Vera Heindl Auf der Suche

Vera Heindl
Vera Heindl | Foto: © Vera Heindl

DJane und Produzentin Vera Heindel über spirituelle Momente in der Musik, Kunst und unsere Wahrnehmung der Realität.

Mit ihrer intuitiven Mischung von Vergessenem und noch nie Gehörten eroberte Vera Heindel 1999 die Deutsche Untergrund Szene und seitdem Clubs auf der ganzen Welt. Magisch als Residence-DJ im Robert Johnson in Frankfurt, in Gigs im Fabric, im Space und in der Panoramabar überrascht sie seit 2011 in ihrer neuen Heimat dem Club der Visionäre in Berlin.

In ihren Solo-Veröffentlichungen, wie auch in ihren Kooperationen mit Produzenten wie Maayan Nidam, Federico Molinari und Ricardo Villalobos verwischt sie die Grenzen zwischen Techno und House. Als erster Gast-DJ der Art-Community „Medusa Bloom“ in Tokio gab sie uns ein exklusives Interview und gewährte uns einen sehr persönlichen Einblick in ihre Welt.

Vera, du arbeitest seit Ende der 90er in der Musikindustrie. Was hat dich am DJen fasziniert und über die Jahre motiviert?

Als DJ ist man in meinen Augen ein Zeremonienmeister. Eine Art Schamane, der Menschen auf eine Reise zu unterschiedlichsten mentalen und emotionalen Zustände mitnehmen kann. Natürlich funktioniert das nicht immer, aber wenn es klappt, ist es magisch. Als ob wir, in der Zeit, die wir zusammen im Club verbringen, alle auf der gleichen Wellenlänge liegen. Ich mag dieses Zusammengehörigkeitsgefühl. Und dann, mal ehrlich – was gibt es Besseres, als die Musik, die du liebst zu spielen und damit Menschen auf der ganzen Welt zu begeistern?

In einem Club um 3 oder 4 Uhr morgens transzendiert die Musik vom DJ-Pult oft Zeit und Raum für die Tänzer. Ist es das gleiche für dich hinterm Mischpult?

Ja, es ist das gleiche für mich. Es hängt stark von der Party ab, was für Leute da sind und ob sie bereit sind sich auf mich und die Musik, die ich auswähle, einzulassen. Auch der Ort spielt eine wichtige Rolle. Mit einem guten Soundsystem hat Musik eine viel stärkere Wirkung und es ist sehr viel einfacher die richtige Atmosphäre zu kreieren. Aber ja, eines meiner Ziele beim Auflegen ist es genau solche transzendenten Momente zu schaffen. Musik kann etwas sehr Spirituelles sein.

Was ist dein Lieblingsort bzw. wenn er nicht physisch ist: dein Lieblingsmoment bei Gigs?

Prinzipiell spielt es für mich keine Rolle, wo ich dabei bin. Diese magischen Momente können überall entstehen. Aber es gibt einige Orte, an denen die Chancen größer sind. Einige Clubs bieten die perfekten Rahmenbedingungen. Sie haben ihr Publikum in gewisser Weise „ausgebildet" durch unterschiedliche, interessante Bookings, durch die Installation eines Sound-Systems und dadurch eine Atmosphäre geschaffen, in der die Menschen sich frei fühlen, sich gehen lassen können. Längere Öffnungszeiten helfen auch. Sie geben DJs die Möglichkeit Sets wirklich aufzubauen. Mit komprimierten zwei Stunden-Sets lassen sich nur selten magische Momente schaffen. Zu solchen besonderen Orten zählen in meinen Augen das Robert Johnson in Offenbach , das Arma 17 in Moskau , das Gästehaus in Bukarest , das Toi Toi in London und natürlich jede Menge Clubs in Berlin, wie der Club der Visionäre oder die Panoramabar .

Ich liebe es aber auch an Orten zu spielen, an denen die Techno-Bewegung noch relativ jung ist, wie zum Beispiel in der Ukraine oder in Peru. Es ist immer schön, das Publikum zu überraschen und noch einmal diese Spannung mitzuerleben, die wir alle fühlten, als wir anfingen auszugehen.

Also ab wann würdest du einen DJ als Künstler bezeichnen?

Ein DJ ist meiner Meinung nach ein Künstler, wenn die Art und Weise in der er Stücke aneinanderreiht einzigartig ist. Durch seine Musikauswahl und die Reihenfolge, in der er die Stücke spielt, drückt er sich selbst aus. Er würde nie etwas spielen, was er nicht selbst liebt. Ein Künstler versucht mit der Musik, die er spielt, etwas auszudrücken, das man nicht mit Worten sagen kann, etwas ganz Persönliches durch die Musik zu übersetzen.

Dieser persönliche Aspekt erklärt auch, warum einige Künstler weniger Menschen erreichen als andere. Das heißt nicht, dass sie weniger künstlerisch sind. Ich glaube, dass wir die Menschen erreichen, die eine Beziehung zu unserer Musik aufbauen können, unsere Emotionen nachempfinden oder den Ansatz dahinter nachvollziehen können. Wenn jemand mit seiner Musik also nur wenige Menschen erreicht, kann das bedeuten, dass diese Eigenschaften weniger verbreitet sind als bei jemandem der die Massen berührt. Das heißt nicht, dass ein Künstler besser oder schlechter ist als ein anderer. Es zeigt nur, dass verschiedene Verständnisebenen existieren. Wir verstehen nur, was wir in uns tragen, etwas zudem wir eine mentale oder emotionale Verbindung aufbauen können.

