Licht, Licht und Farben Nachwuchskünstler im Portait

Haris Epaminonda
Haris Epaminonda | Foto: David von Becker

Alle zwei Jahre verleiht die Nationalgalerie in Berlin einen Nachwuchspreis an bildende Künstler. Die Ausstellung der vier Nominierten ermöglicht oft einen Ausblick auf die zukünftigen Trends und Stars der deutschen Kunstszene.

Wer einen Vorgeschmack auf die neuesten Ausdrücke und Formen moderner Kunst in Deutschland bekommen möchte, darf in meinen Augen auf keinen Fall eine ganz besondere Ausstellung in Berlin verpassen. Die Ausstellung zum „Preis der Nationalgalerie für junge Kunst“ im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart präsentiert alle zwei Jahre die Werke der möglichen Preisträger. Der Kunstpreis richtet sich an in Deutschland ansässige bildende Künstler unter 40 Jahren und ermöglicht dem Gewinner eine Einzelausstellung in den Räumen der Nationalgalerie.

Obwohl der Preis erst im Jahr 2000 eingeführt wurde, hat er bereits vielen bedeutenden Künstlern den Weg zum Erfolg geebnet. So finden sich unter den ehemaligen Nominierten unter anderem Olafur Eliasson, Katharina Grosse und John Bock. Dies zeigt, dass es der Jury des Vereins der Freunde der Nationalgalerie oft gelingt, Ausnahmetalente früh zu entdecken und sie durch die Nominierung in der internationalen Kunstwelt noch bekannter zu machen.

2013 setzten sich die nominierten Künstler aus der Deutschen Kerstin Brätsch, der Mexikanerin Mariana Castillo Deballi, dem Neuseeländer Simon Denny und Haris Epaminonda aus Zypern zusammen. Alle vier Nominierten leben und arbeiten Deutschland, auch wenn einen das ihre multikulturelle Zusammensetzung fast vergessen lassen könnte. Gleichzeitig sind auch ihre Ausdrucksformen - von Malerei, über Videos bis hin zu Installationen - so vielfältig wie die unterschiedlichen Kulturen aus denen die Künstler stammen. Gemeinsamkeiten zwischen ihnen und ihren Werken lassen sich auf den ersten Blick nur schwer ausmachen. Wie soll es also möglich sein, gerade an ihnen die Zukunft moderner Kunst in Deutschland abzulesen? Um das zu verstehen, sollte man vielleicht zunächst einen Blick auf ihre Werke werfen. Für den Preis der Nationalgalerie bekommen die vier nominierten Künstler je einen Raum im Museum für Gegenwart zur Verfügung gestellt, in dem sie ihre Arbeiten präsentieren.

Kerstin Brätsch: Die Möglichkeiten der Malerei

Hamburgerin Kerstin Brätsch (geb.1979), die in New York und Berlin lebt und arbeitet, zeigte in ihrer Ausstellung 2013 verschiedenste Kunstwerke und Medien, jedoch mit einem klaren Schwerpunkt: der klassischen Malerei. Ihre vornehmlich abstrakten Arbeiten erstreckten sich über gigantische Papierrollen, die sie mit Heftklammern an den Wänden des Museums für Gegenwart angebracht hatte. Leuchtende Farben wie Gelb, Schwarz oder Violett dominierten ihre Werke. Der Regelmäßigkeit ihrer Pinselstriche standen dabei oft den zufälligen Farbvermischungen ihrer Arbeiten entgegen. Viele ihrer Gemälde leben von einem starken Kontrast zwischen regelmäßig und unregelmäßig. Neben Papierrollen, nutze sie auch bunte, runde Glasscheiben als Medium, die sie dunkel in der Mitte, nach außen immer heller gefärbt waren, sowie Dias, die an die Wand projiziert wurden. Diese interdisziplinäre Arbeitsweise ist ein besonderes Charakteristikum der Künstlerin.

Welcher Medien und Abstraktionsformen sie sich jedoch auch bedienen mag, ein roter Faden spannt sich durch beinahe all ihre Arbeiten: der Einsatz von Licht. So wirft letztlich ein Licht-Projektor die Dias an die Wand und ihre runden Glasscheiben weisen durch den Farbverlauf von dunkel nach hell eine unterschiedliche Lichtdurchlässigkeit auf. Selbst ihre Gemälde an den Wänden werden speziell vom gleißend hellen Licht eines Scheinwerfers angestrahlt. Mit der Thematisierung von Licht in ihren Arbeiten, unterstreicht sie die enge Verbindung von Licht und Malerei. Einerseits als kunsthistorischen Verweis auf die Maler des Impressionismus, die bereits dies Motiv behandelten und zugleich als Reflektion der klassischen Malerei selbst, denn schließlich ist Licht mit das wichtigste Element der Malerei. So lotet Brätsch letztlich in all ihren Werken auf interdisziplinären und intermedialen Wegen nach den Möglichkeiten der Malerei und stellt ihre Variabilität eindrucksvoll heraus.

