Ein Fest der Verständigung

Christmas tree decorations
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Weihnachten wird in Deutschland in fast jeder Familie gefeiert. Es ist das höchste christliche Fest – in seiner Symbolik weist es jedoch weit über seinen christlichen Ursprung hinaus. An der Leipziger Familie Herschel lässt sich nacherzählen, was Weihnachten für viele Deutschen bedeutet.

Für viele Menschen in Deutschland ist die Weihnachtszeit etwas Besonderes. Kinder bekommen leuchtende Augen, Eltern besorgen Geschenke, gemeinsam schmückt die Familie den Weihnachtsbaum. Es ist eine Zeit voller Erinnerungen, an Besinnlichkeit, Ruhe und schneebedeckte Straßen und Felder. Heute ist Weihnachten häufig Sinnbild für wohlige Familienzeit und Hektik zugleich. Wer sich auf die Suche nach der tieferen Bedeutung dieses ursprünglich christlichen Festes macht, der kann Elke Herschel fragen.

Herschel ist 81 und noch immer der kreative Kopf des Leipziger Weihnachtsmarktes. Seit genau 40 Jahren gestaltet sie die Figuren für das Märchenland auf dem Weihnachtsmarkt. Die Märchen der Gebrüder Grimm gehören vielerorts zur Adventszeit dazu, Geschichten wie die von Rotkäppchen oder dem Wolf und den sieben Geißlein sind auch heute noch vielen Kindern geläufig. Auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt, der als einer der schönsten im Lande gilt, können die Kinder in Elke Herschels großer Märchenlandschaft umherlaufen und den beliebten Geschichten nachspüren. Die 81-Jährige sprüht noch immer vor Ideen – all die liebevoll gestalteten, überlebensgroßen Figuren entwirft sie selbst.  Die Arbeit fällt ihr nicht schwer, sagt sie: „Weil ich die Begeisterung der Kinder sehe. Das ist meine Lebensaufgabe, sie hält mich jung.“

Elke Herschels Arbeit verkörpert das, was viele Menschen in Deutschland an Weihnachten schätzen.  Märchen stehen für die gute alte Zeit, und da die Geschichten fast jeder kennt, sorgen sie für ein Gemeinschaftsgefühl über soziale Grenzen hinweg. Großeltern erzählen sie ihren Enkeln – gerade dafür ist an Weihnachten viel Zeit. Die Familie kommt zusammen, auch wenn Kinder oder Enkel fernab der Heimat studieren oder arbeiten. Das verbreitete Gefühl von Hektik und Beschleunigung ebbt zwischen Heiligabend und Silvester spürbar ab. Die Menschen besinnen sich auf alte Traditionen und Bräuche, auf die Natur und die Familie.

In Elke Herschels Familie ist das besonders spürbar. Elkes Tochter Judith Herschel, 54, arbeitet in der Werbebranche – ein besonders schnelllebiges Geschäft. Als sie ihrer kreativen Ader mehr Raum geben wollte, kam ihr die Idee, mit Stoff bezogene Postkarten herzustellen. Damit traf sie einen Nerv: Viele Deutsche schätzen Handgemachtes wieder mehr. Selbst geschriebene Postkarten zu verschicken wird wieder beliebter, vor allem in der Adventszeit. Judith Herschel packte diese Idee am Schopf und nahm weihnachtliche Stoffmotive ins Sortiment auf.

Elke Herschel auf ihrem Balkon in Leipzig Foto: © Christopher Resch Natürlich ist das für sie Arbeit, sie verkauft die Karten. Manche Menschen gefällt es nicht, dass gerade zu Weihnachten neue Produkte wie Pilze aus dem Boden schießen. Denn das gehört auch zu dieser Zeit: die Suche nach Geschenken. Am besten viele davon und für jeden das perfekte. Das sorgt für Stress – hektisch durch die Einkaufszentren hetzende Frauen und Männer sind ein typisches Bild in der Vorweihnachtszeit. Erst nach und nach dringt die Erkenntnis durch die Gesellschaft, dass weniger manchmal mehr ist. Das gilt auch für die Dekoration. Fast jeder Haushalt in Deutschland schmückt sich in der Adventszeit, sei es durch mit Schwibbögen aus dem Erzgebirge, leuchtenden Sternen in den Fenstern oder Christbaumkugeln am Baum. Überhaupt, der Baum: Er ist vielleicht das deutlichste Symbol für die Weihnachtszeit. Ihn gemeinsam zu schmücken oder sogar selbst im Wald zu schlagen, gehört für viele Familien zur Adventszeit dazu.

Mehrere Generationen, die gemeinsam dekorieren: Auch das wird in Familie Herschel gelebt. Elke Herschels Enkelin Antonia ist 20 und hat kurz vor Beginn der Adventszeit den Raum gestaltet, in dem ihre Mutter Judith die Weihnachts-Stoffpost verkauft. Das kreative Gen haben sich die drei Frauen wohl weitervererbt – nicht nur zur Weihnachtszeit. Schon früher hat Antonia Herschel am liebsten mit ihrer Oma gebastelt.

Vielleicht haben die Leserinnen und Leser mitgezählt: Bis jetzt kam in diesem Text das Wort „christlich“ nur einmal vor, versteckt in den „Christbaumkugeln“. Das war Absicht: Natürlich gehen viele Menschen in Deutschland zum Heiligabend oder am ersten Weihnachtsfeiertag in die Kirche. Sie kennen die Geschichte von Jesu Geburt – schließlich wird an Weihnachten genau das gefeiert. Auch weithin bekannte Weihnachtslieder wie „Stille Nacht, heilige Nacht“ sind durch Kirchenvertreter entstanden. Dennoch ist der christliche Ursprung des Festes in vielen Familien nicht mehr zentral, vor allem im Osten Deutschlands, in der früheren DDR. Dort wurde die Religion von Staats wegen unterdrückt. Auch Familie Herschel stammt aus der DDR, Leipzig liegt im Osten des Landes.

Doch das, was viele Menschen an Weihnachten so schätzen – Familie, Nächstenliebe, Besinnlichkeit, Ruhe – ist im Kern sehr christlich, weist aber noch darüber hinaus. Denn diese Werte hat weder das Christentum noch jede andere Religion allein und ausschließlich für sich gepachtet. Im Gegenteil: Fast jeder auf der Welt kann sich auf sie verständigen. Das ist es, was Weihnachten und viele andere religiös begründete Festtage weltweit symbolisieren und wertvoll machen: die Verständigung zwischen den Menschen.