Musik, mit der wir noch nicht vertraut sind, spricht manchmal etwas ins uns an, über das wir uns zuvor noch nicht bewusst waren. Sie eröffnet uns mit einem Mal neue Perspektiven und bereichert unsere Welt.

Du gehörst der aussterben DJ-Gemeinde an, die noch mit Platten auflegen. Was hat Vinyl, das ein PC nicht hat? Und planst du in naher Zukunft einen Wechsel?

Ich habe eigentlich nicht das Gefühl einer aussterbenden Community anzugehören, sondern eher einer, die immer größer wird. Ich werde glaube ich nie zu einem Computer wechseln. Es fühlt sich einfach gut an, Schallplatten zu spielen. Ich sehe habe die Platten direkt mir und kann die Auswahl ganz intuitiv treffen, anders als auf dem Computer. Ich spiele am besten, wenn ich so wenig wie möglich denke. Je weniger Technik beteiligt ist, desto besser für mich.

Du hast bereits einige Male in Japan gespielt. Wie hast du das Land und das japanische Publikum erlebt und auf was freust du dich bei deinem nächsten Besuch?

In Japan aufzulegen, war immer ein großartiges Erlebnis. Die Clubs haben mich sehr beeindruckt. Alle haben hochwertige Sound-Systeme und das Publikum ist voller Respekt und Begeisterung. Meine Gastgeber haben immer alles perfekt organisiert und den letzten Jahren habe ich sogar einige Freundschaften dort geschlossen. Wenn ich nach Japan komme, fahre ich immer mit tausend Kochzutaten zurück. Ich bin einfach nur verrückt nach der japanischen Küche und freue mich schon darauf für mein Studio-Equipment wieder einen Blick in die Vintage- Synthesizer –Shops zu werfen.
 

Vera @ Club der Visionaere All Stars at Hoppetosse, Berlin 24.11.13

Wenn ich einmal die Möglichkeit hätte für eine längere Zeit in Japan zu bleiben, würde ich gerne die Natur näher erkunden, zu den heißen Quellen gehen, Tempel und heilige Orte besichtigen. Ich bin allerdings noch ziemlich besorgt über die Situation in Fukushima und schockiert, dass die Menschen in Japan es einfach akzeptieren und sich oft so verhalten, als ob es nie passiert wäre. Die Strahlung breitet sich aus, die Menschen sollten beginnen zu Handeln und die Regierung auffordern etwas dagegen zu tun. Das geht uns alle etwas an, nicht nur die Menschen in Japan.

Als du das erste Mal in Japan warst, hast du im Warehouse gespielt. Sein Nachfolger wurde wie viele andere 2014 geschlossen, da es ein altes Gesetz in Japan gibt, dass Tanzen in Clubs nach Mitternacht verbietet. Das heißt alle Diskotheken können jederzeit geschlossen werden. Was meinst du würde passieren, wenn ein solches Gesetz in Deutschland eingeführt werden würde?

In Deutschland würden die Menschen wahrscheinlich protestieren und Petitionen gegen solche Gesetze einreichen. Wie bei den Protesten gegen die neuen GEMA-Gebühren vor einiger Zeit. Ich glaube, das würde zu ähnlichen Reaktionen führen. Aber ehrlich gesagt frage ich mich: warum verbietet die Regierung so etwas Harmloses wie tanzen? Gesetze sind doch eigentlich dazu da, um uns zu unterstützen, uns zu dienen und nicht um unsere Freiheit einzuschränken und uns mehr und mehr zu unterdrücken.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass alles darauf ausgelegt ist, dass wir arbeiten, von unserem Gehalt die Steuern, steigenden Mieten und Versicherungen bezahlen und den Rest unseres Geldes für nutzlose Dinge ausgeben. Nutzlose Dinge, die wir laut den Medien unbedingt brauchen, auch wenn wir uns damit in Schulden stürzen. In solchen Momenten hat es den Anschein, dass das ganze System nur dazu entwickelt wurde, um uns finanziell zu versklaven und dazu auch noch mit schlechtem Essen und Medikamenten krank zu machen. Wir sollen für das Wohl einer Elite dienen, die sich nicht um uns kümmert, während die Medien uns unterhalten und unsere Wahrnehmung der Realität diktieren. Sie lenken uns ab, damit wir ruhig bleiben und nicht rebellieren. So viele Dinge in dieser Welt laufen einfach so falsch.

Was können wir in Zukunft von dir erwarten? Was wäre dein Traum?

Nun, ich glaube, ich habe die letzten Jahre damit verbracht, den Weg zurück zu meinen Wurzeln zu finden, musikalisch gesehen. Es gab eine Zeit da fühlte ich mich ein wenig verloren. Ich war nicht mehr glücklich mit dem, was ich tat. Die Musik, die ich gespielt habe, hat mich irgendwann gelangweilt. Doch in den letzten Monaten habe ich das Gefühl, dass ich endlich wieder in Form bin. Ich spiele wieder ausgefeilte Sets mit der Musik, die ich liebe und die mich berührt. Wie früher bin ich wieder ehrgeizig auf der Suche nach neuer Musik und froh mich dabei auch selbst wiedergefunden zu haben. Dieser Prozess wird glaube ich noch eine Weile andauern. Gleichzeitig möchte ich meine Identität als Produzentin finden. Denn aus professioneller Sicht ist mein Traum, noch lange als DJ zu touren und Musik zu schaffen, die bleibt, etwas, das Menschen über viele Jahre hinweg, vielleicht sogar Jahrzehnte berühren wird. Ich möchte die Art von Musik schaffen, die ich selbst so sehr liebe. Etwas, das über die üblichen Techno und Housetracks hinausgeht, etwas das tiefer geht und wirklich die Seele berührt.