Loblied der Schatten Facetten japanischer Mode

Erster Teil der Austellung Future Beauty
Erster Teil der Austellung Future Beauty | Foto: © Dirk Eisel

„Wie ein phosphoreszierender Stein, der im Dunkel glänzt, aber bei Tageshelle jeglichen Reiz als Juwel verliert, so gibt es ohne Schattenwirkung keine Schönheit,“ umschreibt Schriftsteller Juichiro Tanazaki 1933 die japanische Ästhetik.

Die Ausstellung Future Beauty: 30 Jahre japanische Mode des Kyoto Costume Institute (KCI) zeigt inwiefern sich dieser Ansatz noch im heutigen Japan wiederfinden lässt. Die virtuelle Reise durch die Geschichte der japanischen Schönheit nahm ihren Anfang im Herbst 2010 im Barbican Art Centre in London, zog im Frühjahr 2011 über ins Haus der Kunst in München, 2012 ins Museum of Contemporary Art in Tokyo und wird sich 2013 in Amerika fortsetzen.

Die Ausstellung beginnt mit einem Blick zurück in die 1980er. In die Zeit als Rei Kawakubo, die Gründerin von Comme des Garçons, und Yohji Yamamoto, der Schöpfer von Weis Y, ihre erste gemeinsame Kollektion auf dem Laufsteg der Haute Couture in Paris präsentierten und in die Ära, in der die westliche Modeindustrie ins Feuer der Kritik geriet. Diese Phase stellte einen bedeutenden Wendepunkt in der Geschichte der japanischen Mode dar. Natürlich hatten auch zuvor bereits japanische Designer an der „Haute Couture“* mitgewirkt. Angeführt von Hanae Mori, der ersten asiatischen Modedesignerin, die zur Haute Couture zugelassen wurde, über Takada Kenzo und Kansai Yamamoto, die für ihre Kollektionen in Paris und New York großen Beifall ernteten. Diese japanischen Designer der 60er und 70er Jahre lehnten ihre Kollektionen an die traditionelle Kleidung des japanischen Kunstgewerbes an. Sie verwendeten Stoffe, Muster und Formen klassischer Kimonos und Kostüme des Kabukitheaters. Ob beabsichtigt oder nicht, zog ihr prunkvoller exotischer Stil durch die großen Unterschiede zu den westlichen Designern dieser Zeit viel Aufmerksamkeit auf sich. Rei Kawakubo und Yohji Yamamoto befanden sich dagegen in einer ganz anderen Situation. Als das Paar 1981 ihre erste Kollektion der Crème de la Crème der westlichen Designer präsentierte, stellte es damit den über Jahrhunderte hinweg kultivierten „guten Geschmack“ der westlichen Modeindustrie radikal in Frage.

„Le Noir – Der schwarze Schock“

Die Kleidungsstücke, die die damals gänzlich unbekannten Japaner vorstellten, verbargen die bis dato in der westlichen Mode stark akzentuierten weiblichen Kurven ihrer Models vollständig. Stattdessen hüllten sie sie in übermäßig weite Hemden, Strickleggins mit Mottenlöchern am Gesäß, und in dicke Filzgewebe, die faltenähnliche, scheinbar zufällige Raffungen aufwiesen. Ungewöhnliche Drapierungen, die sich erst aus der Nähe offenbarten und nicht zuletzt abgeschnittene Fäden, die lose vom unteren Saum herunterhingen vervollständigten den Look. Einen Auftritt dieser Art hatte man auf den Laufstegen in Paris bis dahin noch nicht gesehen. Auch die eintönigen Farben ihrer Kollektion: schwarz, weiß, navy blau und im äußersten Fall eine Kombinationen der drei Unifarben, lagen weit abseits des allgemeinen Konsens anspruchsvoller Haute Couture Mode. Welchen immensen Schock die provokante Show der beiden auslöste, kann man bereits mit einem flüchtigen Blick auf die damaligen Kritiken erahnen.

