Wearables Smart am Körper

VOJD Studios II
VOJD Studios II | Foto: © Diliana Florentin

Bei Wearables, intelligenter Kleidung, verschmelzen nicht nur Design und Technik, sondern auch die beiden Branchen kommen sich dadurch näher. Berlin bietet dafür einen idealen Nährboden.

Unter dem Begriff „Wearable Computing“ versteht man die Forschung von tragbaren Computersystemen. Heute ist daraus eine ganze Bandbreite von am Körper getragenen Gadgets erwachsen: von Fitness-Armbändern, über Smart- Watches, bis hin zu in Textilien eingewebte Sensoren, die Daten über den Träger erfassen und auswerten. Diese smarte Kleidung soll dem Benutzer nicht nur den Alltag erleichtern, der Grundgedanke ist auch die Vernetzung dieser intelligenten Helfer. Mit das Spannendste an diesem neuen Segment ist aber, künstlerisch wie kommerziell, seine Synthese von Technik und Modedesign. Und dafür bietet Berlin einen idealen Nährboden.

Die Stadt hat sich in den letzten Jahren zu weit mehr als nur einem Magneten für Kreative aus aller Welt gemausert. Vor allem für Startups und IT-Firmen, die sich auf Hardware spezialisiert haben, ist sie ein Ort zum Experimentieren. Genauso ist sie es für die ansässige Design-Gemeinschaft. „Es gibt mittlerweile einige FabLabs und Hackerspaces, in denen man, ohne dass man selbst die Ausrüstung, wie 3D-Drucker, haben muss, seine Prototypen selbst entwickeln kann,“ erklärt Sandra Mamitzsch, Kuratorin der #FASHIONTECH BERLIN. Die neue Berliner befasst sich weit über das Thema der Wearables hinaus mit der Digitalisierung der Modebranche. Mamitzsch erklärt: „Die Infrastruktur in Berlin hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt. Das liegt auch an den Hochschulen und ihren Umfeldern. So wird etwa die Meshcon Makerfaire von der TU Berlin unterstützt und das Design Research Lab der Universität der Künste ist auch ein spannender Ort. Dort wird etwa nach Methoden geforscht, wie leitende Materialien in Stoffe gewebt werden können. Dabei geht es nicht nur um das nächste coole Gadget, sondern um konkrete Anwendungen mit gesellschaftlicher Relevanz und wie sich dadurch Probleme lösen lassen.“ Als Beispiel nennt sie eine Weste, die jüngst vom Fraunhofer Institut in Berlin entwickelt wurde. Sie soll ihre Träger, vornehmlich Menschen in Pflegeberufen, zukünftig bei schweren Lasten unterstützen.

Kreatives Hacken

Lisa Lang, Gründerin und CEO von ElektroCouture ist ebenfalls von der Kreativschmiede überzeugt: „So macht man Wearables in Berlin: Du brauchst Platz für die Hardware, eine Anbindung zum Makerspace, und du brauchst die kreativen Leute, die gern experimentieren.“ 2014 gründete sie hier ihre Fashiontech-Firma „ElektroCouture“, entwarf ihre erste Wearable-Kollektion zusammen mit vier Mitarbeitern und vertreibt sie inzwischen über den Marketplace des Online-Kaufhauses ASOS. Damit schuf sie die erste kommerzielle Linie, die aus der Maker-Gemeinschaft heraus das Modegeschäft erobert. Lang erklärt: „Die Herausforderung ist nicht, einen Sensor in ein Kleidungsstück einzubauen, sondern das Kleidungsstück nutzbar zu machen. Es muss waschbar sein, biegsam und wieder aufladbar – und dabei soll es nicht von seiner Nutzeroberfläche ablenken. Deshalb bauen wir eine Art Backend.“ Zur Herstellung eines beleuchtenden Schals hat das Team etwa Strickmaschinen „gehackt“, um sie wie Drucker zu verwenden und die Muster zu erstellen.

