Andreas Gursky im Gespräch „Wir erobern noch wenig bearbeitetes Terrain“

Andreas Gursky
Andreas Gursky | Foto: © Dominik Ansbach

Im Interview spricht Andreas Gursky über seine ganz persönliche Beziehung zu Japan und gibt einen Einblick in seine Unterrichtsmethoden als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie.

In Ihrer aktuellen Ausstellung im National Art Center Tokyo sind auch Tokyo-Arbeiten aus den Neunzigern zu finden. Was führte Sie damals nach Japan und was hat Sie zu diesen Aufnahmen inspiriert?

1990 reiste ich nach Tokyo, um dort die Börse zu fotografieren. Die Aufnahme ist nach wie vor von enormer Wichtigkeit für mich, da sie den Aspekt akkumulativer und redundanter Bildformen in den darauf folgenden Arbeiten einleitete, wie zum Beispiel Karlsruhe, Siemens, Salerno oder Schiesser, Diptychon.

Wie ist Ihre Beziehung zu japanischer Kunst?

Die Farbholzschnitte Katsushika Hokusais haben mich immer fasziniert. Seit neuestem inspirieren mich auch die Bildwelten Takashi Murakamis.

Sie haben bei Bernd Becher an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. Seit 2010 sind Sie dort als Professor beschäftigt. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie in dieser zusätzlichen Aufgabe, wie führen Sie Ihre „Klasse Gursky“?

Wir, ich meine die erste Generation der sogenannten Becher-Schule, haben enorm profitiert von der Lehre Hilla und Bernd Bechers. Es war in gewisser Weise ein historischer Moment, in dem viele begünstigende Faktoren zusammentrafen. Am Anfang meiner Zeit waren wir nur circa sechs bis sieben Studenten, somit bestand ein sehr konzentrierter Kontakt zu den Bechers. In den Siebzigerjahren bildete sich gerade eine rege Fotokunstszene (Wilhelm Schürmann, Michael Schmidt, André Gelpke und viele andere), dazu kam die „New Color Generation“ aus Amerika, die uns jungen Leuten viel Raum zur Orientierung bot. Dann kam die konzeptionelle Sicht der Bechers, die wie ein Keil in diesen fruchtbaren Nährboden einschlug und uns Studenten an der Düsseldorfer Akademie eine zusätzliche Orientierung bot. Meine Klasse wirkt auf den ersten Blick viel chaotischer und ungeordneter, weil mit unterschiedlichsten Materialien gearbeitet wird und zunächst keine Nähe zu meiner Arbeit erkennbar ist. Trotzdem biete ich mit Hilfe von Stefan Hostettler und meinem derzeitigen Tutor Moritz Wegwerth im Bereich der Fotografie ein durchstrukturiertes Arbeitsfeld an. Die Erfahrung hat aber gezeigt (wie zum Beispiel bei meiner Meisterschülerin Anna Vogel), dass das Nebeneinander malerischer, fotografischer und installativer Praxis eigenständige Positionen ermöglicht und bisher noch wenig bearbeitetes Terrain erobert.

Blick in die Zukunft: Was dürfen wir von Gursky in nächster Zeit erwarten? In welche Richtung gehen Ihre aktuellen Projekte?

Wenn ich das mal wüsste – vielleicht haben Sie eine Idee? Ich befinde mich gerade in einer Sabbatical-Phase, die mir ermöglicht, mein gesamtes Bildarchiv zu durchforsten, begonnene, aber nicht zu Ende geführte Projekte zu überdenken und gegebenenfalls wieder aufzugreifen. Im Mai nächsten Jahres werde ich dann alles Gefundene auffegen und an die Wand hängen.
 

Andreas Gursky wurde 1955 in Leipzig geboren und studierte bei Bernd Becher an der Kunstakademie Düsseldorf. Mit Candida Höfer, Axel Hütte, Thomas Ruff und Thomas Struth gehört er zur Gruppe der renommierten Becher-Schüler, die den Begriff „Düsseldorfer Fotoschule“ prägten. Im Jahr 2011 machte er Schlagzeilen, als seine Fotografie Rhein II mit 4.300.000 Dollar den bis dato höchsten Preis für ein Werk eines noch lebenden Fotografen erzielte. Seit 2010 unterrichtet er den Kurs „Freie Kunst“ an der Kunstakademie Düsseldorf.