Regisseurinnen in Japan Von wegen „mädchenhafte" Filme!

Sakuran
© Mika Nanagawa

Die Frage: „Gibt es viele weibliche Filmfans in Japan“? kann man mit einem lauten „Aber natürlich!“ beantworten. Die Frage, wie es um weibliche Filmemacher im japanischen Film bestellt ist, ist dagegen schwieriger zu beantworten. Im Laufe der Geschichte stieg die Anzahl von Regisseurinnen Phasenweise durchaus stark an, aber diese Booms waren nie von Dauer. Wie steht es also derzeit um die Situation von Japans Filmemacherinnen?   

Werfen wir zunächst einen Blick zurück auf den Anfang der Geschichte weiblicher Filmemacher in Japan. Die ersten beiden Regisseurinnen in Japan lernten ihr Handwerk von Altmeister Kenji Mizoguchi. Mizoguchi, der zeitlebens die Ausbeutung der Frau zum Hauptthema seines Werkes machte, eröffnete insbesondere zwei Frauen auch hinter der Kamera neue Möglichkeiten. Eine davon war Tazuko Sakane, die aus einer arrangierten Ehe ausbrach und mit Mitte 20 begann für Mizoguchi als Drehbuchautorin zu arbeiten. Ihr Regiedebüt New Clothing (1936) kam im März 1936 in die japanischen Kinos - genau 40 Jahre nach La Fée aux Choux (1896), dem Spielfilmdebüt der ersten Regisseurin der Welt, Alice Guy-Blaché. Die zweite Frau die unter Mizoguchi ihr Handwerk lernte war Kinuyo Tanaka. Bekannt als Filmstar aus vielen seiner Filme, drehte sie nach dem Krieg als Regisseurin insgesamt sechs Filme: Von Love Letter im Dezember 1953 bis Love under the Crucifix im Juni 1962.

Mit Ausnahme von Sakane und Tanaka, arbeiten die meisten Regisseurinnen bis in die 1980er Jahre vornehmlich im Bereich des Dokumentarfilms. Für große Aufmerksamkeit sorgte dabei das Regiedebüt von Nobuko Shibuya. Le prix de la victoire wurde 1964 bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Grand Prix in der Kategorie Kurzfilm ausgezeichnet. Dazu brachten die für ihre Dokumentationen angesehenen Iwanami Filmstudios, Land of the Dawn (1966) von Toshie Tokieda und The Poem of Hayachine Valley (1982) von Sumiko Haneda heraus. The Poem of Hayachine Valley wurde mit dem Nachwuchspreis vom Ministerium für Bildung ausgezeichnet und damit mit Haneda zum ersten Mal auch eine Regisseurin im Independent-Film. Auch eine Erwähnung verdient die Sängerin und Schauspielerin Mariko Miyagi, die für ihren Dokumentarfilm The Silk Tree Ballad (1974) über Förderschulen in Japan mit der Silbermedaille des Internationalen Roten Kreuzes Award in Bulgarien ausgezeichnet wurde.

Um den Blick für die dieserart in der japanischen Filmgeschichte verstreuten Regisseurinnen zu schärfen zeigte das „Film Festival der Frauen“ im November 1979 zunächst Werke selbstständiger internationaler Filmemacherinnen und die „Internationalen Filmwochen der Frauen" im Mai 1985 auch zum ersten Mal neue Produktionen aus Japan. So wurde dort beispielsweise Sumiko Hanedas Akiko: Portrait of Dancer (1985) und in den folgenden Jahren Arbeiten von Regisseurin wie Tatsuko Makitsubo, Midori Kurisaki, Yuka Sekiguchi, Hiroko Kumagai, Hiroko Yamazaki, Tomoko Fujiwara und Naomi Kawase.

