Not lost in translation

HOT PEPPER, AIR CONDITIONER AND THE FAREWELL SPEECH
© Münchner Kammerspiele

Im Juni 2016 feierte Toshiki Okadas Neuinszenierung von Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech mit dem Ensemble der Münchner Kammerspiele Premiere. Im Gespräch geben der Regisseur, die beiden Darstellern Anna Drexler, Christian Löber und der Dramaturg Tarun Kude einen Einblick in die künstlerische Zusammenarbeit. 

Mit seinem besonderen Schreibstil und fast choreografisch durchgeformter Körpersprache machte Toshiki Okada mit seiner Theatergruppe CHELFITSCH in der japanischen Theaterszene auf sich aufmerksam. Inzwischen arbeitet der Regisseur international, es gibt Gastspiele und Koproduktionen mit internationalen Partnern, die mit großer Begeisterung aufgenommen werden. In Zusammenarbeit mit den Münchener Kammerspielen entwickelte der Ausnahmeregisseur seine humorvolle Analyse der japanischen Arbeitswelt von Grund auf neu. Im Gespräch gibt er gemeinsam mit den beiden Darstellern Anna Drexler, Christian Löber und dem Dramaturgen Tarun Kude einen Einblick in die Herausforderungen der deutsch-japanischen Inszenierung.
 
Tarun Kade: Toshiki, du hast die Trilogie „Hot Pepper, Air Conditioner and The Farewell Speech“ ursprünglich 2009 für deine Theaterkompanie chelfitsch geschrieben, die du 1997 in Japan gegründet hast und mit der du bis heute die meisten deiner Inszenierungen erarbeitest. Nun untersuchst du im Jahr 2016 erneut den Text - mit neuer Bühne, neuen Kostümen und vor allem mit Schauspielerinnen und Schauspielern aus Deutschland. Worum geht es in diesem Stück?
 
Toshiki Okada: Die japanische Wirtschaftssituation entwickelte sich bis in die 90er Jahre hinein eigentlich gut, doch in der Zeit, als ich das Stück schrieb, begann sie immer schlechter zu werden. Diese Abwärtsentwicklung hält bis heute an, die Arbeitsverhältnisse in Japan sind von großer Unsicherheit geprägt, insbesondere mit Zeitverträgen angestellte MitarbeiterInnen müssen ständig ihre Entlassung befürchten, je nach Entwicklung der Bilanzen. Das Thema an sich ist zwar ernst, doch ich wollte es humorvoll bearbeiten. Humor ermöglicht es, Dinge mit einem gewissen Abstand zu betrachten. Obwohl man lachen kann, ist es also eine kühle, distanzierte Perspektive. Aus diesem Ansatz heraus habe ich das Stück geschrieben.
 
Implosion der Gefühle

HOT PEPPER, AIR CONDITIONER AND THE FAREWELL SPEECH – Münchner Kammerspiele from Münchner Kammerspiele on Vimeo.

 
Tarun Kade: Du hast den Text ja schon einmal mit deiner Kompanie inszeniert. Wie verändert sich die Inszenierung in der Zusammenarbeit mit den Schauspielern aus dem Ensemble der Kammerspiele?
 
Toshiki Okada: Eine sehr schwierige Frage. Ich weiß es noch nicht genau, denn Theater ereignet sich erst in der Begegnung mit den Zuschauern. Jedes mal entsteht so mit neuen Zuschauern ein neuer Abend. Aber auch die Bewegungen, die die Schauspieler machen, sind neu entwickelt, obwohl ich bemerke, dass ohne dass ich danach verlangt habe, mitunter auch ähnliche Bewegungen wie in der japanischen Version entstanden sind. Ich arbeite ja zum ersten Mal mit deutschen Schauspielern und hatte am Anfang auch Bedenken, ob sie zu dieser Art von Bewegungen überhaupt einen Zugang finden. Aber diese Sorgen waren glücklicherweise unbegründet.

