Die Sterne Das Chamälon Wahrheit

Die Sterne
Die Sterne | Foto: © Die Sterne Tourankündigung, Col Zoom

Seit Ende 80er Jahre beweisen DIE STERNE, dass Gesellschaftskritik weder schwülstig noch aggressiv sein muss, um ein Echo zu finden. Ihre Abrechnungen mit dem System kleiden sie lässig mal in Funk, Hip-Hop, Soul und seit 2010 sogar in swingende Discobeats.

"Nur kein Pathos, ratlos, harmlos, keinen Pathos/ Tote werfen keine Schatten, keine Parolen, keine Blöden wie die" fordern Die Sterne in einer ihrer ersten Singles Fickt das System (1992). Als Mitbegründer der "Hamburger Schule" machen sie deutsche Popmusik Anfang der 90er Jahre wieder salonfähig. Anders als Tocotronic und Blumfeld setzen sie dabei nicht auf reinen Pop oder Gitarrenrock, sondern orientieren sich vor allem an Funk-Musik.

Nach ihren ersten beiden Alben Wichtig (1993) und In Echt (1994) werden sie von der deutschen Musikpresse als Nachfolger von Ton, Steine und Scherben gefeiert und steigen mit ihrer Ode vom "Universal Tellerwäscher" (In Echt, 1994) in die Charts ein. Dort wo Rio Reiser in den 70ern und 80ern durch seine unverschnörkelte Radikalität bestach, drückt Frank Spilker seine Lebensbetrachtungen und Kritik an der Gesellschaft vornehmlich in Metaphern und Vergleichen aus: Und dann arbeitet man sich heran an das was man, in der Dunkelheit vermuten kann/ weil die doch einiges verspricht, nur Licht gibt es hier leider nicht ("Das bisschen besser"; Wo ist hier 1999).

Ende der 90er Jahre wechseln Die Sterne von L`Age D´Or zu Virgin, touren auf Einladung des Goethe-Instituts durch Nordamerika und widmen sich im Anschluss unterschiedlichster Neben- und Soloprojekte. Richard von der Schulenburg verstärkt in Folge von Frank Will, Frank Spilker (Gitarre), Christoph Leich (Schlagzeug) und Thomas Wenzel (Bass) am Keyboard. Auf zusätzliche Verstärkung durch Gastauftritte setzen sie nur ein einziges Mal in ihrem fünften Studioalbum Das Weltall ist zu weit (2004). Darin geben sie sich politischer denn je und lassen u.a. Tomte-Sänger Thees Uhlmann, Fettes Brot und Wir sind Helden-Sängerin Judith Holofernes zu Wort kommen.  Im Folgealbum Räuber und Gedärm (2006) knüpfen sie dagegen wieder an ihre musikalischen Wurzeln an und räumen nicht allein dem großen Ganzen, sondern auch Spilkers ironischen Betrachtungen des Einzelnen wieder einen festen Platz ein.

Aufbruch nach Phantasien?

2010 wagen die Sterne mit Produzent Mathias Modica den Sprung ins musikalische Paralleluniversum. Statt Gitarrensolos dominieren in den zehn neuen Tracks Loops und Elektrobeats.

"Mich interessieren die Klischees von Disco", bekennt Spilker in einem Interview mit dem Tagesspiegel. "In den achtziger Jahren gab es ja noch dieses klassische Feindbild: Punk war das Gute und Disco das schlichtweg Böse. Daran habe ich auch geglaubt, bis ich irgendwann erkannte, dass zum Beispiel die großartigen Blondie mindestens ebenso sehr Disco waren wie Punk."

In 24/7 (2010) laden die Sterne ihrer Hörer scheinbar zur Flucht aus dem grauen Alltag. Doch unter dem fröhlichen Beatkostüm, das das Potential hat die letzten Reste Hirn mit den Beinen in Trance zu bewegen, steckt sie eben doch nach wie vor: die Wahrheit. In "Depressionen aus der Hölle" betet Spilker die religiösen Mantras der Selbstoptimierungsgesellschaft, in "Deine Pläne" zelebriert er den puren Hedonismus und im groovigen "Convience Shop" reflektiert er die Auswüchse der Dienstleistungsgesellschaft:"Was können wir denn für dich tun, was möchtest du den haben. Wir sind dein Convenience Shop, wir sind deine Sklaven."

So beweisen die Sterne, dass Authentizität sich eben nicht auf das romantische Ideal von "Gitarre, Schlagzeug, Bass" beschränkt, sondern Disko genauso echt sein kann wie Rock´n´Roll. Es ist allerdings fraglich, ob das für 2014 angekündigte 10. Studioalbum der Band dem Vorbild von 24/7 folgen wird. Vielleicht wird es sich eher am Minialbum "Für Anfänger" (2012) orientieren, für das sie ihre größten Hits neu einspielten? Oder ihren Hörern zur Abwechslung einmal Salsa und Jazz näher bringen? Sicher kann man sich bei den Sternen da nie sein, nur eins ist sicher: es bleibt betörend ehrlich.
 
Die Sterne mit ihrer berühmten `House of the Rising Sun´ - Hommage: Was hat dich bloß so ruiniert? (LIVE Bavaria Festival 2003 in München)
 

Discographie DIE STERNE:

  • Wichtig (1993)
  • In echt (1994)
  • Posen (1996)
  • Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die interessanten (1997)
  • Wo ist hier (1999)
  • Irres Licht (2002)
  • Das Weltall ist zu weit (2004)
  • Räuber und Gedärm (2006)
  • 24/7 (2010)
  • Für Anfänger (2012/ Mini-Album)