DMY Berlin Unaufdringliche Arten der Kommunikation

Wearing Water von nacood Lab
Wearing Water von nacood Lab | © DMY 2016/ Karin Shikata

Beim DMY Internationales Design Festival Berlin zeigte vor allem der Nachwuchs, wie man mit intelligentem Design den Alltag erleichtern kann.

Bereits zum 14. Mal kamen an vier Tagen Designinteressierte beim DMY Internationales Design Festival Berlin zusammen. In den Weiten des Kraftwerks in Berlin-Mitte, einer fast kathedralartigen ehemaligen Maschinenhalle mit hohen Decken und mehreren Stockwerken, wurden innovative Designobjekte, etablierte Produkte wie auch Newcomer sowie spannende Prototypen von Designhochschulen präsentiert. Dabei handelten die Objekte alle Designbereiche ab: Von Produkt- und Industriedesign bis zur Mode – und selbst das Thema Flüchtlinge kam mit in den Talks vorgestellten Hilfsprojekten unter.
 
Interessant war beim Rundgang über die auf zwei Stockwerken verteilte Ausstellung, wie der Nachwuchs mit alten wie neuen (digitalen) Alltagsproblemen umgeht und diesen mit intelligenten Designlösungen begegnet. So zeigte etwa nacood Lab, ein in Berlin und London ansässiges Design-Studio und einer der Gewinner der Nachwuchspreises New Talent Competition des DMY, welche Möglichkeiten in einem scheinbar nicht sehr widerstandsfähigen Material wie Papier schlummern. Die japanischen Designerinnen Maasa Yamanashi und Shiori Aiba von nacood Lab haben die spezielle Verarbeitung von japanischem Papier, Washi genannt, weiter entwickelt. Traditionell tragen japanische Priester bei buddhistischen Zeremonien papierne Kleider, „Kumiko“ genannt. Die beiden haben nun eine Kollektion an Regenmänteln und Regeschirmen herausgebracht – allesamt aus Papier.
 
Zur Herstellung ihrer „Wearing Water“-Kollektion wendeten sie dieselbe traditionelle Papiergewinnungstechnik per Hand an. Dabei verarbeiteten sie die Rinde eines Gebüschs, deren lange, flexible Fasern optimal sowohl gegen Feuchtigkeit als auch UV-Einstrahlung schützen. Seine Robustheit erhält das Papier durch den „Konnyaku“-Klebstoff, der aus der Wurzel der Teufelszunge, einer Kaktusart, gewonnen wird. „Die Leute denken immer, Papier wäre ein ‚schwaches’ Material und eigentlich nur zum Schreiben interessant“, erzählt Maasa Yamanashi. Doch weit gefehlt: Den Regenmantel aus ihrer Kollektion kann man mehrere Wochen tragen. Seine Oberfläche fühlt sich zart und fragil an. Dennoch ist das Gewebe so fest, dass es der Witterung standhält. Nur waschen darf man ihn nicht.
 
Mehr als Lego
 
bionic TOYS © DMY 2016 Robust und gleichzeitig in einem ganz anderen Sinn höchst flexibel sind die Spielzeug-Bausteine von Marcel Pasternak. Mit bionicTOYS hat der Produktdesigner eine Serie an Prototypen aus flexiblem Plastik entwickelt, die modular an Spielzeugbauteile wie etwa von LEGO andockbar sind und das bestehende System im Prinzip unendlich um Flexibilität erweitern. Die Bausteine sind in 3D gedruckt und bemerkenswert dehnbar. Zusammen ergeben sie eine Struktur, die etwa zum Greifarm gebaut behutsam Gegenstände aufheben kann, indem sich die einzelnen Glieder um das Objekt schmiegen. Lustig anzusehen sind auch die mit Bausteinen gebaute, schwingende Flügel, die von einem LEGO-Motor angetrieben werden.
 
Auf die Idee kam Pasternak, nachdem ihn einmal ein Junge auf einer Ausstellung fragte, was er für Interessen haben müsste, um selbst Produktdesigner zu werden. Er hatte keine Antwort darauf, weil er darüber noch nie nachgedacht hatte. „Das hat mich noch sehr beschäftigt. Denn das erste Mal, als ich gemerkt habe, dass ich ein Interesse an Konstruktion, an technischen Sachen und an Material habe, war im LEGO-Zeitalter. Damit konnte ich meine Welt selbst gestalten und aktiv bauen, und Sachen aus dem Nichts entstehen lassen“, erinnert sich Marcel Pasternak. Deshalb geht  es ihm auch darum, Spielzeug nicht nur passiv zu konsumieren, sondern als aktiver Gestalter selbst zu beeinflussen.
 
Die Herleitung zu den bionicTOYS stammt von dem Feld der Biomimikry, einer Wissenschaft, die sich Lösungen aus der Natur zunutze macht. Pasternak erklärt: „Es ging mir um eine organische Bewegung, die aus dem Material heraus stattfindet. Auch wenn es so simpel erscheint, hat das Material einen Kraftspeicher. Alles, was man ihm hinzufügt an Kraft, gibt es wieder ab. Das bedeutet, du kannst es ziehen und es schnellt wieder in seine Ausgangssituation zurück“, sagt Marcel Pasternak. Er hat die flexiblen Bausteine als weltweites Patent angemeldet, nächstes Jahr soll ein Crowdfunding-Projekt über die Plattform Kickstarter folgen. Auch er ist ein Preisträger des Nachwuchswettbewerbs des DMY.
 