Mariana Castillo Deball: Das Patchwork der Identitäten

Mariana Castillo Deballs (geb.1975) Werke illustrieren ihre mexikanische Herkunft und beschwören die Geschichte ihres Landes herauf. 2013 legte sie den Boden ihres Ausstellungsraums im Museum für Gegenwartskunst komplett mit schwarzen Brettern aus. Alle Bretter waren graviert, wie Druckplatten für einen Holzschnitt und stellten aneinandergereiht den Stadtplan der aztekischen Stadt Tenochtitlan (heute: Mexiko-City) dar. Der dargestellte Plan stammt aus der Feder von Hernán Cortés, dem Eroberer des Aztekenreichs, der ihn im 16. Jahrhundert, als Zeugnis seines Sieges in seine Heimat Spanien schickte. Auf dem Plan selbst platzierte Deball Puppen und Stäbe mit den farbenprächtigen Karnevalskostümen, Nachahmungen spanischer Kostüme, die jedoch auch heute noch zum Karneval in Mexiko getragen werden. Dieserart reflektieren ihre Arbeiten die mexikanische Geschichte sowohl von einem künstlerischen, als auch einem wissenschaftlichen Standpunkt heraus.

Ihr Werk erzählt oberflächlich betrachtet von der Unterjochung und Kolonalisierung Mexikos durch die spanischen Eroberer. Sie stellt die Kolonialmächte in Europa dem kolonialisierten Südamerika gegenüber und illustriert die Machtverhältnisse im 16. Jahrhundert. Gleichzeitig verweist sie jedoch nicht allein auf diese dunkle Seite der Geschichte und auf das Ungleichgewicht der Machtstrukturen, sondern zeigt mit den ausgestellten Karnevalskostümen, dass die Kolonialisierung auch positive Effekte hatte, wie die Entstehung neuer Traditionen. Durch die Symbole der mexikanischen Ureinwohner auf den Oberbekleidungen der von Spanien inspirierten Kostüme, verschmelzen beide Kulturen sinnbildlich und erzeugen etwas ganz Neues. So reflektieren Deballs Arbeiten letztlich die Entstehung der heutigen mexikanischen Kultur und präsentieren die bewegte Geschichte nicht ausschließlich in einem negativen Licht. In ihren Werken ist Geschichte offen für unterschiedlichste Deutungen.

Simon Denny: Kritik der Mediengesellschaft

Der jüngste Nominierte 2013, Simon Denny (geb. 1982) aus Neuseeland, reflektiert in seinen Arbeiten die heutige Mediengesellschaft. In seinem Ausstellungsraum brachte er zahlreiche Posterwände im gleichen Format im 90 Grad Winkel zur Wand an. Da Abstände zwischen den Wänden nur sehr gering waren, erhielt man erst direkt im Vorbeigehen einen tieferen Einblick in seine Arbeiten. Auf seinen Schautafeln druckte er Screenshots von der Website der Digital-Life-Design-Konferenz in München ab. Auf der Konferenz präsentieren sich jedes Jahr in München IT- und Medienfirmen. Dennys Papptafeln zeigten einige Präsentationen der Firmen, wie etwa von facebook, zusammen mit Zitaten und Fotos der Redner und CEOs.

Damit verweist er in seinen Arbeiten auf die wiederholenden Plattitüden der Medienunternehmen ("All you need is data"). In seinem Ausstellungsraum überflutete er den Betrachter mit Informationen über die Personen und Unternehmen, die aktuell die Informationsgesellschaft vorantreiben. Durch die geballte Informationsflut seiner Posterwände stellt er die Leere und Oberflächigkeit der Mediengesellschaft zu Tage. Dabei erscheinen nicht nur die dargestellten Personen und Unternehmen als oberflächlich, sondern vielmehr unsere ganze Gesellschaft, die sich heute vornehmlich aus Daten aus dem Internet speist und inzwischen jedes beinahe alle Aspekte des Alltags bestimmt. Dennys Werke konfrontieren den Betrachter mit der Leere und dem substanzlosen Schein der modernen Gesellschaft.

