Spuren eines Gesprächs Kenzaburo Ōe und Günter Grass

Kenzaburo Oe im Goethe-Institut Tokyo
Kenzaburo Oe im Goethe-Institut Tokyo | Foto: © Goethe-Institut Tokyo 2015

Am 13. April 2015 verbreitete sich die Nachricht vom Tod Günter Grass' auf der ganzen Welt. Er war 87 Jahre alt. Bis zuletzt in den Schlagzeilen als passionierter Erzähler und Widersprecher, traf sein Tod viele unerwartet -  auch Kenzaburo Ōe, den die Nachricht in Japan erreichte.

Die beiden Literaturnobelpreisträger verband eine langjährige Freundschaft. Ihr Austausch begann mit einem  Podiumsgespräch 1978 in Japan und setzte sich in einer zweiten Diskussionsrunde 1991 in Frankfurt am Main fort. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Endes des Zweiten Weltkrieges  führten sie einen öffentlichen Briefwechsel über ihre Kriegserfahrungen, der in der Asahi Shinbun und in der Frankfurter Rundschau erschien.  Anfang 2015 suchte Ōe das Gespräch mit Grass erneut, um politische und soziale Herausforderungen beider Länder, Deutschlands geplanten Atomausstieg und die Perspektiven erneuerbarer Energien zu diskutieren. Durch den Tod des Freundes blieb dieser Austausch leider unverwirklicht. Ihre vorherigen Unterhaltungen allerdings lassen erahnen wie ein neuerlicher Briefwechsel 2015 zwischen ihnen ausgesehen hätte und viel mehr noch: entschlüsseln was genau zwei der größten Literaten aus Deutschland und Japan über 8.000 km Entfernung zueinander führte.

Ursprung und kulturelle Vielfalt

Kenzaburō Ōe erlebte das Japan der 1930er und 1940er mit sechs Geschwistern in einem kleinen Dorf auf Shikoku, tief im Wald in der Präfektur Ehime. Der acht Jahre ältere Grass verbrachte seine Kindheit nicht minder abgelegen in Danzig an der Ostsee, bevor er nach Kriegsende zum Studium nach Düsseldorf zog. Der eine an der Grenze zum Meer, der andere umgeben von Wald und Bergen – die Peripherie und nicht nur physische Abgeschiedenheit ihrer Heimat wurde zeitlebens zum wiederkehrenden Topos in Oes und Grass´ Romanen.  

Auch in ihren ersten Gesprächen 1978 und 1991 bildete das Verständnis und die Wahrnehmung ihrer Heimat ein zentrales Thema ihrer Diskussionen. Das geteilte Interesse beider Schriftsteller an diesem Thema ging sogar so weit, dass Grass es sich während seines ersten Japanbesuchs nicht nehmen ließ, den Geburtsort seines japanischen Gegenübers aufzusuchen. Gemeinsam mit Ōe reiste er in das kleine Dorf Uchiko, 900 km westlich von Tokyo. Begeistert von den schmalen Gassen und traditionellen Holzbauten am Rande der Berge meinte Grass hier einen Ort entdeckt zu haben, an dem die japanischen Mythen ihren Ursprung gefunden hatten und mitunter sogar noch lebendig waren. Die ganz eigene Atmosphäre des Dorfes und der starke Unterschied zur japanischen Hauptstadt untergruben in seinen Augen klar den Gedanken einer stark homogenen Nation. Die gänzlich differenten Lebensweisen auf Shikoku und Okinawa waren für Grass nichts anderes als ein Sinnbild der kulturellen Vielfalt Japans, die in den Hauptstädten viel zu lange in Vergessenheit geraten war.

In einem Artikel, in dem er seine damaligen Erfahrungen für die japanische Presse zusammenfasste, appellierte er an die japanische Öffentlichkeit die unterschiedlichen Facetten ihrer Kultur in sich selbst zu entdecken und mit ihnen neue Perspektiven zu gewinnen. Er unterstrich dabei, dass die Stärke eines Volkes vor allem in seiner Vielfalt und dem Miteinander unterschiedlichster ethnischer und kultureller Bevölkerungsgruppen läge.

Zwölf Jahre später bei seinem zweiten öffentlichen Austausch mit Kenzaburo Oe  in Frankfurt am Main untermauerte Grass diese Ansicht - diesmal mit Blick auf die deutsche Wiedervereinigung. Die Einigung selbst empfand er als aufgezwungen, zu Lasten Ostdeutschlands und der dortigen Kultur. In seinen Augen sollte nicht die politische, sondern die kulturelle Einigung im Sinne von Herders „Kulturnation“ Vorrang haben. Durch seine Kindheit in Danzig, geprägt von seiner kaschubischen Mutter, setzte er sich stets für die Rechte nationaler Minderheiten ein. Ein Thema, das heute,in Zeiten der europäischen Flüchtlingskrise, aktueller denn je erscheint und wahrscheinlich auch in ihrem unverwirklichten Austausch 2015 zur Sprache gekommen wäre.

Die Lehre des Krieges

Hiroshima Noto Kenzaburō Ōes Reportage "Hiroshima nōto" (1965). Gegen seine zweite Reportage "Okinawa nōtō" (1970) reichten die ehemaligen Kommandanten der japanischen Truppen auf Okinawa gegen den Schriftsteller und seinen Verlag Iwanami Shoten Klage ein, zu der sich Ōe ab 2005 vor Gericht verantworten musste. 2008 wurde die Klage abgewiesen. | Foto: © Hiroshima Noto von Kenzaburo Oe
Vielleicht noch stärker als die Peripherie ihrer Heimat verband Grass und Ōe die gemeinsamen Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend. Grass, 12 Jahre alt bei Kriegsbeginn, Ōe gerade 4 Jahre alt, erlebten die Veränderung der Welt und die erschütternden Entbehrungen des Krieges in ihren entscheidendten Lebensjahren am eigenen Leib. Sie wurden zum Ausgangspunkt ihres literarischen Schaffens.