Eine andere, nicht weniger hochtechnisierte Art des Hackens in Kombination mit Design betreibt Hristiyana Vucheva, Creative Director bei den Berliner VOJD Studios. Sie kreiert wunderschön filigranen und doch robusten Designer-Schmuck aus Nylon, Acryl, Silber, Gold und Swarovski-Steinen, dessen Teile auf 3D-Druckern ausgedruckt wird. Der 3D-Druck, der lange vornehmlich zur Herstellung von Prototypen in der Automobilindustrie verwendet wurde, hat durch den Preisverfall der Maschinen längst Einzug in die Designer-Szene gehalten. Bei VOJD Studios wird erst aus Pulver in 3D gedruckt und dann handgefertigt. Bei den Kreationen aus Metall wird zunächst aus Wachs gedruckt und eine Gussform erstellt, worin die Stücke aus Silber, Gold oder Messing gegossen werden. „Unsere Kollektionen haben verschiede Geschichten, Designsprachen und Inspirationen, aber alle nutzen die größten Vorteile der 3D-Druck Technologie: Die Erforschung neuer Ästhetik und die schnelle Erstellung und Personalisierung komplexer Designs, die unmöglich oder zu schwer mit anderen Technologien zu produzieren sind“, sagt Vucheva. Wie Lisa Lang designt sie am Computer: „Alle unsere Designs sind erst einmal skizziert, danach in digitaler Form erstellt, in 3D modelliert und schließlich in 3D gedruckt“, erzählt sie über ihre Designs, die wahre Hingucker sind.

Kleidung und Social-Media

  • VOJD Studios Foto: © Diliana Florentin
    VOJD Studios
  • VOJD Studios Foto: © Diliana Florentin
    VOJD Studios
  • Frozen Necklace Foto: © Zoe Nobl
    Frozen Necklace
  • Manu Vest Blue Foto: © Zoe Nobl
    Manu Vest Blue
  • Sparkof Ada Scarf Foto: © Zoe Nobl
    Sparkof Ada Scarf
  • Mia Coat Foto: © Cris Santos
    Mia Coat
  • Trafopop Foto: © Trafopop
    Trafopop
  • Trafopop Foto: © Trafopop
    Trafopop
Eine ganz andere Art der Aufmerksamkeit erregen die Wearable-Designs von Trafo Pop. Gegründet wurde die Gruppe von Thomas Gnahm vor drei Jahren mit dem Ziel die Straße auf ganz bestimmte Weise zurück zu erobern. Ausgestattet mit einem mobilen Sound-System organisiert die Gruppe passionierter Radfahrer und Künstler einmal im Monat eine kollektive Tour durch Berlin. Das Besondere: Sie tragen Jeansjacken, die sie mit leuchtenden LEDs zu intelligenten Wearables erweitert haben. Thomas Gnahm berichtet: „Die Jacken sind über ein mobiles WLAN miteinander verbunden. Eine Jacke hatte einen eigenen Account auf dem Netzwerk Twitter, so dass an sie gesendete Tweets durch die LEDs auf der Jacke des Fahrers dargestellt wurden.“ Hält einer der Radfahrer an, registriert es die Jacke über einen integrierten Bewegungssensor und stellt alle Lichter bei Halt auf Rot.

Doch Thomas Gnahm geht es bei Wearables um noch mehr als um einen blinkenden Flashmob: „Es geht darum, dass die Technik in der Kleidung verschwindet und sich anpasst. Etwas, mit dem wir uns seit Jahrhunderten umhüllen, `benutzen´ wir nun endlich. Daraus ergibt sich eine neue Perspektive auf die Technologie. Die Frage ist: Wie kann mir die Technologie dabei helfen, so zu kommunizieren, wie ich es auf natürliche Weise mache – ohne auf einen Computer oder Handy-Screen zu starren?“ Dafür veranstaltet er Ende September die Wear it, eine in Berlin stattfindende Wearable-Konferenz mit einem Fokus auf den menschlichen Körper, auf Entwicklung und Forschung. „Die Unternehmen sollen ihre Missionen zeigen und auch, was möglich ist – vor allem in einem größeren Kontext. Wir sind gespannt auf ihre Visionen und Umsetzungen.“