Techno im 21. Jahrhundert Sven Väth und Toby Izui im Gespräch

Sven Väth und Toby Izui im Goethe-Institut Tokyo
Sven Väth und Toby Izui im Goethe-Institut Tokyo | Foto: Goethe-Institut Tokyo

Gibt es so etwas wie rein „japanischen“ und „deutschen“ Techno? Wo steht die Bewegung seit dem Ende des Booms der 90er? Und wie sieht die Zukunft aus? - Technolegende Sven Väth und DJ Toby Izui geben einen Einblick in die aktuellen Entwicklungen.

Sven Väth und Toby Izui - ihr besitzt verschiedene kulturelle Hintergründe und kamt im Laufe eurer Karriere in Kontakt mit unterschiedlichsten Ländern und Kulturen. Hat sich in euren Augen mit elektronischer Musik so etwas wie eine universale Sprache gefunden oder gibt es länderspezifische Besonderheiten?

Sven Väth: In meinen Augen ist Techno universelle Musik. Sie braucht keine Worte. Deshalb wird sie überall gleich verstanden. Nehmen wir zum Beispiel Rock. Japanischer Rock klingt deswegen anders, weil auf Japanisch gesungen wird. Trotzdem wird ein japanischer Rocksong auch in Deutschland als „Rocksong“ verstanden. Bei Techno ist das Selbe. Natürlich gibt es länderspezifische Unterschiede, doch es ist die Basedrum, die uns alle bewegt und es ist der Rhythmus: ein universaler Grundrythmus zwischen 100 und 140 dpm, zu dem man sich überall auf der Welt – sei es nun in Japan, in Amerika oder in Deutschland - gerne bewegt.   

Toby Izui: Für mich ist Techno ein Instrument, mit dem man überall auf der Welt kommunizieren kann. Das ist gerade das Schöne an Techno! Die Grundstruktur ist in jedem Land, in jeder Kultur die Gleiche. Insofern gibt es eine gemeinsame Sprache, die als Basis dient. Diese Sprache spricht die menschlichen Emotionen an: Freude, Hoffnung, Trauer, Wut. Deshalb funktioniert sie auf der ganzen Welt. Also ja, man könnte sagen, dass wir durch Techno eine gemeinsame musikalische Sprache haben.  

Wie ist die aktuelle Lage in Deutschland und Japan? Ist Techno noch so populär wie zu Beginn der 90er oder gibt es vielleicht Zusammenhänge zwischen beiden Ländern?

Sven Väth: Jemand hat mal sehr treffend formuliert: „Die Japaner haben uns die elektronischen Musikinstrumente geschenkt und wir haben ihnen den Techno geschenkt.“ In Japan hat man sich in den 80er Jahren Gedanken um die Musikherstellung gemacht und dank Roland aus Osaka konnten wir in Deutschland dann mit Drum Machines und Synthesizern Housebeats und Technobeats produzieren. Heute ist die Bewegung größer als je zuvor. Weltweit kommen junge Talente nach und die Festivalkultur wächst und wächst. Nach 30 Jahren auf der Bühne, habe ich noch nie so eine Anfrage gehabt, wie augenblicklich. Ob ich in Peru, in Mexiko oder in Japan spiele, überall treffe ich auf junge Veranstalter, die an die Idee glauben und festhalten.

Toby Izui: In Japan kämpft man bis heute noch mit dem „Gesetz zur Kontrolle des Unterhaltungsgewerbes“. Dieses Gesetz unterscheidet nicht zwischen Restaurants, Bars, Clubs, Diskotheken und Bordellen. Alle müssen zunächst eine Lizenz beantragen und sich dabei verpflichten, dass außerhalb ihres Geschäfts keine Musik zu hören ist und so absurd es klingt: ab 1 Uhr nachts nicht gefeiert wird. Jede Diskothek muss also zwangläufig das Gesetz brechen.Wenn sich einmal ein paar Betrunkene vor der Tür unterhalten, kann die Polizei den Laden schließen. Eigentlich sollte das Gesetz differenzieren, doch die Auflagen werden immer strenger. Selbst die Größe der Türen ist vorgeschrieben: Schiebetüren bei Restaurants dürfen nicht breiter sein als ein Futon, sonst könnte es als Bordell verwendet werden. Das Gesetz ist völlig veraltet. Es passt nicht mehr mit der heutigen Kultur zusammen und hemmt die weitere Entwicklung in Japan.

Gibt es dagegen Proteste?

Toby Izui: In Japan ist man eher zurückhaltend. Aber bei twitter werden die Gesetze in letzter Zeit viel diskutiert und wenn die Auflagen noch strenger werden, wird es mit Sicherheit eine Protestbewegung geben. Derzeit finden Veranstaltungen verstärkt tagsüber statt. Auch wenn ich hoffe, dass das Gesetz bald abgeschafft wird, muss es muss schließlich nicht unbedingt nachts sein, man kann auch tagsüber tanzen.  

Sven, hast du einen Rat für Toby?

Sven Väth: “Fight for your right to party!” Ich glaube das Wesentliche an Techno ist diese Freiheit in der Musik. Das man immer wieder probiert aus den Strukturen auszubrechen. Techno ist eine sehr freigeistige Musik. Strenge Auflagen entziehen unserer Musik ihrer Grundlage, der Möglichkeit zur freien Entfaltung. Wie sieht es mit friedlichen Protesten aus? Gab es in Japan etwas Vergleichbares wie die Loveparade?   