Ich hatte gehört, dass auf deutschen Proben immer sehr viel diskutiert wird. Doch das war hier gar nicht so. Was ich sehr gut finde, ist, dass die Schauspieler hier meine Ästhetik sehr genau reflektieren und analysieren. Das können sie wirklich sehr gut. Dadurch entsteht dann ein Gefühl dafür, wie etwas gespielt werden kann und das ist ein ganz eigener Prozess. Implosion ist für die Arbeit hier ein sehr wichtiger Begriff. Obwohl es im Japanischen das Wort ‚Implosion’ als solches nicht gibt, performen die Schauspieler dort auch eine Implosion der Gefühle, doch wird das viel umständlicher ausgedrückt. In Deutschland kann ich dagegen einfach sagen: bitte nicht explodieren, sondern implodieren. Obwohl man sagen muss, dass diese Implosion der Gefühle bei den Schauspielern in Japan fast schon automatisch entsteht, so dass man das eigentlich nicht extra sagen muss.
 
Wie eine Lupe
 
HOT PEPPER, AIR CONDITIONER AND THE FAREWELL SPEECH © Münchner Kammerspiele Christian Löber: Natürlich ist es schon komplizierter und komplexer, dadurch dass es diese Zwischenposition der Übersetzung gibt und manchmal kommt dann auch etwas an, wo man denkt: das hab ich doch gar nicht gefragt. Also Missverständnisse, bei denen man sich dann aber auch unter Kollegen wieder hilft.
 
Tarun Kade: Anna und Christian, was sind das für euch für Bewegungen, die ihr in dieser Inszenierung macht?
 
Anna Drexler: Man erzählt mit dem Körper etwas anderes, als das, was der Text sagt. Die Bewegungen können etwas aufreißen, das den gesprochenen Text um weitere Bedeutung bereichert. Eine ganz bestimmte Bewegung zu einem ganz bestimmten Text. Dabei entsteht eine Diskrepanz, die etwas merkwürdig Neues schafft. So setzt sich der Körper zu einer eher statischen Aussage ins Verhältnis, der das Ganze noch einmal völlig anders erzählt.
 
Christian Löber: Toshiki spricht immer von einer Vorstellung, von einem Bild, das man als Spieler hat. Dieses Bild ist die Mutter. Und das eine Kind dieser Mutter ist der Text und das andere die Bewegung. Die Mutter liebt beide Kinder gleich und das Kind Bewegung verliebt sich ein kleines bisschen in das Kind Musik. Das mit der Implosion verstehe ich so: das was im Text an Emotionen nicht vorkommt, findet ein Ventil in der Bewegung.
 
Anna Drexler: Manche Bewegungen können auch aus ganz Alltäglichem kommen, wie der willkürlichen Berührung des eigenen Oberschenkels zum Beispiel. Diese Bewegung untersucht man dann stärker. Viele der Bewegungen auf der Bühne wird man als Zuschauer daher auch wieder erkennen, weil das Dinge sind, die man ganz selbstverständlich tut. Nur wenn man sie wiederholt und größer macht, werden sie zu etwas Merkwürdigem, Auffälligem.
 
Christian Löber: Die Arbeit funktioniert da so wie eine Lupe.
 
Anna Drexler: Mit Tanz im klassischen Sinne hat das aber nichts zu tun.

Toshiki Okada: In meinen Stücken ist es sehr wichtig, wie die Schauspieler sich bewegen. Es ist aber nicht so, das ich vorab eine genaue Vorstellung darüber habe, wie die Bewegungen am Ende sein sollen, sondern sie entstehen in der Probe und sind damit auch den Schauspielern überlassen. Selbst wenn am Ende etwas entsteht, das an eine Choreografie erinnert und das jeden Abend relativ ähnlich ist, sind diese Bewegungen nicht von außen vorgegeben, sondern haben sich aus einem gemeinsamen inhaltlichem Prozess entwickelt.
 
