Navid Kermani Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa

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„Es war ein seltsam weichgewordenes Deutschland, das ich Ende September 2015 verließ. In den Bahnhöfen der großen Städte lagen Fremde auf grünen Schaumstoffmatten zwischen Reisenden, die zum Ausgang oder zu ihren Zügen eilten. Niemand verscheuchte sie oder regte sich über die Ordnungswidrigkeit auf, nein: Einheimische in signalgelben Westen knieten neben den Fremden, um sie mit Tee und belegten Brötchen zu versorgen oder mit ihren Kindern zu spielen.“

Mit diesen Worten beginnt das Buch Einbruch der Wirklichkeit – Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa des iranischstämmigen Schriftstellers Navid Kermani. Er beschreibt darin das Leid der Flüchtlinge, die mit Booten übers Mittelmeer nach Europa kommen, wo sie sich ein besseres Leben erhoffen. Und er stellt die Frage, inwieweit die Werte Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit von den Regierungen und der Bevölkerung in Europa beim Umgang mit Flüchtlingen als verbindlich erachtet werden.

Das Buch ist nun beim Sefsafa-Verlag aus Kairo in der arabischen Übersetzung von Nermine al-Sharkawy erschienen. Auch der Roman Große Liebe von Navid Kermani liegt inzwischen auf Arabisch vor, und zwar beim Verlag Al Kotob Khan, in der Übersetzung von Ahmed Aaly. Um diese beiden Neuerscheinungen in arabischer Sprache zu feiern, hielt sich Navid Kermani von 22. bis 25. Oktober in Kairo auf, wo er von ägyptischen Lesern und in Kairo lebenden Deutschen äußerst warmherzig empfangen wurde.

Einbruch der Wirklichkeit

Bei einem Autorengespräch im Goethe-Institut erzählte Navid Kermani über die Entstehung von Einbruch der Wirklichkeit. Der Text war ursprünglich als mehrteilige Reportage im Spiegel erschienen. Navid Kermani bezeichnete die Flüchtlingskrise als Wendepunkt in der Geschichte Europas, an dem sich entscheiden werde, ob Europa als politisches Projekt, das auf Pluralismus basiere, fortbestehen könne oder nicht. Jeder Flüchtling sei für sich schon ein Einbruch der Wirklichkeit, die wir nun auf den Straßen und in den Schulen mit eigenen Augen zu sehen bekämen, so Navid Kermani weiter. Jeder Flüchtling erzähle Geschichten aus Krisenregionen, die wir zwar schon vom Hörensagen kennen. Doch jetzt seien es nicht mehr nur Nachrichtenbeiträge, die wir zu hören bekommen, sondern Augenzeugenberichte. Die Krisen sind Teil unseres realen Alltags geworden.

Kermani sprach auch über das Erstarken rechter Strömungen in Europa und die damit verbundene Gefahr für die Demokratie und das Prinzip von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Er wies darauf hin, dass einige europäische Regierungen vorsätzlich ein falsches Bild von Flüchtlingen in die Welt gesetzt hätten. So habe zum Beispiel die rechtsgerichtete Regierung in Ungarn die hilflosen Flüchtlinge, die in Parks und auf Bahnhöfen lagerten, völlig sich selbst überlassen, sodass sich deren Situation zusehends verschlechterte. Schließlich boten sie einen derart furchterregenden Anblick, dass die einheimische Bevölkerung bereitwillig die Ansicht der Regierung übernahm, man könne diese Menschen unmöglich aufnehmen und müsse sie unbedingt abschieben.

Große Liebe

Große Liebe von Kermani © Hanser Beim zweiten Autorengespräch in der Buchhandlung des Verlags Al Kotob Khan im südlich Kairoer Vorort Maadi sprach Navid Kermani anlässlich des Erscheinens seines Romans Große Liebe auf Arabisch über seine früheren Besuche in der ägyptischen Hauptstadt und über seine Begegnungen mit der islamischen Tradition, insbesondere mit dem Sufismus, der auch in Große Liebe eine zentrale Rolle spielt. In dem Roman geht es um einen Teenager, der sich in ein älteres Mädchen verliebt. Dabei tauchen immer wieder diverse philosophische Überlegungen zu den Themen Liebe und Sufismus auf.

Wie so manches Buch von Navid Kermani ist auch Große Liebe an der Schnittstelle von Orient und Okzident angesiedelt. „Liebe“ wählt der Autor hier als Schlüsselbegriff, um den interkulturellen Dialog durch eine Rückbesinnung auf den Sufismus zu eröffnen, wo die Liebe als Dreh- und Angelpunkt des Universums gilt.

Navid Kermani erzählt, dass er bei seinem ersten Besuch in Kairo vor Jahren alles, was er in Europa über Kunst gelernt hatte, in der Religion wiedergefunden habe. Auf diese Weise sei ihm zum ersten Mal in seinem Leben der Zusammenhang zwischen Poesie, Kunst und Religion klar geworden, aber auch die Musikalität der Koran-Rezitationen.

In alten Zeiten, so Navid Kermani weiter, lebten die Sufis einen Freiheitsbegriff, der für uns heutzutage nur schwer nachvollziehbar sei. Selbst bei Schriftstellern und Wissenschaftlern sei dies in Vergessenheit geraten. Stattdessen werde Islam häufig mit Islamismus gleichgesetzt. Die Rückbesinnung auf die Vergangenheit stelle zwar keine Lösung für aktuelle Probleme dar, aber immerhin einen Anreiz, sich Gedanken zu machen, nachzuforschen und die Dinge kritisch zu hinterfragen.
 
Navid Kermani Foto: © Privat Navid Kermani ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Akademie der Wissenschaften in Hamburg. Er wurde für seine Arbeiten mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit der Buber-Rosenzweig-Medaille und dem Kleist-Preis. 2014 erhielt er für sein Gesamtwerk den Joseph-Breitbach-Preis, einen der höchstdotierten Literaturpreise in Deutschland.