Haris Epaminonda: Interdisziplinäre Assoziationscollage

Die Zypriotin Haris Epaminonda (geb. 1980) gestaltete ihren Ausstellungsraum frei um und unterteilte ihn mit aufgestellten Trennwänden in mehrere komplexe Räume. In den einzelnen Zimmern stellte sie verschiedenste Medien aus, meist bestechend einfache Formen, wie Steine oder etwa Bücher. Eines ihrer Bücher zeigte Fantasielandschaften, die in einem Roman vorkommen könnten. In einem anderen Raum präsentierte sie scheinbar ohne jeden Zusammenhang, wie zufällig angeordnete Bilderrahmen, die auf dünnen Eisenstangen befestigt waren. Am Ende der verwinkelten Räume erwarteten den Betrachter vier Filmprojektionen. Einer der Filme zeigte ein weiß geschminktes Gesicht, der nächste, einen Priester, der einen Berg hinaufgeht. Alle Filme scheinen Teil der gleichen Geschichte zu sein, aber führen gleichzeitig ins Leere. Die Bilder wechseln abrupt und irritieren, führen den Betrachter jedoch gleichzeitig in eine faszinierende Welt.

Epaminondas Arbeiten wirken gemeinsam als eine assoziative Collage. Die Seiten, der ausgestellten Bücher und Objekte erzählen ihre eigenen Geschichten, verschmelzen zugleich aber auch zu einem großen Ganzen. Auch die vier präsentierten Kurzfilme bilden gemeinsam eine Art Collage. Ähnliche Landschaften und Hintergründe in den einzelnen Filmen suggerieren einen Zusammenhang, so entstehen zwischen den Kurzfilmen zufällige Beziehungen. Der Betrachter kann aus den zufälligen Assoziationen und Bildfragmenten einen Zusammenhang herstellen und sich seine eigene Geschichte erschließen. Dabei ist Epaminondas Kollage eine spürbare Harmonie zwischen den unterschiedlichen Objekten im Raum zu eigen.

Ein Blick in die Zukunft

Unter den vier Nominierten für den Nachwuchspreis der Nationalgalerie für junge Kunst 2013 fiel die Wahl der Jury am Ende auf die Mexikanerin Mariana Castillo Deball. Doch so beachtenswert ihre Werke auch sind, so repräsentieren sie dennoch nicht alleine die Zukunft der modernen Kunst in Deutschland. Ihre drei Mitstreiter sind nicht minder begabt. Zudem waren es seit der Einführung des Preises nicht allein die Preisträger, die später internationale Bekanntheit erlangten, sondern oftmals gerade auch die anderen Nominierten. Deshalb kann man erst wenn man die Arbeiten der vier Nachwuchskünstler zusammen betrachtet erahnen in welche Richtung sich die deutsche Gegenwartskunst zukünftig bewegen wird. Doch welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen ihnen und ihren Werken?

Die Themen ihrer Arbeiten sind sehr unterschiedlich: von den Möglichkeiten der Malerei, über das Patchwork der Identitäten und die Kritik der Mediengesellschaft, bis hin zur interdisziplinären Assoziationscollage. Zudem unterscheiden sich die Medien und Ausdrucksformen der Künstler – wie eingangs erwähnt – genauso wie ihre kulturelle Herkunft. Sie alle haben jedoch eins gemeinsam: sie haben sich von jeglichen Zwängen befreit. Sie beschränken sich weder auf bestimmte Themen, noch ihre Nationalität, noch bestimmte Medien oder Kunstgattungen. Sie alle arbeiten interdisziplinär, intermedial und transnational. Wenn man so möchte liegt die Zukunft der modernen Kunst in Deutschland also vielleicht gerade in ihrer Grenzenlosigkeit.

Repräsentative Kunstpreise für moderne Kunst gibt es in zahlreichen Ländern. Doch nur bei wenigen handelt es sich um explizite Nachwuchspreise mit einer strikten Altersgrenze. Die Jury der Nationalgalerie ist besonders darum bemüht neue Kunst- und Ausdrucksformen junger Künstler zu präsentieren und dem Betrachter eine Ahnung der Zukunft von moderner Kunst zu geben. Da der Preis für unterschiedlichste genreübergreifende Kunstformen offen ist, werden damit die Möglichkeiten für die Kreation neuer Ausdrucksformen erweitert. So blickt der Preis zum Einen in die Zukunft junger Kunst und leistet zum Anderen einen Beitrag dazu, diese Zukunft auch zu realisieren. Vielleicht liegt darin auch einer der Gründe, warum man unter den Nominierten viele Künstler findet, die später internationale Bekanntheit erlangt haben und auch in Zukunft viele von ihnen finden wird.