  • Die Sonnenbrille „maluvi“ von Joy Moorkamp, Linnea Helms und Tobias Düser. © DMY 2016
    Die Sonnenbrille „maluvi“ von Joy Moorkamp, Linnea Helms und Tobias Düser.
  • Die "Calm Technologies" der Hochschule Osnabrück wurden in der Kategorie "Education" ausgezeichnet. © DMY 2016
    Die "Calm Technologies" der Hochschule Osnabrück wurden in der Kategorie "Education" ausgezeichnet.
  • Eine App auf dem Smartphone zeigt dem Nutzer über die Sonnenbrille „maluvi“ gesammelten Daten an. © DMY 2016
    Eine App auf dem Smartphone zeigt dem Nutzer über die Sonnenbrille „maluvi“ gesammelten Daten an.
  • Einer der Nachwuchspreise des DMY 2016 ging an das nacood Lab für die spezielle Verarbeitung von japanischem "Washi"-Papier. © DMY 2016
    Einer der Nachwuchspreise des DMY 2016 ging an das nacood Lab für die spezielle Verarbeitung von japanischem "Washi"-Papier.
  •  "STROM – Spannung spürbar“ von Björn Becker: Die Rillen-Haptik aus Zinkdruckguss machen Lichtschalter auch für Menschen mit eingeschränktem Augenlicht funtionsfähig. © DMY 2016
    "STROM – Spannung spürbar“ von Björn Becker: Die Rillen-Haptik aus Zinkdruckguss machen Lichtschalter auch für Menschen mit eingeschränktem Augenlicht funtionsfähig.
  • Gewinner des DMY Design Awards 2016: Die minimalistischen Möbel von “Master & Master/ Ondřej Zita und Luděk Šteigl © DMY2016/ Markus Mueller-Witte
    Gewinner des DMY Design Awards 2016: Die minimalistischen Möbel von “Master & Master/ Ondřej Zita und Luděk Šteigl
  • Ebenfalls mit dem DMY Design Awards 2016 ausgezeichnet: Die zeitlosen Textilien-Kunstwerke „Sun and Night“ von Aya Kawabata aus Tokyo.  © DMY2016/ Markus Mueller-Witte
    Ebenfalls mit dem DMY Design Awards 2016 ausgezeichnet: Die zeitlosen Textilien-Kunstwerke „Sun and Night“ von Aya Kawabata aus Tokyo.
  • Den dritten Design Award verlieh die Jury dem Team der Uni Osnabrück für ihre „Calm Technologies“. © DMY2016/ Markus Mueller-Witte
    Den dritten Design Award verlieh die Jury dem Team der Uni Osnabrück für ihre „Calm Technologies“.

 
Calm Technologies

 
Neben der New Talent Competition vergab der DMY auch noch den DMY Award für herausragende Projekte in Bezug auf Innovation und Exzellenz. In der Kategorie Education wurden dabei die Arbeiten der Studenten des Studiengangs „Media & Interaction Design“ der Hochschule Osnabrück ausgezeichnet. Die Jury lobte sie für ihre Prototypen und Services zum Thema „Calm Technologies“: Ziel waren unaufdringliche Arten der Kommunikation ohne dem Umfeld auf den Nerv zu gehen sowie die Verbindung von digitalen und physischen Prototypen für Services.
 
Solch ein Prototyp war etwa die ausgestellte Sonnenbrille „maluvi“ von Joy Moorkamp, Linnea Helms und Tobias Düser. Anhand des Hauttyps und der Augenfarbe des Trägers und dem UV-Index ermittelt diese Brille, mit welcher Stärke man sich eincremen sollte und schlägt das vor. Wird dieser Wert langsam überschritten, leuchtet ein LED-Warnhinweis im Brillengestell auf und warnt den Träger, dass er aus der Sonne gehen sollte. Das Brillengestell selbst besteht aus einer mitteldichten Holzfaserplatte (MDF), deren Formen per Lasercutter ausgeschnitten wurden.
 
Weitere spannende Studenten-Projekte kamen von der HfK Bremen. Dort beschäftigt sich das Studio Material und Technologie des Masterstudiengangs Integriertes Design mit Innovationsprozessen im Produktdesign. Welche Lösungen bietet etwa das Design für behindertengerechte oder seniorengerechte Produkte? „STROM – Spannung spürbar“ von Björn Becker etwa ist ein Lichtschalter aus Zinkdruckguss, der durch seine Rillen-Haptik auch für Menschen mit eingeschränktem Augenlicht funktioniert. Denn allzu oft weiß man bei einem ganz normalen Kippschalter im Alltag nicht, dass das Licht – oder die Lüftung – an oder aus ist. Das zeigt der Rillenschalter nun bereits durch seine Form an. Er ist nämlich mit geraden Linien überzogen, die zur ebenfalls mit Linien versehenen Fassung außen herum quer stehen, sobald der Schalter gedreht wird.
 
Björn Becker erklärt: „Behindertengerechte Objekte müssen ihren Auftrag nicht immer so breit kommunizieren. Auch sollten sie einem ästhetischen Anspruch gerecht werden.“ Seine Inspiration sind die Wellenbewegungen des Meeres. Das Projekt kam durch eine Kollaboration mit der Initiative Zink zustande. „Der Vorteil von Zinkdruckguss gegenüber anderen Herstellungsverfahren ist, dass die Abbildungsqualität sehr hoch ist und sehr feine Strukturen zulässt“, so Björn Becker weiter. Beim Schalter arbeitet er mit den Standardmaßen für Lichtschalter, man könnte ihn also direkt in eine Blende einbauen. Wie viele anderen Ausstellungsexponate ist der Schalter zunächst nur ein Prototyp – doch wie andere Projekte auch hat er durchaus das Potenzial, in Serie zu gehen.