären, dass alles was du trägst, eine Zwangsjacke ist. Aber inwiefern ist das dann tatsächlich frei?

Worin sich der Iran und Europa ähnlich sind

Als sichtbare Musliminnen und aktive Feministinnen haben wir gelernt, dass vor allem beim Thema „Kopftuch“ linke und rechte politische Parteien gar nicht mehr so leicht auseinanderzuhalten sind. Sie sind sich in nichts einig, aber darin schon: Ein Kopftuch ist unterdrückend und gehört samt dem Islam nicht zu Europa. Jede Frau, die das Kopftuch in Europa freiwillig trägt, ist eine Befürworterin der Frauenunterdrückung weltweit. Wieso? Weil die Lage der Frauen in Afghanistan sowie die Lage der Frauen im Iran dies beweisen. Aber vergleichen wir doch die Lagen dieser Länder mit der Lage in Europa:

Eine Kopftuchtragende Frau im Iran gilt vom Staat als frei. Jene ohne sind es, die als unterdrückt und ungebildet gelten. Deswegen möchte sie der Staat ja „befreien“, indem er ihnen seine Vorstellung von Freiheit aufzwingt- das Kopftuch. Wenn also eine Frau dort ohne Kopftuch auf einem Werbeplakat abgebildet wird, ohne es auf der Straße spaziert, oder Frauen laut und deutlich für ihre Selbstbestimmtheit demonstrieren, tun sie nichts anderes als das, was muslimische Frauen in Europa versuchen zu erreichen: selbst zu entscheiden, ob sie es nun tragen möchten oder nicht. Aber hierzulande werden die Frauen in Europa dafür nicht beklatscht, wie die Frauen im Iran, sondern beschimpft und getreten. Es ist dieselbe Bewegung, es wird aber anders auf sie reagiert- und genau das ist die Doppelmoral des white feminism. Als der Marsch der Kopftuchlosen Frauen dort hierzulande auf allen sozialen Kanälen zu sehen war, versuchten jedoch viele Europäerinnen- meist linke Feministinnen- die iranischen Frauen und die sichtbaren Musliminnen in Europa gegeneinander auszuspielen. Mit den Worten „Dort wollen sie es nicht haben und hier kämpfen sie dafür“, haben sie bewiesen, dass sie keine Ahnung haben, worum es den Frauen dort geht, aber Hauptsache sie wollen es auch im deutschsprachigen Raum. Würden die Frauen dort für eine andere Sache demonstrieren, hätten wir hier nichts davon erfahren.

Da es aber um dieses Tuch geht, das hier immer sichtbarer wird, jubeln wir doch gerne mit. Es geht nicht um das blöde Tuch. Es ging nie um das blöde Tuch. Nun geht darum selbst bestimmen zu dürfen. Im Jahr 2018, als Frau selber entscheiden zu dürfen, was man tragen möchte, welches Gewicht für uns schön ist, ob Tattoos und Piercings unser Ding sind, ohne gleich in eine Schublade gesteckt zu werden, oder auf ein Stück Stoff reduziert zu werden- ganz gleich was es denn nun bedeckt. Wir sind nämlich mehr. Wir sind mehr als ein Stück Stoff, dessen Bedeutung wir uns immer von Nichtmuslimen anhören dürfen, mehr als ein Minirock, auf den wir reduziert werden und uns dafür blöden Blicken stellen müssen, mehr als eine Narbe im Gesicht, die dich dazu verleitet zu denken, unsere Geschichte zu kennen und definitiv mehr als das, was ihr glaubt, über uns zu wissen bevor ihr mit uns gesprochen habt.