Wollen wir tauschen? Der Trend zum nachhaltigen Konsum

Kleiderkreisel
Kleiderkreisel | Foto: © Kleiderkreisel

Kleider tauschen statt wegwerfen: In Deutschland etabliert sich eine neue Haltung zum Konsum. Auf Internetplattformen tauschen, verkaufen und verschenken immer mehr Menschen ihre Kleidung und Accessoires. Dahinter steckt eine ganze Philosophie.

Die Hose passt nicht mehr, das T-Shirt liegt in dreifacher Ausführung im Schrank und der Schal gefällt einem doch nicht mehr so gut? Während man vor ein paar Jahren seine Schätze noch auf den Flohmarkt, zum Second-Hand-Laden oder zur Kleidersammlung gebracht hätte, bieten vor allem junge Deutsche ihre abgelegte Garderobe jetzt im Internet an.

Die bekannteste Plattform ist Kleiderkreisel, eine Internet-Börse zum Kleidertausch. Ursprünglich stammt die Idee dafür aus Litauen, gelangte aber auf kuriosem Weg nach Deutschland: Die beiden Studentinnen und Kleiderkreisel-Gründerinnen Sophie Utikal und Susanne Richter landeten 2008 in der litauischen Hauptstadt Vilnius auf der Couch von Justus Janauskas. Die Freundinnen entschieden sich gegen ein Hotel und für das Abenteuer Couchsurfing um Geld zu sparen. Ihr Gastgeber Justus hatte bereits einen litauischen Kleiderkreisel entworfen und erzählte von seiner Idee – „Genial!“, befanden Utikal und Richter. Zurück in München klingelte das Telefon: „Hättet ihr nicht Lust, das Konzept nach Deutschland zu bringen?“ fragte Justus.

Gemeinsam mit ihrem neuen Mitarbeiter Martin Huber versuchten die beiden, das Projekt neben Studium und Job auf die Beine zu stellen: „Wir hatten am Anfang überhaupt keine Ahnung, was eine Bilanz ist und wie man am besten eine Internetseite bewirbt“, erzählt Utikal. Aber die Anstrengung lohnte sich: Mittlerweile hat die Plattform mehr als 415.000 Mitglieder, die kostenfrei über 2,4 Millionen Artikel anbieten – von der Louis Vuitton Tasche über das H&M T-Shirt bis zum Hochzeitskleid der Großmutter ist alles mit dabei. Utikal und Huber sind mittlerweile mit ihrem Studium fertig und hauptberuflich für das Projekt tätig, Susanne Richter befindet sich im Endspurt an der Universität Köln.

Der Erfolg von Kleiderkreisel kommt nicht von ungefähr, der deutsche Trend zur Nachhaltigkeit bringt auch ein verändertes Konsumverhalten mit sich: „Wir glauben schon, dass wir uns gerade an einem gesellschaftlichen Umbruch befinden und der Besitzstand und das Anhäufen von materiellen Dingen der Nachkriegs-Generation weniger wichtig wie der Nutzen eines Konsumguts wird“ sagt das Kleiderkreisel-Team selbst. Für diesen Werteumbruch gibt es noch mehr Beispiele: Kleidung wird nicht nur getauscht, sondern auch über das Internet verliehen – beispielsweise das schicke Abendkleid für den einen speziellen Anlass -, genau wie Autos, Werkzeug oder Wohnungen. Laut der Studie „Deutschland teilt“ von 2012 hat bereits jeder zweite Deutsche Erfahrungen mit alternativen Konsumformen gemacht. Statt des überquellenden Kleiderschranks eine gut vernetzte Gemeinschaft: Weniger ist jetzt mehr.

365 Tage lang ein Kleid

Auf die Spitze trieb diese Idee die Journalistin Meike Winnemuth. Sie trug jeden Tag das gleiche blaue Kleid – ein Jahr lang. Zwar durfte sie das Stück mit Accessoires und bereits vorhandenen Jacken, Hosen und Oberteilen kombinieren. Und natürlich gab es das kleine Blaue in dreifacher identischer Ausführung, damit es auch einmal in die Waschmaschine kam; die Grundidee blieb aber über 365 Tage bestehen. Ihr Projekt dokumentierte Winnemuth auf dem Blog Das kleine Blaue. Nach Ablauf des Jahres gesteht sie dort, dass sie sich ohne das Kleid vor dem Kleiderschrank „gelähmt von der Qual der Wahl“ gefühlt habe. Statt sich über die Auswahl zu freuen, fühlte sie sich erschlagen vom Überfluss: „In den letzten Tagen habe ich noch mal radikal ausgemistet, fast noch entschiedener als davor“.

Durch den verantwortungsvollen Umgang mit Kleidung soll dem Trend des schnellen und gedankenlosen Anhäufens von billig produzierter Mode Einhalt geboten werden. Ironisch ist dabei, dass diese Idee selbst eine Mode ist. Schon der deutsche Soziologe Georg Simmel befand 1905 in seinem Aufsatz Philosophie der Mode, dass sich vor allem in der Kleidung die Spannung zwischen sozialer Egalisierung – alle folgen einem Trend – und „individueller Unterschiedenheit und Abwechslung“ zeigt. Menschen wie Meike Winnemuth wollen sich von der Masse und dem dazugehörigen Massenkonsum abheben. Sophie Utikal, Susanne Richter und Martin Huber glauben an Collaborative Consumption, also den gemeinsamen Konsum auf Tausch-, Leih- und Schenkungsbasis, ebenfalls entgegen dem Zeitgeist von Billig-Discountern und Waren im Überfluss. Dabei fand der erste Flohmarkt 1967 in Hannover statt und führte zu einem deutschlandweiten Trend. Heute sind sie nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken. Gute Voraussetzungen also für ein langfristiges Umdenken im Kleiderkonsum.