Filmrezension zu Solo Sunny und Gundermann „Ich hätte da mal eine Frage Genosse“

Solo Sunny Filmausschnitt
Solo Sunny Filmausschnitt | © Diether Lück

Das fiktive Drama „Solo Sunny“ um die Schlagersängerin Ingrid „Sunny“ Sommer war einer der Erfolgsfilme der DEFA 1980 und gewann zahlreiche Preise. „Gundermann“ ist die biographische Verfilmung des Lebens des ostdeutschen Liedermachers Gerhard „Gundi“ Gundermann und erschien 2018 anlässlich seines zwanzigsten Todestages. Beide Filme sind sehr unterschiedlich, geben jedoch ergänzend zueinander ein vielschichtiges Bild der Lebenswirklichkeit von Musikern in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik.

Die DDR, Ende der siebziger Jahre.  Ingrid Sommer genannt „Sunny“ (Renate Krößner) möchte Karriere als Schlagersängerin machen. Doch vor allem möchte sie frei nach ihrem eigenen Kopf leben. Vor einiger Zeit hat sie deshalb ihr Arbeitskollektiv in einer Textilfabrik verlassen, um sich komplett auf die Musik zu konzentrieren.

„Sunny“ hat es jedoch nicht leicht. Als Kind ohne Eltern aufgewachsen, musste sie auch einige Jahre in einem der berüchtigten Heime für Schwererziehbare Kinder verbringen. Von ihrem Verehrer Harry (Dieter Montag), einem Taxifahrer, verfolgt und von den Nachbarn kontrolliert und angeschwärzt, versucht sie nun seit einiger Zeit als Musikerin Fuß zu fassen. Sie singt in der Band „Tornados“. Doch auch die Band bietet ihr keine Sicherheit. Ihr Bandkollege Norbert (Klaus Brasch) belästigt sie stetig und versucht sie während einer Tour eines Nachts gar zu vergewaltigen. Doch nicht Norbert wird zur Rechenschaft gezogen, sondern Sunny wird die Schuld gegeben.

Ein authentisches Bild des Musikerlebens in der DDR

„Solo Sunny“ zeigt authentisch wie das Musikerleben damals in der DDR war, wenn man nicht zu den Topmusikern gehörte und vom Staat gefördert wurde. Die Auftrittsorte waren oftmals klein und wenig glamourös, das Publikum mäßig zu begeistern bis hin zu Bockwurst verschlingenden Desinteresse. Man tingelte von Ort zu Ort und hauste in Schlafsälen und Gemeindehäusern. Ins Ausland durfte man nur unter bestimmten Bedingungen. Frauen hatten es wie überall auf der Welt besonders schwer. Sexuelle Übergriffe und Belästigungen waren keine Seltenheit. Wenn sie sich nicht fügen wollten, widersprachen und sich gewehrt haben, wurden sie einfach als schwierig abgestempelt. Jemand der Probleme macht, der sich doch „nicht so haben soll“.

Darin das „Solo Sunny“ all dies unverholen und ohne Beschönigung zeigt, liegt die Kraft des Films und auch dessen Besonderheit. „Ich komme auf die Annonce wegen der Sängerin. Ich würde es gern machen. Ich schlafe mit jedem, wenn es mir Spaß macht. Ich nenne einen Eckenpinkler einen Eckenpinkler. Ich bin die, die bei den 'Tornados' rausgeflogen ist. Ich heiße Sunny.“ Die für damalige Verhältnisse provokanten Abschlussworte der letzten Szene waren von den zwei der bedeutendsten Persönlichkeiten der DDR, dem Regisseur Konrad Wolf und dem Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase so auch bewusst gewählt worden. 

„Solo Sunny“ war aufgrund dieser reellen und kritischen Darstellung nicht unumstritten bei den höheren Parteikadern und Funktionären der DDR. Doch die Erfolge ließen auch die letzten Kritiker verstummen. Einen Monat nach dessen Prämiere im Januar 1980 gewinnt der Film zur Berlinale den Filmkritikerpreis und Renate Krößner den "Silbernen Bären" als beste Darstellerin. Es folgen zahlreiche weitere nationale und internationale Auszeichnungen. Das Lied zum Film wird weltweit ein Hit und der größte Erfolg der Sängerin Regine Dobberschütz, die ihre Stimme „Sunny“ lieh.

