Berlinale 2016 Über die unheimliche Realität

Die Filmfestspiele in Berlin
© Berlinale

„Nicht ablenken, sondern aufrütteln“– dieses Motto galt für das Programm Filmfestspiele in Berlin schon immer, doch im 66. Jahr folgten dem ideellen Ansatz auch konkrete Taten.

Mit dem Eröffnungsfilm Hail Caeser (2016) präsentierte die Berlinale gleich zu Beginn einen selbstreflexiven Blick auf die Absurditäten der Filmindustrie. Am Beispiel des Produzenten Eddie Mannix, der sich auf die Suche nach seinem verschwunden Hauptdarsteller macht, beleuchten die Coen Brüder darin mit viel Witz den Größenwahn der Hollywood Studios in den 50er Jahren und den aberwitzigen Systemen zur Erschaffung ihrer Scheinwelten.

Dass Filme und ihre Akteure aber weit mehr als genau das können, machte George Clooney, der im Film den vermissten Darsteller Baird Whitlock spielt, bereits im Vorfeld deutlich. Im Mittelpunkt seines Berlinbesuchs stand diesmal nämlich nicht sein Auftritt auf dem roten Teppich, sondern ein Gesprächstermin bei der Kanzlerin. „Wie gehen wir mit der Flüchtlingskrise um?“ wollte er von Frau Merkel wissen - und diese Frage war es auch, die im Wesentlichen die gesamten Festspiele bestimmte.

Im Wettbewerb konkurrierten Portraits der harten Wirklichkeit, Kriegsberichte, Rassismuserfahrungen und die traurig alltäglich gewordene Erzählung zerplatzter Hoffnungen miteinander. Der Goldene Bär ging an Gianfranco Rosi für seinen Film Fuocoammare (engl. Fire at Sea, 2016). Der italienische Regisseur zeigt darin den Alltag der Bewohner der Mittelmeerinsel Lampedusa und der Flüchtlinge, die anders als viele ihrer Landleute überhaupt das Ufer erreicht haben. Den silbernen Bären erhielt Danis Tanovic für seine Satire rund um den 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs Death in Sarajevo (2016).

Beide Werke: deutliche Apelle für die Völkerverständigung - eine Message, die Festivalleiter Dieter Kosslick auch mit Aktionen rund um das Festival untermalte: 18 Flüchtlingen bekamen die Möglichkeit in verschiedenen Arbeitsbereichen zu hospitieren und die Berlinale sprach zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Spendenempfehlung aus.

Fukushima und Hachimirimadness

Auch bei den neuen deutschen Filmproduktionen, die bis auf Anne Zohra Berrachedins 24 Wochen (2016) leider fast ausschließlich nur in der Sparte „Perspektive Deutsches Kino“ gezeigt wurden, dominierte die Realität und die Flüchtlingsthematik. So portraitiert Aline FischersMeteorstraße(2016) etwa die Identitätssuche eines jungen Palästinensers in Berlin. Martin Hawie zeigt in Toro (2015) einem jungen Polen, der sich notgedrungen als Escort verdingt, um seinen Traum von der eigenen Boxschule zu verwirklichen und Till Harms hält der Schauspielindustrie in Die Prüfung (2016) etwas humorloser als die Coen Brüder den Spiegel vor.
Doris Dörries Film über Japan Grüße aus Fukushima (2016), der in Anlehnung an Alain Resnais Hiroshima mon Amour (1959) in poetischem schwarz-weiß das Drama vom Loslassen und Weiterleben nach der Katastrophe erzählt, wurde mit dem Preis des Internationalen Verbands der Filmkunsttheater (CICAE) ausgezeichnet.

Aus Japan selbst waren mit Arumichi (2015) von Daichi Sugimoto, Creepy (2016) vom Meister des Horrors Kiyoshi Kurosawa und While the Women Are Sleeping (2016) wie 2015 drei aktuelle Produktionen in der Sparte „Forum“ vertreten. Dazu stellte die Reihe Hachimirimadness eine Auswahl neu digitalisierter und untertitelter japanischer 8-mm-Filme aus den Jahren von 1977 bis 1990 vor. Kuratiert von Keiko Araki (PIA Tokio) zeigten sie rebellisch `punkigen´ Frühwerke von u.a. Masashi Yamamoto, Sion Sono und Nobuhiro Suwa.