Literarische Kulturarbeit „Lesen ist immer ein Gewinn“

Literarische Kulturarbeit
© Tom Schulze

Wenige Kunstformen schaffen es so gut wie die Literatur, sich in andere Menschen einzufühlen. Das weiß kaum jemand so gut wie der Schriftsteller Hamed Abboud

Hamed Abboud findet ein schönes Bild für das Zusammentreffen der Kulturen: „In meinem Buch ist das Arabische von rechts nach links gedruckt und das Deutsche von links nach rechts. Die Sprachen laufen aufeinander zu, sie treffen sich in der Mitte.“ Ein Bild, das auch ihn selbst beschreibt: 2012 war der Schriftsteller Abboud aus Syrien geflüchtet und kam über Ägypten, Dubai und die Türkei schließlich nach Österreich. In Europa schaffte er es, dass die Menschen auch auf ihn zugingen. Der Schlüssel dazu war die Literatur.

Hamed Abboud Hamed Abboud | © Wald Sawan „Für Hamed, den Flüchtling, war es sehr wichtig, Deutsch zu lernen. Dadurch habe ich meine zweite Heimat gefunden, Freundschaften aufgebaut, Freunde gefunden“, sagt er. „Und für Hamed, den Autoren, war es genauso wichtig: Es gab keine Sprachbarriere zwischen mir und dem Publikum.“ Keinen Dolmetscher mehr zu brauchen, sei eine Freiheit gewesen, für ihn und auch seine Zuhörer. „So fühlen sie sich einfach wohler.“

Denn natürlich beherrschen Stereotype die Köpfe vieler Menschen – Vorurteile, die bewusst gehegt werden, und solche, die sich unbeabsichtigt festsetzen. Besonders gut kann dem die Literatur entgegenwirken, erklärt Anita Djafari, Geschäftsführerin des Literaturvereins Litprom: „Sie ermöglicht, sich in andere Menschen einzufühlen und ihn so zu verstehen. Nicht nur andere Kulturen sind anders, auch man selbst hat vielfältige Seiten in sich. Das erkennt man beim Lesen.“ Eine gemeinsame Sprache zu haben, ist nicht nur sprichwörtlich die Basis für gegenseitiges Verständnis, für Toleranz, Dialog und Respekt.

Natürlich kann nicht jeder Araber gleich auf Deutsch schreiben oder jeder Europäer Arabisch lesen. Zugleich sind Übersetzungen teuer – arabische Werke schaffen es dadurch selten in die Bücherregale der Händler in Europa. Ohne finanzielle Förderungen geht wenig. Das gilt auch für die andere Richtung, also ins Arabische übersetzte deutsche Literatur: Dass beispielsweise der Kairoer Verlag Sefsafa Publishing Bücher von Reinhard Kleist oder Jenny Erpenbeck im Programm hat, wäre ohne das Litrix-Übersetzerprogramm des Goethe-Instituts undenkbar. Das läuft seit 2015 und noch in diesem Jahr, anschließend rückt eine andere Sprache in den Fokus.

Almadhoun, Ghayath Almadhoun Ghayath | © gezett.de Im Arabischen geht es weiter mit einem Projekt, das jüngst auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wurde: „Insight Nahost“ heißt die von den Literaturhäusern, der KfW-Stiftung und dem Goethe-Institut geplante Lesereihe zu junger arabischer Literatur. Ausgewählte Nachwuchstalente aus dem diesjährigen Workshop der Beirut Short Stories und andere arabische Autorinnen und Autoren wollen damit „einen Eindruck von der Vielfalt der literarischen Arbeit in arabischen Ländern vermitteln und den Dialog mit den Menschen in ebendiesen Ländern stärken“, heißt es. Den Auftakt in Leipzig machten der palästinensisch-syrisch-schwedische Dichter und Filmemacher Ghayath Almadhoun sowie Hamed Abboud, der syrische Schriftsteller.

„Als ich mit dem Schreiben angefangen habe, war mein Ziel eigentlich nur, meinen Freunden zu helfen, sie zum Lächeln bringen. In Österreich wurde mir klar, dass ich eine Brücke bauen möchte, ich wollte zeigen, woher ich komme, welchen Humor habe ich, welche Unterschiede es gibt. Etwas zur Gesellschaft beizutragen ist Teil meiner Aufgabe als Literat.“ Schriftsteller wie Almadhoun und Abboud hoffen so zu erreichen, dass Flüchtlinge endlich nicht mehr nur als solche wahrgenommen werden – sondern mehrdimensional. Als Menschen mit Emotionen, Erfahrungen, Geschichten.

Hamed Abboud findet auch hierfür ein schönes Bild. „Als das Leben einfach war, war das Schreiben sehr schwierig. Ich habe nur komplizierte Geschichte geschrieben, sozusagen philosophische Poesie. Und als das Leben kompliziert geworden war, habe ich mich leichten Erzählungen zugewandt. Mein letztes Gedicht ist von 2014, kurz bevor ich meinen Fußmarsch gemacht habe.“

Wer sich in den aufnehmenden Gesellschaften wie der deutschen oder der österreichischen auf die zunächst fremde Literatur einlässt, wird belohnt: „Es ist immer ein Gewinn“, sagt Anita Djafari von Litprom. „Man lernt viel, erfährt auch eine nicht-westliche Perspektive auf Ereignisse von Weltbedeutung. Das ist eine viel tiefere Einsicht, als nur Zeitungen zu lesen.“ All das setzt natürlich die Bereitschaft voraus, überhaupt zu lesen. Aber es gibt ja noch die zweite Seite des Lesens, die genauso eng dazugehört: das Sprechen. Und wer miteinander spricht, hat den ersten Schritt schon gemacht.