Erfolgsrezept: „Frauen und Film“

  • Tazuko Sakane © ©
  • Kinuyo Tanaka © Kinuyo Tanaka
  • Naomi Kawase © Naomi Kawase
  • 西川美和 『ゆれる』 © 西川美和
  • Miwa Nishikawa © Miwa Nishikawa

Bis in die 1990er Jahre stieg die Anzahl von Regisseurinnen in Japan weiter an. Zwei Spielfilme zogen dabei ein besonderes Medienecho nach sich: zum einen der Spielfilm How old is the river (1994) von Shiori Kazama, für den sie mit dem Nachwuchspreis bei den Internationalen Filmfestspielen in Rotterdam (1995) ausgezeichnet wurde und zum anderen Naomi Kawases Suzaku (1997), für den ihr bei den 50. Filmfestspielen in Cannes den Nachwuchspreis als beste Regisseurin verliehen wurde. Darüber hinaus wurde Hisako Matsuis Langzeitprojekt Yukie (1998), dessen Dreh über fünf Jahre in Anspruch nahm, über 600 Mal in ganz Japan gezeigt. Entgegen aller Erwartungen hielten die Frauen sogar in der „Soft-Porno- (Pink Eiga) Szene“ Einzug, allen voran: Sachi Hamano. Sie arbeitete seit den 1970ern in der Szene, stand bei über 300 Filmen HINTER der Kamera und verwirklichte 1998 mit Hilfe von Spenden von über 12.000 Frauen aus ganz Japan ein Portrait der Autorin Midori Ozaki. Das Resultat In Search of a Lost Writer: Wandering the World of the Seventh Sense (1998) wurde mit dem Amari Hayashi Preis auf dem Japanischen Independent Filmfestival ausgezeichnet. Sie half dabei die Wahrnehmung von Frauen im japanischen Film nachhaltig zu beeinflussen.

In den 2000er Jahre schien der „Frauen“-Boom im japanischen Film zunächst etwas nachzulassen, doch ab 2006 folgte bereits der nächste. Und dieser war größer als alle bisherigen. Naoko Ogigamis Seagull Diner/Kamome Diner (2006) stellte in den Kinos in Ginza einen neuen Besucherrekord auf, Sway (2006) von Miwa Nishikawa räumte fast alle Filmpreise in Japan ab, Mika Ninagawas Sakuran sorgte für so volle Kinosäle, dass an den meisten Tagen sogar wie in früheren Zeiten Stehplätze verkauft wurden. Gleichzeitig wurde in vielen Kinos der sog. „Ladies Day“ (Kinotag für Frauen) eingeführt. Sowohl als Filmemacher, als auch als Zuschauer – die Kombination „Frauen und Film“ versprach mit einem Mal einen garantierten Kassenerfolg.

Ende der 2000er Jahre, machten Yuki Tanada, die das Drehbuch von Sakuran verfasst hatte, die TV-Expertin Yukiko Mishima und Mari Asato, die Regisseurin von Juon: Kuroi Shojo (2009) von sich Reden. Von 2008 bis 2013 nahmen darüber hinaus jedes Jahr Regisseurinnen wie Chihiro Amano, Mari Okada und Kayoko Asakura mit Kurzfilmen am „Momo (Pfirsich) Filmfestival“ teil und Mika Ninagawas neuer Film Helter Skelter (2012) beherrschte wie bereits zuvor Sakuran die Massenmedien.

Wenn man derart einen Blick auf die Geschichte der Regisseurinnen in Japan wirft, kann man leider nicht sagen, dass Frauen hinter der Kamera momentan eine ähnliche Blütezeit wie in Deutschland erleben würden. Dennoch ist die Situation von Frauen im Film in Japan nicht so schlecht, wie man vielleicht denken würde. Die Regisseurinnen, die sich in den 2000er Jahren einen Namen gemacht haben und viele ihrer Vorgängerinnern sind weiterhin aktiv und haben den Weg für viele junge Filmemacherinnen geebnet. Wie in aller Welt ist das Verhältnis von Männern und Frauen auch in der japanischen Filmbranche immer noch gänzlich unausgewogen und Frauen hinter der Kamera haben mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, doch wenn die Geschichte uns eines gelehrt hat, so ist der nächste „Frauen-Boom“ vielleicht gar nicht mehr fern.