Die Titel, die die Zeitungen und Fachmagazine ihrer Kollektion gaben, reichten von: „Die Fetzenkleidung“, über „Schweizer Käse Gewänder“ bis hin zu „Der Look Überlebender des 3. Weltkriegs“ („Chic Hiroshima“,„explosion atomique“etc.). Aufgrund ihres revolutionären Gebrauchs von Schwarz bezeichnet man Kawakubos und Yamamotos erste Fashionshow in Paris bis heute als „den schwarzen Schock“. Diese heftige Reaktio sollte man jedoch nicht einfach als Missbilligung von „hässlicher“ Kleidung verstehen, sondern als Ausdruck eines großen mentalen Konflikts. Die ungewöhnlichen Kleidungsstücke konfrontieren die westlichen Designer und Presse mit neuen Dingen, mit denen sie noch keine Erfahrung hatten und die sie plötzlich versuchen mussten zu verstehen. Alle nachfolgenden Designer wurden von ihnen grundlegend beeinflusst. Bis heute können Modedesigner auf der ganzen Welt nicht ihre Entwürfe diskutieren ohne dabei auf Kawakubo und Yamamoto zu sprechen zu kommen. In Future Beauty kann man die damalige Aufregung mit den monochromen Kreationen der beiden aus den 1980er Jahren im ersten Teil der Ausstellung noch einmal nachempfinden. Er trägt den Titel Lob der Schatten als Reminiszenz an Juichiro Tanazakis berühmten Essay Lob des Schattens – Entwurf einer japanischen Ästhetik (1933). In der Tat wird der Essay auch heute noch häufig von Kritikern zitiert, wenn sie versuchen die Werke von Yamamoto und Kawakubo in Worte zu fassen.
 
Haute Couture
entstanden aus dem hochgradig strukturierten traditionellen Schneidergewerbe in Paris. Bekannte Marken wie etwa „Chanel“ und „Christian Dior“ sind daraus hervorgegangen.

Flachheit, Tradition und Innovation

Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich dem Thema „Flachheit“. Ein japanischer Kimono ist flach, dazu setzt sich sein Muster ohne Unterbrechungen vom Rückenteil des Kimonos über die Ärmel bis zum Saum des Vorderteils fort. Dieserart erscheint er letztlich wie ein Gemälde. Er hüllt den Körper nicht in ein kunstvoll verarbeitetes Stück Stoff, sondern wird ausgebreitet selbst zum Kunstwerk ( in gehobenen japanischen Gaststätten dienen Kimonos noch heute häufig als Dekoration im Eingangsbereich, in dem die Schuhe ablegt werden) Der erste Gedanke beim Entwurf westlicher Kleidung gilt der Form, die sie annimmt, wenn sie getragen wird, darum bilden meist dreidimensionale Designentwürfe den Ausgangspunkt. Hinter einem Kimono verbirgt sich dagegen ein ganz anderer Ansatz. Im Zentrum steht nicht der Träger, sondern die Kleidung selbst, die als Kunstwerk betrachtet wird.   

Viele der zeitgenössischen japanischen Designer führen diesen Ansatz bis heute fort, wie auch etwa der - durch Boutiquen in Paris, London, New York, Zürich und Toulouse - weltbekannte Issey Miyake. Zu Beginn seiner Karriere in den frühen 70ern gab er bekannt, dass er Kleidung mit dem Ziel entwerfe, den Körper allein in „ein Stück Stoff“ zu hüllen. In seiner Serie „Pleats please!“ setzt er dieses Konzept bis heute konsequent um. Dabei verändern die starken sich selbst zusammenziehenden Falten, mit denen er all seine Stoffe versieht, die Silhouette ihrer Träger. Anders als maßgeschneiderte Kleidung verzerrt die weite Stofffläche, die Miyakes Stücken zu Grunde liegt die menschliche Silhouette auf unterschiedlichste Art und Weise: zu weite Ärmel, Deformationen der Taille, Kreise, rechteckige Formen - alles scheint möglich. Dazu hat das von Miyake ins Leben gerufene Forschungsteam Reality Lab 2010 mit der Anfertigung einer neuen Modelinie begonnen. Die neue Linie trägt den aufschlussreichen Titel „132 5.“ und ihr Name ist Programm. In ihr verwandelt sich „1“ Stück Stoff durch hochkomplizierte Origamifaltungen in ein „3“-dimensional strukturiertes Kleidungsstück. Im ungetragenen Zustand wird sie jedoch wieder komplett „2“-dimensional. Der Umgang zwischen festem Körper und Fläche ist vollkommen frei. Gleichzeitig trägt Miyake bei der Produktion seiner Stoffe der Ära des Recyclings Rechnung und verwendet allein Kunstfasern, die aus recycelten PET-Flaschen gewonnen werden. So enthält seine Kleidung eine unsichtbare „5.“ Dimension und spiegelt Miyakes Absicht anschaulich wider neue Dimensionen im Bereich der Mode zu erschließen.

