In der Gesellschaft angekommen? Die deutsche Bloggerszene

Asyl für Snowden
Asyl für Snowden | Foto: © Fabian Keil

Blogger haben den Ruf von kritischen und politisch regen Zeitgenossen. Das bekommen bei Skandalen vor allem als erstes Marken und Politiker zu spüren, auf die das digitale Donnerwetter aus den sozialen Kanälen wie Twitter und Facebook niedergeht.

Glaubt man aber einer Umfrage des Online-Marktplatzes Rankseller, die letztes Jahr 48.000 Blogger in Deutschland ansprach, scheinen die beliebtesten Themen in der deutschen Netzwelt erst einmal von seichter Natur: ganz vorn liegen ‚Heim & Garten’, ‚Erotik & Liebe’ und ‚Gesundheit & Ernährung’. Man könnte das nun als Design-affine Blogs, Partnerschafts-Ratgeber und Online-Postillen zur vegetarischen und veganen Küche deuten – ganz so unpolitisch wären sie dann wieder nicht.

Doch was die Blogger wirklich bewegt, wird jedes Jahr auf der re:publica im Mai verhandelt. Mittlerweile zum achten Mal in Berlin ist sie eine der größten Konferenzen weltweit zur Agenda der digitalen Gesellschaft. Mehr als 6.000 Besucher trafen sich diesmal im Kreuzberger Veranstaltungsort Station. Schon lange ist das keine Versammlung von ein paar Netz-Nerds und Hackern mehr – ihre Themen haben die Gesellschaft eingeholt.

So bestimmt der Skandal um den amerikanischen Geheimdienst NSA natürlich viele Debatten in der Netzwelt. Ausgelöst wurde er genau vor einem Jahr Anfang Juni von Whistleblower Edward Snowden. Seitdem haben sich sowohl der Sicherheitsexperte Jacob Appelbaum, der die vertraulichen Daten von Snowden damals zur Weitergabe erhielt, als auch Sarah Harrison von der Enthüllungs-Organisation WikiLeaks in Berlin niedergelassen. Selbstredend kamen auch sie auf der re:publica zu Wort: auf einer eigenen Subkonferenz ‚Überwachtes Netz’, die von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert wurde. Markus Beckedahl, Mitgründer der re:publica und Herausgeber des Internet-Verlags Netzpolitik.org, hat dafür die Redner kuratiert und erklärt: „Das Ausspähen privater Nutzerdaten geht jeden von uns etwas an.“

Big Brother is watching

Die Überwachung von Bürgern zog sich denn auch wie ein roter Faden durch viele der insgesamt 350 Vorträge auf der Kon-ferenz. Sei es von SPIEGEL ONLINE-Kolumnist und Internet-Erklärer Sascha Lobo, der gegen eine untätig zusehende Netz-gemeinde wetterte oder Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger, der die ethische Dimension von Big Data auslotete. Ebenso vertreten war Design-Forscherin Gesche Joost, die neuerdings als Internetbotschafterin auf EU-Ebene für partizipatives Design wirbt sowie Soziologin Saskia Sassen zur weltweiten Immobilienkrise. Ein genauso wichtiges Anliegen war das des schweizer Publizisten Gustav Seibt, der sich um die Zukunft des integren Journalismus in der digitalen Welt Sorgen machte.
  • re:publica 2014 Foto: Gregor Fischer
    re:publica 2014
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    re:publica 2014
  • re:publica 2014 Foto: Gregor Fischer
    re:publica 2014
Die Agenda der digitalen Gesellschaft ist so vielseitig wie das Konferenz-Programm von Online-Aktivismus über innovative Ansätze in der digitalen Gesundheitsforschung bis zum Themenspektrum Open Science, einer Bewegung, die Wissenschaft und wissenschaftliche Prozesse der Gesellschaft zugänglich machen und sie teils auch daran mitgestalten lassen will. Selbst einen Makerspace gab es in der Eingangshalle, auf dem Interessierte mit Arduino-Mikro-Platinen basteln konnten, um damit smarte Maschinen zusammenzulöten. Auch ist die digitale Gesellschaft selbst das Thema des diesjährigen Wissenschaftsjahrs 2014, einer Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Dabei geht es darum, wie die Digitalisierung unseren Alltag verändert und neue Technologien diese Entwicklung vorantreiben. Deshalb kommt auch schon lange die Politik nicht mehr an den Bloggern vorbei. Brigitte Zypries, Parlamentarische Staats-sekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie, hielt auf der Konferenz einen Vortrag zur digitalen Agenda und Bundesentwicklungsminister Gerd Müller führte in den Themenbereich ‚Global Innovation Gathering’ ein. Dort tauschten sich IT-Experten aus Afrika, Asien und Lateinamerika im Hof aus, während sie ganz entspannt in Sonnenliegen auf Kunstrasen vor einem silberschimmernden AirStream-Bus saßen.

Also gibt es doch keine Trennung mehr zwischen den Anliegen der Blogger und den gesamtgesellschaftlichen Problemen? Andreas Schreiber, IT-Spezialist aus Berlin und Blogger twittert unter dem Alias @___Dagger___. Er besieht das kritischer: „Die meisten wichtigen Themen der re:publica haben es in den letzten Jahren geschafft, von deutlich mehr Menschen wahrgenommen zu werden. In den Medien und selbst in der Politik sind wichtige Themen angekommen. Sehr oft bleibt es allerdings bei unausgegorenen Vorstößen.“ Und er fährt fort: „Die breite Masse der Gesellschaft ist nicht dabei oder ignoriert sie schlicht, wie etwa beim Thema Datenschutz. Der Wandel kommt – aber langsamer und weniger durchdringend als von vielen in der Netzgemeinde gedacht.“ Er stimmt Sascha Lobo zu, der in seiner Tirade die Netzgemeinde kritisierte und zu Spenden für die Digitale Gesellschaft aufrief. Dieser Verein setzt sich für die digitale Freiheit und Bürgerrechte im Internet ein. „Bei dem vielen Platz, den dieses Internet im Leben von uns allen einnimmt, müssen wir uns auch dafür stark machen, dass wir nicht zu viel Kontrolle darüber verlieren. Wir sollten das Netz möglichst nach unseren Wünschen gestalten können – auch zusammen mit denen, die oft nur Zuschauer sind: den Lesern“, resümiert Andreas Schreiber. Ob sich die breite Masse das Thema Datenschutz bis nächstes Jahr ein wenig mehr zu Herzen nimmt, werden wir auf der re:publica 15 sehen.