Die verfemte Literaturgattung Warum man vor Lyrik keine Angst (mehr) haben muss

Warum man vor Lyrik keine Angst mehr haben muss
Warum man vor Lyrik keine Angst mehr haben muss | Foto: angepasst von flickr/ Samuel Kassapian Jr, CC BY SA 2.0

Goethe lässt den Ganymed in seinem gleichnamigen Gedicht an den „Busen der Natur“ streben – und seit Generationen treiben Deutschlehrer ihren Schülern mit der Frage, was der Dichter mit dieser Zeile im Besonderen und mit dem Text im Allgemeinen sagen wollte, den Schweiß auf die Stirn.

Schülerköpfe rauchen, wenn sie das Gedicht auf der Suche nach dem richtigen Versmaß durchforsten und versuchen, das Metrum zu bestimmen. Sie schreiben Wortgruppen heraus und freuen sich wenn sie ein Enjambement richtig deuten können. Doch für die Lust auf Lyrik ist dieses unaufhörliche Interpretieren kulturell bedeutsamer Gedichte während der Schulzeit nur bedingt förderlich.

Dabei ist die dritte Form der Literatur neben der Epik und der Dramatik mindestens ebenso spannend. Lyrik lässt sich längst nicht mehr auf die klassischen Merkmale und Formsprachen einschränken. Die Zeiten des strengen Reimschemas sind vorüber. Gegenwärtige Lyrik schillert in vielen Facetten, sowohl inhaltlich als auch formal. Natürlich gibt es nach wie vor AutorInnen, die sich in ihren Gedichten am Aufbau klassischer Lyrik orientieren, doch die Mehrheit der deutschen NachwuchslyrikerInnen schreibt freier und vielseitiger denn je zuvor. Ob nun die politischen Gedichte von Nora Bossong, die moderne und kitschfreie Umsetzung vom klassischen Lyrikmotiv „Befindlichkeit“ durch Daniela Seel oder die stark bildhaften Gedichtzyklen von Yevgeniy Breyger –an Vielfalt mangelt es der deutschen Lyrik derzeit nicht.

„Ach Lyrik!“oder „Die verfemte Literaturgattung“

Dennoch ist die Lyrik nach wie vor die unbeliebteste der drei literarischen Gattungen. Nur wenige Leser trauen sich an die wohl intensivste Form von Literatur heran – die Lyrik scheint ein Imageproblem zu haben. Noch immer haftet ihr der Ruf an, nur dem kleinen Kreis der intellektuellen Elite zugänglich und verständlich zu sein. Gelegenheitsleser sind abgeschreckt von der wörtlichen Dichte der Texte, deren Mehrdeutigkeit und oftmals auch von der Sprache, die sich nicht immer an linguistische Normen hält. Der vermeintliche Wissensmangel evoziert eine unnatürliche Berührungsangst zwischen Text und Leser, die wie eine Wand zwischen ihnen steht . Warum sollte man ein Gedicht lesen, wenn man schon vor der Lektüre davon ausgeht, die Intention des Autors nicht fassen, geschweige denn die Elemente der Formsprache bestimmen zu können?

Doch darum geht es beim Lesen von lyrischen Texten eigentlich gar nicht in erster Linie. Die Frage nach der Intention des Autors, ist ebenso wie die Frage nach dem Sinn der Kunst längst überholt. Anstatt sich weiterhin dem Joch des zwanghaften Interpretierens zu beugen, sollten die Leser lernen, sich dem reinen Genuss des Textes hinzugeben. Ein lyrischer Text steht im Idealfall an der Schnittstelle zwischen der Musik und der bildenden Kunst – die Worte formen eine Melodie beim Lesen und malen gleichzeitig Bilder vor dem geistigen Auge. Allein deswegen lohnt es sich, Gedichte zu lesen. Wie keine andere Textform schaffen sie es, aus der Lektüre ein sinnliches Erlebnis zu machen. Darüber hinaus bietet jedes Gedicht nicht allein eine richtige Lesart, sondern verfügt über mehrere Bedeutungsebenen, aus denen sich jeder die für ihn passende finden kann und darf. Wenn Person A beispielsweise einem Textabschnitt eine andere Bedeutung zuschreibt, als Person B, bedeutet das nicht, dass eine der beiden Lesarten falsch ist.

Wie ein Lied, das entweder im Hintergrund spielt oder für den Hörer einen essentiellen Stellenwert hat, können Gedichte sanfte Unterhaltung sein oder eine tiefere Bedeutung für den Rezipienten entwickeln. Genauso verhält es sich mit der bildenden Kunst. Ein Gemäldekann den Betrachter aufgrund seiner Farbkomposition ansprechen, aber nicht weiter berühren, oder auch hellauf begeistern und zu Nachforschungen über die Historie, den Künstler und dem Hintergrund des Werkes anregen.

Ein Freiraum für eigene Gedanken

Viele der gegenwärtigen LyrikerInnen in Deutschland wünschen sich nach eigener Aussage von ihrer Leserschaft vornehmlich: „Dass jeder und jede einen persönlichen Zugang zum Text findet.“Selbst wenn der Text die Subjektivität des Autors verhandelt, gibt es noch immer Momente im Gedicht, die auch die Empfindungen und Sichtweisen des Lesers widerspiegeln. Trotz der reduzierten und dichten Sprache bietet die Lyrik Identifikationspotential, Imaginationsfreiräume und Interpretationsansätze wie keine andere Literaturform.

Es geht bei Lyrik nicht um richtig oder falsch, um Wissen oder Wissensmangel – es geht darum, die Freude an schöner Kontemplation zu fördern und zum selbstständigen (Weiter-)Denken anzuregen. Dass Goethes „Busen der Natur“ eine Metapher für das seinerzeit verbreitete pantheistische Weltbild und den Göttervater Zeus gewesen ist, wissen wir aus dem historischen Kontext des Gedichtes. Aber was der Ausdruck im heutigen Kontext bedeutet, muss jeder Leser für sich selbst entscheiden. Wir sollten anfangen, lyrische Texte als Spielplätze für unsere Gedanken zu verstehen und nicht länger Angst davor haben, auf ebenjenen Spielplätzen von der Schaukel geschubst oder im Sandkasten mit der Plastikschaufel getroffen zu werden.