Toby Izui: Wir hatten Streetparades, aber typisch japanisch mit vielen, vielen Regeln, Genehmigungen und Sicherheitsvorschriften. Trotzdem glaube ich, es ist eine gute Idee, das Problem in der Öffentlichkeit zu thematisieren...vielleicht auch in Form einer „Loveparade“. In Deutschland kann man mit genug Unterschriften Gesetzesvorschläge einbringen, doch auch in Japan gibt es Unterschriftenaktionen im Internet. Ich würde mir wünschen, dass sich viele daran beteiligen und die Abgeordneten darum bitten sich des Themas endlich anzunehmen. Man merkt erst, was man hat, wenn mans verloren hat. Wir sollten davor aktiv werden.

Mit diesem Aufruf unterstreichst du wie Sven, die Bedeutung der Freiheit in elektronischer Musik. Dabei wird gerade oft kritisiert, dass sie sich seit den 80ern von ihren Idealen entfernt hätte, hin zum reinen Konsum. Wie seht ihr das und wie viel Bestand hat die Bewegung in euren Augen?

Toby Izui: Manche Stücke werden tatsächlich wie eine Zeitung nach einem Tag oder einer Woche „weggeschmissen“, aber ich benutze auch Tracks, die schon vor 20 Jahren produziert wurden. Zwar bin ich mir nicht sicher, wie sich das weiterentwickeln wird, aber Techno hat definitiv Bestand und ich hoffe, dass die Musik zukünftig noch mehr Akzeptanz findet.

Sven Väth: Als ich angefangen habe, war mein Traum Musik zu machen und Menschen zu unterhalten. Das, was mich am meisten bewegt hat, waren gute Songs. Sie haben meine Leidenschaft geweckt und das Verlangen selbst zu produzieren und Musik zu machen. So wurde ich zu einem der Pioniere in Deutschland mit „OFF - Bad News“ 1985. Das war der Start und ich bin mir selbst bis heute treu geblieben. Wir sind noch eine sehr junge Bewegung. Aber diese hat genauso Bestand wie Jazz, Rock und all die anderen. Dadurch, dass heute jeder die Möglichkeit hat etwas schnell zu produzieren, zu veröffentlichen und genauso schnell zu konsumieren, muss man unwahrscheinlich stark filtern. Ich als DJ gebe mir Mühe stark zu selektieren und zu entscheiden, was ich wirklich vorstellen möchte. Bei den Bits, Bytes und Beats im Netz ist auch viel Müll, dennoch höre ich mir auch heute noch gerne eine Kraftwerkplatte oder eine von Yellow Magic Orchestra an. Das sind elektronische Musikklassiker und jedes Jahr werden neue geschrieben.

Du hast den technischen Fortschritt angesprochen, dass man als DJ unwahrscheinlich stark filtern muss. Hatte die neue Technik auch Auswirkungen auf eure Arbeitsweise und was ist eure Zukunftsprognose?

Sven Väth: 2010 wurde bekanntgegeben, dass die Produktion von Schallplattenspielern in 10 bis 12 Jahren endgültig eingestellt wird. Doch Liebhaber wird es immer geben und ich hoffe, dass man auch in Zukunft noch Vinyl spielen wird. In letzter Zeit gibt es den Trend, dass DJs die Musik während sie spielen bearbeiten – verlängern, verkürzen, verdoppeln. Ich würde nichts verändern, dazu respektiere ich die Autoren und die Produzenten zu sehr. In Zukunft wird es vielleicht Standard, dass jemand aus Peru oder Spanien dir passende Beats schickt und du sie synchron in dein Set in einem deutschen Club lädst. Richie Hawtin treibt das schon ziemlich weit. Aber für mich bleibt das Wichtigste die Musik, nicht die Abspielbarkeit immer neu zu erfinden. Ob auf Platte oder als Download – das Wichtigste bleibt der musikalische Inhalt. Das war für mich und das bleibt für mich so. Da bin ich Künstler und nicht Technologiepionier.

Toby Izui: Ich benutze Effekte sehr viel. Aber damit, die Stücke auseinander zu stückeln und sie wieder zusammenzusetzen, kann ich mich auch nicht anfreunden. Ich finde man muss immer ein Maß halten. Effekte sind nur ein „Zusatz“, wie Glutamat beim Essen. Mit zu viel wird das Essen ungenießbar. Früher habe ich mit Vinyl aufgelegt, aber letztes Jahr nur noch mit compact flash und soundfiles gearbeitet. Es ist nicht nur eine ideologische Frage, sondern auch eine Frage der Kosten und des Transports. Daten sind um vieles billiger als Vinyl und leichter als 100 Platten die Bahnhofstreppe hinauf und hinunter zu tragen. In meinen Augen ist es gleich in welcher Form man die Musik präsentiert. Unser wichtigstes Instrument bleibt der Turntable und wie Geigen und akustische Gitarren ihre Form bis heute behalten haben, wird es auch unser Instrument.

Sven Väth: Das Wichtigste für mich in Zukunft ist Plattformen zu schaffen, damit die Idee der Musik, die wir schaffen, weiterlebt. Nur wenn wir Geld in die Szene investieren, reisen, junge Künstler hören und einladen - die richtigen Vorrausetzungen für junge Talente schaffen, kann die Szene weiterleben.