Der dritte Teil von Future Beauty gibt einen Einblick auf „Tradition und Innovation“ in der japanischen Mode, jene Eigenschaften, die der Westen dem hiesigen Modedesign zuschreibt. In Japan werden die jahrtausend Jahre alten Künste und Kunstfertigkeiten bis heute lebendig gehalten und stetig verfeinert. Gleichzeitig verzeichnet Japan große Erfolge im Bereich der Forschung und der Entwicklung neuer Technologien. In der Mode wurden klassische japanische Schneidertechniken über Generationen hinweg fortgeführt und traditionelle Kleidung wie Kimono und Kabukitheaterkostüme adaptiert: von Hanae Mori in den 60ern, über Takada Kenzo und Miyake in den 70ern, hin zu Kawakubo in den 80ern und Yamamoto in den 90ern. Auch heute noch lebt die Tradition u.a. in der Linie „Matohu“ von Hiroyuki Horihata und Makiko Sekiguchi und vielen anderen fort. „Techno Couturier“ Junya Watanabe, ein ehemaliger Protegé von Rei Kawakubo, ergänzt in seinen Linien die Verwendung von Nylon und Polyester um ein sehr ausgereiftes Design. Dabei legt er jedoch auch, wie bereits Issey Miyake in seinen Serien „Pleats please“ und „A-Poc“,* ein scharfes Auge auf die Entwicklung effizienter Produktionsprozesse. Auch Jungdesigner Akira Naka hat beispielsweise mit dem sogenannten „Gradiation Knit“ eine Methode entwickelt, Strickkleidung mit Stoffflicken zu verknüpfen, die seinen Strickkollektionen ein ganz neues Flair verleiht. Chitose Abe zeigt in ihrem Label Sacai dagegen, wie sich durch die Kombination ganz simpler Stoffe, die auf den ersten Blick nicht zueinander passen und durch ungewöhnliche Dekorationen neue Harmonien erzeugen lassen, während Jungdesigner Yutaka Kojima aus Kyoto für sein Label S/etere vornehmlich mit einheimischen Handwerkern zusammenarbeitet. Ihre hochwertigen Stoffe dienen ihm als Ausgangspunkt für seine originell geschnittenen Kollektionen. Man kann also sagen, dass die heutigen japanischen Designer nicht nach einem „Entweder-oder“-Prinzip arbeiten, sondern bei der Herstellung ihrer Kollektionen Tradition und Spitzentechnologie virtuos zu einer neuen Hybridform vereinigen.
 
A-Poc
Modelinie von Issey Miyake mit Dai Fujiwara, in dem ein Stück nahtloser, gewebter Schlauchstoff vom Käufer individuell zu verschiedenen Kleidungsstücken zugeschnitten werden kann.

