Zeichensprache Deutsche Trickfilme und japanische Animes

Deutsche Trickfilme und Japanische Animes
Deutsche Trickfilme und Japanische Animes | Foto: © Dennis Stein-Schomburg | Logo: © Studio Ghibli

Die Geschichte des japanischen und des deutschen Trickfilms nahm vor etwas mehr als 100 Jahren fast zeitgleich ihren Anfang. Dennoch haben sich beide ganz unterschiedlich entwickelt.

Wickie und die starken Männer (1974), Die Biene Maja (1975), Heidi (1974) und Nils Holgersson (1980) – diese Serien werden von vielen Deutschen als einheimische Kultserien betrachtet. Tatsächlich handelt es sich aber bei allen um Trickfilmserien aus Japan. Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Erstens, japanischer Anime ist schon seit langem im Ausland verbreitet und sehr erfolgreich. Zweitens, obwohl dem japanischen Trickfilm, auch Anime genannt, ein einzigartiger Stil zugeschrieben wird, lässt er sich nicht auf einzelne Elemente reduzieren und dadurch nicht immer sofort erkennen. Der Begriff Anime stammt vom englischen Begriff „animation“ und wird in Japan sowohl für japanischen Zeichentrick, als auch für Zeichentrick aus dem Ausland verwendet. Spricht man in Deutschland von Animes, sind dagegen vornehmlich Trickfilme aus Japan gemeint.

Kulturgut Anime

Seit seinen Anfängen im frühen 20. Jahrhundert, als oft japanische Sagen zur Vermittlung moralischer Botschaften im Zentrum der Animes standen, hat der japanische Trickfilm eine rasante Entwicklung durchgemacht. In Japan sind Animes untrennbar mit Mangas verbunden. In beiden Kunstformen entwickelten sich parallel zahlreiche Subgenres für verschiedenste Zielgruppen und Altersklassen. Neben Animes für Kinder, gibt es im Film und Fernsehen sowohl Sportserien als auch Science-Fiction, Liebesgeschichten, Historiendramen und Literaturverfilmungen, wie zum Beispiel Das Tagebuch der Anne Frank (アンネの日記, 1995). Viele der Animes werden in unterschiedliche Sprachen übersetzt und sind weltbekannt, wie nicht zuletzt Hayao Miyazakes Chihiros Reise ins Zauberland, der 2003 den Oscar für den besten Animationsfilm erhielt. Der größte Markt ist aber nach wie vor  Japan selbst, und vieles wird nur für das Inland produziert. So verzeichnete die japanische Anime-Industrie 2013 etwa einen neuen Rekordumsatz von 1,7 Milliarden Euro (242,8 Milliarden Yen), der zum Großteil auf DVD- und Merchandiseverkäufen beruhte, etwa von Actionfiguren, Postern, Videospielen, Büchern, Schreibwaren, Kleidung und Haushaltswaren.

Von Avantgarde und Kinderfilmen – Trickfilm in Deutschland

Auch in Deutschland liegen die Ursprünge des Trickfilms circa 100 Jahre zurück. Trickfilme aus den 1920er und 1930er Jahre zeichneten sich  durch künstlerische Experimente, Abstraktion und einen großen Einfluss der gegenstandlosen Kunst aus. Die deutsche Künstlerin Lotte Reiniger schuf mit der Technik des Scherenschnitts  aus 300.000 Einzelbildern Die Abenteuer des Prinzen Achmed (1926), den ältesten noch erhaltenen Animationsfilm der Filmgeschichte.

Während des Zweiten Weltkriegs orientierte sich der deutsche Trickfilm vor allem an den Walt Disney-Studios mit dem Ziel, deren Erfolg zu übertreffen. Damals wurden Trickfilme in Deutschland wie auch in Japan vornehmlich für Kriegspropaganda genutzt, viele dienten aber auch der reinen Unterhaltung – um die Bevölkerung vom harten Alltag während des Krieges abzulenken.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geriet der deutsche Trickfilm in eine Krise und musste sich neu erfinden. Nach dem Mauerfall kam es zur Gründung vieler Filmhochschulen, Festivals und Institutionen, die sich der Förderung des deutschen Trickfilms verschrieben.

Das seit 1982 bestehende und seit 2005  jährlich ausgerichtete Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart – Festival of Animated Film (ITFS)ist heute mit über 80.000 Zuschauern das größte seiner Art in Deutschland und eines der größten Trickfilmfestivals weltweit. Es hat sich als wichtige Plattform für den internationalen Austausch etabliert und demonstriert mit seiner Filmauswahl die Vielfältigkeit des Trickfilms: stilistisch ( gezeichnet oder animiert), thematisch (lustig, romantisch oder düster und philosophisch) und zielgruppenorientiert. 

Eine kulturelle Randerscheinung?

Trotzdem findet man heutzutage wenig deutsche Trickfilmproduktionen im Fernsehen oder im Kino, und wenn, dann richten sie sich noch immer vor allem an Kinder. Auch die im deutschen Fernsehen ausgestrahlten Animes aus Japan umfassten lange Zeit nur Serien für Grundschulkinder und Jugendliche. Im Rahmen des ITFS  wurde dieser Umstand 2013 intensiv diskutiert und  das sogenannte Stuttgarter Manifest herausgegeben. In diesem Forderungskatalog rief die Trickfilm-AG des Festivals das öffentlich-rechtliche Fernsehen dazu auf, mehr Budget und Sendeplätze für Animationsfilme bereitzustellen, damit Trickfilme für Erwachsene auch in Deutschland zukünftig keine Randerscheinung bleiben.

Produktionen wie The Old Man and the Bird, der 2015 auf der Berlinale Premiere feierte, beweisen, dass der deutsche Trickfilm sich nicht verstecken muss. Mit einer Mischung aus unterschiedlichsten Animationstechniken erzählt der Kassler Regiestudent Dennis Stein-Schomburg darin eine Parabel auf das Leben: wie der traurige Alltag eines alten Mannes durch einen unerwarteten Vorfall eine neue Wendung nimmt.

So bleibt zu hoffen, dass deutsche Trickfilme ebenfalls aus ihrem Nischendasein ausbrechen werden. Japanische Animes beweisen seit langem, wie viel stilistisches und erzählerisches Potenzial in Trickfilmen steckt. Ihr breit gefächertes Themenspektrum hat sich zwar bis heute noch nicht im deutschen Fernsehen durchgesetzt, aber Werke wie das von Dennis Stein-Schomburg zeigen, dass sich dies in Zukunft durchaus ändern könnte.