"In seiner Persönlichkeit haben wir viele Aspekte vom Leben in der DDR entdeckt."

An der Umsetzung des biografischen Spielfilms „Gundermann“ arbeitete der preisgekrönte, ostdeutsche Regisseur Andreas Dresen zusammen mit der Drehbuchautorin Laila Stieler 12 Jahre lang. Zu groß war der Anspruch der vielschichtigen Persönlichkeit Gerhard Gundermanns (1955-1998) gerecht zu werden. Conny Gundermann, die Witwe des Künstlers arbeitete eng mit Dresen zusammen und verhalf dem Film durch ihre Erinnerungen zu einer noch reelleren, bodenständigeren Aufmachung.

Gundermann  genannt „Gundi“ (gespielt von Alexander Scheer) war ein erfolgreicher ostdeutscher Liedermacher. Er war aber auch ein Baggerfahrer der Jahrzehnte lang im Braunkohlewerk in der Lausitz Schichtdienst leistete, obwohl er von seiner Musik hätte Leben können. Er war ein vielschichtiger, zum Teil widersprüchlicher Mensch. Sehr klug und einfühlsam auf der einen Seite, naiv und gnadenlos ehrlich auf der anderen. Er war überzeugter Marxist, Mitglied der SED und inoffizieller Stasimitarbeiter. Gleichzeitig kritisierte er ohne Scheu alles und jeden, eckte oft an, wurde aus der Volksarmee herausgeschmissen, weil er aus Ablehnung des Personenkults heraus sich geweigert hatte, das Lied „mein General“ zu singen und wurde 84 nach mehreren Auseinandersetzungen mit der SED Vertretung seines Arbeitskollektivs aus der Partei ausgeschlossen. Gundermann war kein Papierkommunist, er glaubte tatsächlich an die Ideale des Kommunismus/Marxismus. Er kämpfte für Arbeiterschutz und -versorgung, hinterfragte Politik und Prozesse der Planwirschaft. Ironischerweise war es dies, was dazu führte, dass er aufgrund seiner unerschütterlichen Haltung aus der Partei letztendlich ausschlossen wurde.

Wie in einer markanten Szene des Films dargestellt, wo er einen Gesandten der SED, der zu Besuch im Tagebau, wo Gundermann arbeitet, kommt. Gundermann fragt ihn vor laufender Kamera:  „Ich hätte da mal eine Frage Genosse: ich wüsste gerne, warum du mit ‘nem Westwagen anrollst, wo wir alle doch nur Trabbi fahren.“

Im Gespräch mit MDR-Kultur im August 2018 sagt Dresen über Gundermann: "In seiner Persönlichkeit haben wir viele Aspekte vom Leben in der DDR entdeckt."

Gundermann und die Stasi

Ein großer Teil des Films setzt sich mit Gundermanns Stasivergangenheit auseinander. Die Staatssicherheit der DDR, kurz Stasi genannt, war ein komplex aufgestellter Geheimdienst.  Jedes Land hat eine Staatssicherheit, das Ausmaß der Beschattung und Bespitzelung war jedoch in Ländern wie der DDR von einem größeren, systematischeren Ausmaß als in den meisten anderen. Inoffizielle Mitarbeiter (IM) gab es wesentlich mehr als offizielle Mitarbeiter. Im Prinzip wurde jeder einzelne Einwohner der DDR von einem oder mehreren IMs bespitzelt. Die IMs waren dabei zumeist Bekannte, Kollegen, bis hin zu Freunden und Familienmitgliedern. 

Der Film zeigt in, zwischen den Jahren 92-94 und 76-84 springenden Szenen, wie es dazu kam, dass Gundermann unter dem Decknamen „ Grigori“ für die Stasi tätig wurde.

Im Januar 1992 öffnete das Stasi-Unterlagen-Archiv. Bürger und Bürgerinnen konnten dort Einsicht in ihre Stasiakten beantragen. Bis dieser Antrag jedoch bewilligt wurde, konnte es bis zu zwei Jahre dauern. Auch sind viele der Akten bis heute verschwunden geblieben. Die Akten wurden in die Kategorien Opfer (Bespitzelte) und Täter (IMs) eingeteilt. Bis heute existiert das Stasiarchiv in Berlin.