Eine Erzählung namens Kleidung

In London und München thematisierte die Ausstellung im vierten Teil aktuelle japanische Street Fashion. Kleidung, die von der japanischen Populärkultur inspiriert ist und zusammen mit Animes ein Teil des neuen „Cool Japan“-Images sind, das Anfang 2002 aufkam. Tatsächlich begann dieser Trend aber bereits in den 90ern mit Designern wie Masahiro Nakagawa, Lica Azechi und Takao Yamashita. In ihren Labels 20471120 und Beauty:Beast verbanden sie geschickt die Street Fashion aus Harajuku mit der Kleidung aus Animes, der Club Music Szene und Cyber Culture. Der kreative „Tokyo Fashion Mix“ erfreute sich binnen kürzester Zeit großer Beliebtheit, so dass auch die nachfolgenden jungen Designer stark davon beeinflusst wurden. Jun Takahashi (Undercover), Hokuto Katsui und Nao Yagi (Mintdesign), Kazuaki Takashima (Né.-net) und Mikio Sakabe führten diesen Ansatz in ihren Designs bestimmt fort. In den Augen dieser jungen Designer sind die von Mangas und Animes inspirierten Kleidungsstücke nicht länger Teil einer Subkultur, sondern ein ganz gewöhnliches Ausdrucksmittel, ein Bestandteil des Alltags.

Gerade weil sie in der Metropole so alltäglich ist, zeigte der vierte Teil der Ausstellung im Museum of Contemporary Art Tokyo deshalb nicht Tokyos progressive Street Fashion. Stattdessen wurde im Vorfeld bekanntgegeben, dass die Exponate von Kojima, Nakagawa, Azechi, Yamashita und anderen Designern ausgetauscht werden würden. Man wollte andere Aspekte der sich stets verändernde Tokioter Mode zeigen.

Besonders bemerkenswert waren dabei aktuelle japanische Designer, die in ihren Arbeiten „Die verborgenen Erzählungen des Alltags“ darstellen. Sie reflektieren das althergebrachte Prinzip der Kleidungsherstellung und verleihen ihren Stücken auf diese Art eine ganz neue Sinnlichkeit.

Kentaro Tamai (ASEEDONCLÖUD) stellt beispielsweise jede Saison mit einem neuen Design eine andere Geschichte dar. Anhand von Uniformen für Phantasieberufe, Festtagsgewändern und Reisekleidung spiegelt er verschiedene Szenen des Alltagslebens wider. Katsuhiro Makino (Aski Kataski) verwendet für seine Kollektionen dagegen allein Altkleider und antike Stoffe, die er auf einem Pariser Flohmarkt entdeckt hat. Aus diesen Stoffen fertigt er neue Stücke an, die mit Schmutz, Rissen und Kratzern der Zeit gezeichnet sind und an unsere Erinnerung appellieren. Auch die beiden Designer Keisuke Nagami (Hatra) und Masataka Ohta (Ohta) fallen in diese Kategorie. Zwar vertreten beide einen gänzlich differenten Designansatz, doch verbindet sie ihre strikte Ablehnung der Massenproduktion und der Modeindustrie des Massenkonsums. In ihren Werken reflektieren sie die Beziehung zwischen Designern und Konsumenten. Ihr Ziel ist eine tiefe aufrichtige Verbindung zu den Verbrauchern aufzubauen und gehaltvolle nachhaltige Produkte zu schaffen. Leider ist an dieser Stelle nicht genug Platz, um alle interessanten gegenwärtige Designer vorzustellen, die in der Ausstellung Future Beauty gezeigt wurden, wie etwa Akira Minagawa (minä perhonen), Kunihiko Morinaga (Anrealage), Keisuke Kanda und Yoshikazu Yamagata (writtenafterwards). Sie alle sind Vertreter der zeitgenössischen japanischen Mode und hinterfragen mit unterschiedlichsten Methoden die Bedeutung der Modeindustrie, des Modedesigns und sogar die zentrale Rolle von Kleidung selbst.

Zusammenfassend kann man wohl sagen, dass die japanische Mode nicht Ausdruck einer einzelnen Position ist, sondern eine Vielzahl von Haltungen widerspiegelt. Sie veranschaulicht, dass einzelne Designer in Japan – und überall auf der Welt - mit einem ganz individuellen Sinn für Ästhetik und anderen Wertvorstellungen eine neuartige Beziehung zwischen Individuum und Kleidung herstellen wollen. Genau in diesem kontinuierlichen Blick in die Zukunft, der Suche nach einem neuen System und in ihren vielfältigen Ausdrucksformen liegt vielleicht der Grund für das weltweite Interesse an der zeitgenössischen Mode in Japan.