Tarun Kade: Zum Prozess der Übersetzung: Toshiki spricht auf Japanisch, die Schauspieler auf deutsch und Makiko Yamaguchi, enge Mitarbeiterin und Dramaturgin von Toshiki, übersetzt dann in beide Richtungen. Regieführen besteht ja auch in großen Teilen aus einer direktem energetischen Austausch mit den Schauspielern. Hier ist dieser Prozess verlangsamt und zwischen den Übersetzungen finden häufig Gespräche zwischen den Schauspielern statt. Wenn Toshiki also auf japanisch spricht, dann hören und sehen die Schauspieler ihm zu, sprechen aber manchmal auch untereinander darüber, wie das Gesagte zu verstehen ist. Wie dieser Prozess der Übersetzung läuft, ist für die Arbeit ganz zentral.
 
Der Rhythmus des Wartens

Toshiki Okada Toshiki Okada | ©Kikuko Usuyama Toshiki Okada: Makiko übersetzt, was ich sage, auch nicht wörtlich. Das würde gar nicht gehen. Sie übersetzt auch die Art und Weise, wie meine Vorstellungen an die Schauspieler hier vermittelt werden. Nicht nur, weil es eine andere Sprache ist, sondern der gesamte Prozess der Kommunikation ist anders.
 
Anna Drexler: Das finde ich an dieser Arbeit so inspirierend, dass man aus anderen Welten kommend, sich begegnet und da etwas Neues entstehen kann, das ganz speziell sein könnte. Durch solchen Zwischenzeiten, in denen Toshiki spricht und man nichts versteht, entsteht ein ganz eigener Rhythmus: etwas wird gesagt wird, man hört das Japanische und wartet – das sind kleine Unterbrechungen, Zäsuren, die sehr schön sind.
 
Christian Löber: Das fordert einen auch, ganz konkret zu sein. Etwas konkret zu benennen, damit Toshiki konkret darauf antworten kann. Das ist effektiv und man lernt, Geduld zu entwickeln.
 
Anna Drexler: Man lernt zu warten, wenn eine Frage übersetzt wird und nicht sofort weiter zu reden. Ich bin ja immer unfassbar ungeduldig und will nach dem Spielen immer sofort etwas sagen und darüber reden, aber da muss man sich dann eben entspannen und abwarten. Und oftmals ist es eigentlich gar nicht nötig, gleich und sofort so viel darüber zu reden.
 
Toshiki Okada: Ich wusste gar nicht, dass das so sehr an Geduld gebunden ist. Wenn ich etwas auf japanisch erkläre, dann sehe ich wie auf der Bühne die Schauspieler immer schon anfangen zu diskutieren. Wenn sie dann aber gerade sprechen, und ich auf die Übersetzung warte, mache ich nichts anderes außer Warten.
 
Toshiki Okada wurde 1973 in Yokohama geboren und gründete 1997 das Theaterensemble „Chelfitsch“ für das er alle Stücke selbst verfasst und inszeniert. Eine besondere Methodik, außergewöhnliche Choereographien und auch die Verwendung von stark umgangssprachlichem Japanisch zeichnen seine Werke aus. Seine Arbeit als Autor und Regisseur wurde mehrfach ausgezeichnet u.a. mit dem Kishida-Preis für sein Drama Five Days in March (2005) und mit dem Oe-Kenzaburo-Preis für seine Novellensammelung The end of the Special Time We Were Allowed (2007). Sein Stück Hot Pepper, Air Conditioner, and the Farewell Speech (2009) wurde in Koproduktion mit dem Theater Hebbel am Ufer in Berlin uraufgeführt und im Juni 2016 in Zusammenarbeit den Münchner Kammerspielen von Grund auf neu erarbeitet. Für 2017/2018 ist die Aufführung weiterer Repertoirestücke Okadas in den Kammerspielen geplant.