Hikikomori Ein rein japanisches Phänomen?

Hikikomori
Hikikomori | Foto: © Holger Schober

„Hikikomori“ - mit diesem japanischen Fachausdruck betitelt der österreichische Dramatiker Holger Schober sein 2006 uraufgeführtes Werk über die Ängste eines jungen Mannes namens H., der sich seit acht Jahren weigert sein Zimmer zu verlassen.

In Japan ist das Phänomen der Gesellschaftsverweigerung wohl bekannt als bedrohliche psychische Krankheit, die meist junge Männer befällt. Doch ist das zunächst allein auf Japan bezogene Problem längst auch in der westlichen Hemisphäre vorzufinden. Warum sonst sollte Schober sich mit dem Thema des freiwilligen Rückzugs von einer stets anspruchsvoller werdenden Gesellschaft auseinandersetzen?

Hikikomori gibt es überall

In der Tat ist eine solche Angst vor dem Kontakt mit anderen auch in Deutschland und weiteren europäischen Ländern, sowie Amerika bekannt. Sie trägt dort nur andere Namen. Im englischsprachigen Raum als NEET (Not currently engaged in Employment, Education or Training) bezeichnet, werden die deutschen Hikikomori mit Sozialphobie diagnostiziert. Eine solche Sozialphobie, die bereits jeden 8. deutschen Jugendlichen befällt, kann im schlimmsten Fall totalen Rückzug aus der Gesellschaft in das Kinderzimmer des Elternhauses bedeuten. Durch die Modernisierung und Globalisierung unserer Welt sind die Anforderungen an Jugendliche immens gestiegen. Dies führt dazu, dass ca. 5-10% der jungen Deutschen soziale Kontakte vermeiden aus Angst vor der Bewertung durch ihre Mitmenschen.

Wie von Hikikomori so wird auch von Menschen mit Sozialphobie oft die Mutter als die engste Vertraute empfunden, was Schober in seinem Einpersonenstück durch das Einspielen von Videos der an die Zimmertür klopfenden Mutter zum Ausdruck bringt. Das Drängen der Mutter, er solle doch endlich herauskommen, macht den jungen H. aggressiv. Zwar leben solche Jugendliche meist friedlich zurückgezogen, doch auch in Japan sind zahlreiche Fälle bekannt, bei denen der Druck von außen, sich zu öffnen und therapieren zu lassen, in Aggressivität seitens des Betroffenen umschlägt.

„Hikikomori“ von Holger Schober

In seinem Stück beschreibt Schober die innere Qual eines Menschen in selbstgewählter Isolation äußerst eindrucksvoll und erschreckend. Mal aggressiv mal grüblerisch macht er durch seine intensiven Monologe die innere Zerfleischung eines Hikikomori für den Zuschauer gut nachfühlbar. Besonders gelungen ist die Verdeutlichung der Abgrenzung zwischen den verschiedenen Welten des jungen H.. Da offenbart sich die Realität seiner Isolation in seinem Zimmer, die Welt in seinem Kopf, der virtuelle Raum des Internets und die Welt außerhalb der Zimmertür, in der die Mutter und die Schwester auf H. warten. Diese Welten werden durch den Einsatz unterschiedlicher Medien wie Video, Musik und Text deutlich spürbar und machen „Hikikomori“ zu einem intensiven Theatererlebnis für Schauspieler und Publikum.