Nun auch für unterwegs Privatsphäre zum Mitnehmen

Fortbildung in Deutschland
Fortbildung in Deutschland | Foto: Goethe-Institut

Öffentlich und privat – die fundamentale Trennung der zwei Lebensbereiche verschwimmt zunehmend. Wir machen unsere innersten Gedanken öffentlich zugänglich, geben unser Selbst der Welt preis, wann immer wir online gehen oder auf Social Media posten. Doch es geht auch andersherum, mit Möglichkeiten der Abschottung gegen den Einfluss der Öffentlichkeit – mitten im öffentlichen Raum.

Uchi, sagt man in Japan und meint das eigene Zuhause: „innen“. Das, was eben nicht soto ist, also „draußen“, in der Welt, in der Öffentlichkeit. Die Trennung ist strikt, grundsätzlich, scheinbar unumstößlich. Auch im Westen kennen wir sie. Das Private, das Öffentliche – Gegensätze, komplementäre Aspekte des Lebens, das eine wie das andere notwendig und unvereinbar. Oder doch nicht? Die Grenze zwischen öffentlichem Raum und Privatsphäre verschwimmt zusehends. Der „gläserne Mensch“, Sinnbild für die alles durchdringende Kraft des digitalen Zeitalters, die jeden Bürger bis auf die Knochen durchleuchtet und durchforstet. Aber lauernde Datendiebe sind es nicht, die uns so umstülpen, das Innere nach außen kehren.

Die „Schuldigen“, wenn man sie so nennen will, sind wir selbst. Was als Ausbruch aus der Anonymität des postindustrialisierten Großstadtlebens begann, wurde durch Technologien wie das Internet zum immer rapider zündenden Selbstläufer. Als wäre es ein Rennen, wetteifern die „User“ der Social-Media-Plattformen miteinander. Das Private hat kaum einen Platz mehr in einer Welt, in der Selfies und Tweets alles vom Toilettengang bis zur Traumhochzeit in Bild, Schrift und Ton dokumentieren. Nicht durch Fremdüberwachung, sondern freiwillig.

Gibt es dann noch so etwas wie Privatsphäre, eine Trennung also von dem, was nicht in der Öffentlichkeit sein soll? Wie grenzen wir uns ab von einer Welt, in der wir uns wohl oder übel ständig in irgendeiner Weise im öffentlichen Raum bewegen müssen? Selbst wer nicht selfied und tweeted wie der durchschnittliche Jugendliche, hat heutzutage kaum mehr Gelegenheit, sich wirklich zurückzuziehen, wirklich abzuschotten. Wir leben in Städten, in denen Zigtausende mit uns Bahn fahren, auf der Straße gehen, in Bars, Cafés, Supermärkten neben uns her leben.

In Japan ist so ein Großstadtleben so ausgeprägt wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. Der enge Raum, die atemberaubende Größe der Megacities, die kaum noch Grenzen zwischen den einzelnen Städten erkennen lassen, zwingt die Leute zu einer Lebensweise, die immer mehr Privates in die Öffentlichkeit verlagert. Man arbeitet in der Stadt, in der Millionen leben. Zur Arbeit fährt man mit der Bahn, zusammen mit Hundertausenden, oft sogar stundenlang. Jeder macht es so. Und wenn die Arbeitswege Stunden dauern, wer hat dann noch Zeit, nach der Arbeit nach Hause zu fahren und danach noch soziales Leben zu führen? Also findet dieser Teil des Lebens dort statt, wo sowieso jeder ist: man geht nach der Arbeit ins nahe Lokal, trifft sich dort mit Freunden und Kollegen, die ja oft auch dieselben sind. Privatsphäre gibt es nur für das Nötigste, wenn überhaupt.

Der hermetische Helm

Die Gegenreaktion zu dieser Lebensweise bleibt nicht aus. Was die Technologie verursacht hat, hilft sie auch zu lösen. Der Beginn der Revolution kam schon 1979. Sony brachte den ersten Walkman heraus, einen tragbaren Kassettenspieler mit Kopfhörern. Plötzlich war die Welt eine andere. Die Musik, die man mit dem Walkman überall hin mitnehmen, überall hören konnte, wirkte wie ein unsichtbarer Schutzwall. Ein „acoustic casing“ entstand, mit dem man sich gegen die Öffentlichkeit abschotten konnte, die dank der Kopfhörer nicht an dem teilhaben konnte, was man selbst erlebte. Das Konzept, in voller Öffentlichkeit insgeheim eigenen, privaten Erfahrungen zu frönen, veränderte das Konzept von öffentlich und privat radikal.

Je weiter die Technologie fort schritt, desto mehr Facetten der unsichtbaren Abkapselung wurden sichtbar. Die neueste Inkarnation sind die Mobiltelefone, insbesondere die Smartphones. Durch jederzeitigen Zugriff auf Schnittstellen der digitalen Wirklichkeit entsteht ein regelrechter Wald aus Blasen von Privatsphäre, die Menschen voneinander trennen und getrennt halten, selbst wenn sie sich in Zentimeterabständen in einen vollen Bahnwaggon quetschen. Was bleibt, ist die bloße physische Präsenz, die sich zunehmend von der digitalen Existenz löst. Das Private wandert. Wo es schließlich landet, weiß noch niemand.
 

Doch reicht einigen die bloße metaphorische Abschottung nicht aus. Projekte, die ausloten, wie weit sich die Verkapselung treiben lässt, experimentieren mit immer radikaleren Varianten der Neudefinition von Privatsphäre. „Solo Theater“ etwa, im Prinzip eine Pappschachtel, in der ein Kopf Platz hat, der dann in Isolation vom Rest der Welt via Smartphone Unterhaltung genießen kann. Klingt wie Science-Fiction und das ist kein Zufall. Schon 1925 erfand Hugo Gernsback, Pionier des Science-Fiction-Genres, den „Isolator“, einen hermetischen Helm mit Sauerstoffzufuhr, der als einzige Sinneswahrnehmung den eingeengten Blick auf das Manuskript freigibt, an dem der so Behelmte fleißig schreiben soll. Wird Gernsbacks eher ironische Vision jetzt Realität?

Dass Projekte wie „Solo Theater“ oder auch „Danbocchi“, die geräuschdichte Karaoke-/Videokabine fürs Wohnzimmer, Erfindungen aus Japan sind, ist sicher kein Zufall. Dort wie kaum sonst wo auf der Welt werden Privates und Öffentliches durch die Umstände des städtischen Lebens ineinander getrieben. Zurück bleiben die Fragen, was denn jetzt öffentlich und was privat ist. Klar ist nur, dass Technologie eine zentrale Rolle spielen wird. Und wer weiß, vielleicht sitzen wir demnächst alle mit Solo Theater-Helmen in der Bahn und genießen die Ruhe unserer eigenen Welt.