1992, Gundermann ist gerade auf einen der Höhepunkte seiner Karriere. Mit seiner neuen Band „Seilschaft“ füllt er Konzerthallen, nimmt Alben auf, geht auf Tour und spielt als Vorgruppe von Bob Dylan. Doch dann bekommt Gundermann einen wichtigen Anruf. Ein ehemaliger Weggefährte und Freund Gundermanns findet dessen Namen in seiner Stasi Opferakte und konfrontiert ihn damit.  Anders als viele, die Anfang der 90er Jahre beschuldigt wurden, inoffizielle Stasimitarbeiter gewesen zu sein, verleugnete Gundermann nie von 1976 bis 84 ein IM gewesen zu sein und setzt sich daraufhin aktiv mit seiner Vergangenheit und Rolle im damaligen System auseinander. Nach dem Lektorat seiner eigenen Täterakte geht er damit sogar freiwillig an die Öffentlichkeit. Etwas, das sogar nur bei dem ausgesprochenen, unbewiesenen Verdacht, vielen die Karriere und alle beruflichen Chancen gekostet hat.

Interessant anzumerken ist, dass Gundermann sowohl eine Täter als auch eine Opferakte hatte. Die Opferakte jedoch für immer verschwunden blieb.

Gundermann, bat nie um Verzeihung für seine Stasivergangenheit, da er nach eigenen Aussagen damals glaubte das richtige zu tun, könne sich jedoch selbst nie verzeihen.

Interessante Verknüpfungen

Der Liedermacher Günther Fischer, der das Titellied von Solo Sunny geschrieben hat, wurde selbst Anfang der 90er Jahre von ehemaligen Kollegen beschuldigt als IM „Günther“ für die Stasi tätig gewesen zu sein. Etwas, dass Fischer stets abstritt. Die eigentliche Sängerin, die Sunny ihre Stimme lieh, Regine Dobberschütz, stellte 1983 den Ausreiseantrag und verließ 1984 legal die DDR.

Wolfgang Kohlhaase der Drehbuchautor von „Solo Sunny“ arbeitete auch an mehreren Filmen mit dem Regisseur von „Gundermann“ Andreas Dresen zusammen. Gemeinsame Projekte inkludieren WHISKY MIT WODKA  (2009) und „Als wir träumten“ (2015).

Dresen wurde durch den Oscar-prämierten Film „Das Leben der Anderen“ dazu motiviert eine „originäre Ostsicht“ zu geben, da der Oscarpreisträger für ihn ein "gut gemachter Thriller, der aber mit dem Leben im Osten, wie wir es kannten, nicht so viel zu tun hatte" sei.

Wie die fiktive Sängerin Sunny schwomm Gundermann immer gegen den Strom. Er sagte die Dinge und machte alles so wie er es für richtig hielt, ohne sich vom Gesellschaftsdruck und Normen beeinflussen zu lassen. Gundermann verarbeitete sein Leben und seine Erfahrungen durch seine Lieder. Sunny versuchte durch Musik die sehnlichst erwünschte Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen. Ob Sunny ihre Träume verwirklicht, wird offen gelassen, aber es ist sicher, dass sie sich von  nichts und niemanden unterkriegen lässt, wie Gundermann, der sich seiner Stasivergangenheit stellte und sie überkam. Gundermanns Lieder leben bis heute weiter und werden von Musikern aus Ost und Westdeutschland interpretiert. 

„Solo Sunny“ war ein außergewöhnlicher Film, der die damalige Wirklichkeit ungeschönt porträtierte. Mit „Gundermann“ schaffte es Andreas Dresen einen differenzierten Blick auf die ostdeutsche Geschichte zu geben. 

Beide Filme sind Sinnbilder dafür, das menschliche Entscheidungen komplex sind. Es gibt kein Schwarz und Weiß, sondern viele Grautöne dazwischen. Und so ist es auch mit der gesamten DDR-Geschichte. Es war weder alles schlecht, noch alles gut.  Es war ein Leben mit vielen Wiedersprüchen, aber kein Minderwertiges.