Berliner Theatertreffen Zwischen Kunst und Politik

Baal
Baal | Foto: © Thomas Aurin

Von der aktuellen Flüchtlingsproblematik, über Baal im Vietnamkrieg, bis hin zu einer Aufarbeitung des Balkan-Kriegs – die Auswahl des Berliner Theatertreffens präsentierte sich 2015 so politisch wie selten zuvor.

Jedes Jahr im Mai werden beim Berliner Theatertreffen zwei Wochen lang die zehn „bemerkenswertesten“ Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum gezeigt.

2015 wurde das Festival mit „Die Schutzbefohlenen“ (2014) von Elfriede Jelinek und Nicolas Stemann eröffnet. Das Stück thematisiert die aktuellen Probleme europäischen Flüchtlingspolitik. Auch die Gruppe Rimini Protokoll griff die Debatte in ihrer Inszenierung „Hausbesuch Europa“ (2015) auf, die außerhalb des Theatertreffens lief. Derart wurde das Berliner Publikum dazu animiert, sich gleich aus mehreren Perspektiven mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Daneben bot das Theatertreffen 2015 die letzte Chance Frank Castorfs Inszenierung von  Berthold Brechts „Baal“ (2014) zu sehen. Weitere Aufführungen wurden im Urheberrechtsstreit zwischen dem Suhrkamp Verlag und dem Residenztheater München als „nicht autorisierte Bearbeitung des Stücks"  im Februar 2015 untersagt.  Und wirklich, Castorfs Inszenierung bewegt sich fern von der Chronologie der Textvorlage. Doch obwohl er extrem gewalttätige Szenen und fremde Textzitate wild aneinanderreiht, tritt der originäre Trieb des Protagonisten zur totalen Selbstzerstörung glasklar zu Tage.
 

  • „Baal“ inszeniert von Frank Castorf; vorne: Aurel Manthei Foto: © Thomas Aurin
    „Baal“ inszeniert von Frank Castorf; vorne: Aurel Manthei
  • Die Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek Foto: © Krafft Angerer
    Die Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek
  • Common Ground von Yael Ronen Foto: © Thomas Aurin
    Common Ground von Yael Ronen
  • Warum läuft Herr R. Amok? nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler, Regie Susanne Kennedy Foto: © JU Ostkreuz
    Warum läuft Herr R. Amok? nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler, Regie Susanne Kennedy
Nicht minder wagemutig machte sich die junge Regisseurin Suzanne Kennedy mit „Warum läuft Herr R. Amok?“ (2014) an eine Neuinterpretation des Dramas von Michael Fengler und R.W.Fassbinder. Mit extremen Mitteln der Verfremdung zeichnet Kennedy darin den schleichenden Verfall eines Menschen, dessen Weg in - schon fast schneidend - beklemmender Atmosphäre in die Katastrophe mündet.

Die Israelitin Yael Ronen, wie Kennedy ebenfalls eine junge Regisseurin, schließlich inszenierte eine reale Schuld und Sühne Aufarbeitung. In ihrem Stück „Common Ground“ (2014) beleuchtet sie die persönlichen Schicksale ihrer Schauspieler, die alle aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen. Als Kinder der Opfer von Kriegsverbrechen, Kinder von Tätern und Außenseitern suchen sie auf der Bühne ganz real nach einer gemeinsamen Basis. Obschon des ernstes Themas kommt der Humor bei Ronen und ihren Schauspielern aber nie zu kurz. Mit Witzen und viel schwarzem Humor kleiden sie den hochdramatischen Inhalt in ein leichtes Gewand. So zeigte „Common Ground“ letztlich eindrucksvoll, dass politische Inhalte durchaus auch einmal mit einem Augenzwinkern serviert werden können und ihre Wirkung beim Zuschauer in dieser Form vielleicht sogar noch intensiver entfalten.