„Wir sind, lieber Freund, älter und älter werdend, gebrannte Kinder geblieben.“ schreibt Grass in seinem ersten Text an Ōe, im Zuge ihres öffentlichen Briefwechsels 1995.

Wenn man so will, kann man die beiden in gewissem Maße mit Oskar in Die Brechtrommel (1959) vergleichen: zwei vom Krieg gezeichnete Jungen. Grass, der als Soldat einberufen wurde und das Ende des Krieges schwerverletzt in einem Krankenhaus erlebte, sah es als seine Pflicht an „anstelle der Verstorbenen“ von den Schrecken des Krieges zu schreiben. Adornos oft zitierte Bestandsaufnahme in Kulturkritik und Gesellschaft (1949):  „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ -  beschäftigte ihn intensiv. Ōe pflichtete ihm in ihrem  Gespräch 1990 mit Blick auf die westliche Kulturgeschichte bei. Mit Blick auf die japanische Kulturgeschichte bildete für ihn, der den Krieg auf der anderen Seite des Globus erlebt hatte, der Atombombenabwurf auf Hiroshima einen ähnlichen Bruch der Zivilisationsgeschichte. In seinem Roman Hiroshima Notes (1964) gab er einen schmerzhaften Einblick in die Schicksale der Opfer direkt während des Abwurfs bis Jahre danach. Dieser Text bildet bis heute ein erschütterndes Zeugnis der Atombombenabwürfe und ihrer schrecklichen Folgen.

Politisches Engagement

Sowohl Kenzaburo Ōe, als auch Günther Grass gerieten seit den 60er Jahren regelmäßig durch ihr politisches Engagement in die Schlagzeilen. Grass unterstützte ab Ende der 60er Jahre die SPD und unterhielt einen regen Briefwechsel mit Willy Brand. In seinem autobiographischen Roman Beim Häuten der Zwiebel (2006) gestand er, dass er mit 17-Jahren Mitglied der Waffen-SS gewesen war. Nach über 40 Jahren des Schweigens erschütterte er damit fundamental seinen Ruf als „moralische Instanz Deutschlands.“  Zuletzt entfachte er mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“, das 2012 in der Süddeutschen Zeitung erschien eine öffentliche Diskussion über die Gefahr der Atommacht Israel für die Welt.

Nicht minder heftige Diskussionen löste Kenzaburo Ōe in Japan mit seinen kritischen Bestandsaufnahmen Hiroshima Notes (1965) und Okinawa Notes (1970) aus. In öffentlichen Briefen und Reden stellte er, ähnlich wie Grass in Deutschland, die demokratische Verfassung Japans nach dem Krieg regelmäßig in Frage. 1994 lehnte er den höchsten staatlichen Kulturorden Japans ab, da er sich wie in seinen Romanen klar vom Tenno-System distanzieren wollte. 2011 forderte er nach der Katastrophe von Fukushima auch für Japan den Atomausstieg und appellierte 2015 einmal mehr „als Gewissen Japans“ an die Regierung Artikel 9 der Verfassung nicht zu ändern.

In ihren Werken betten beide Schriftsteller aktuelle politische Fragen stets in ein fiktionales Narrativ ein, um zentrale Aussagen mit überspitzten Darstellungen noch deutlicher herauszuarbeiten. Der kritische Blick in die Vergangenheit verbunden mit der Thematisierung zeitgenössische Entwicklungen, wie etwa in Grass´ Roman Hundejahre (1963)  ist für beide charakteristisch.

„Gestern vor 50 Jahren“  - „Gestern vor 70 Jahren“

In ihrem öffentlichen Briefwechsel 1995 thematisierten Kenzaburo Ōe und Günter Grass  ihre Sicht auf die Entwicklungen Deutschlands und Japans nach dem Krieg. Als große Demokratieverfechter schrieben sie dabei nicht allein über ihre ganz persönlichen Erfahrungen, sondern brachten zugleich auch ihre Sorgen in Hinblick auf die damaligen politischen Umstände zum Ausdruck. Zur Sprache kamen unter anderem: Deserteure, für Grass die wahren Kriegshelden; die Kriegsschuldfrage, die laut Ōe, wie die Zwangsprostitution in Korea, auch 50 Jahre nach dem Krieg in Japan nichts an Aktualität eingebüßt hatte; die Folgen der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki mit Blick auf damalige Atomtests von Frankreich und vieles mehr.
 
Mit diesen Themen griffen sie wichtige Diskurse auf, die auch 2015 - 70 Jahre nach dem Krieg -  brandaktuell erscheinen. So schrieb Ōe beispielsweise in seinem Brief vom 19. April 1995 an Günther Grass:   
„ […] es ist ebenso ein Faktum, dass Kräfte auf den Plan getreten sind, die zur Formung eines neuen Staatsbildes eine Revision der Verfassung vorschlagen.“ („Wider die Ethik dieses Staates“, S.58)
 
Gerade weil sie diese Diskurse im Rahmen ihrer Briefe nur in aller Kürze anschneiden konnten, erscheint es umso wichtiger die Romane und Essays von Kenzaburo Ōe und Günter Grass noch einmal zu lesen und in Anbetracht der heutigen mitunter chaotischen Weltverfassung „weiterzulesen“.