Sebastian Matthias im Interview „Kunst entsteht für mich erst durch Teilhabe“

Groove Space
© Sebastian Matthias

Wie bewegen wir uns im öffentlichen Raum? Wie kommunizieren wir miteinander? Und wodurch fühlen wir uns mit Anderen verbunden? In einem Zusammenspiel aus Tanzforschung und -produktion spürt Choreograph Sebastian Matthias dem `gefühlten groove´ in unseren Metropolen nach.
 

Für Sebastian Matthias steht fest: Die Kultur der Versammlung befindet sich im stetigen Wandel. Für das enge Zusammenleben in den Städten haben wir ganz eigene Verhaltensmuster, Bewegungsabläufe und Kommunikationsstrukturen entwickelt durch die wir uns zugleich abschirmen und als Gemeinschaft begreifen. So wie wir mit unserem subjektiven Eindrücken, mit unserem Gefühl über den Erfolg oder Misserfolg eines DJ-Sets und einer Clubnacht entscheiden, so entscheidet im urbanen Raum der „gefühlte groove“ über die Formen und den Ausgang unserer Zusammentreffen mit anderen Städtern.
 
In seiner Performance-Serie `groove spaces´ untersucht der deutsche Choreograph eben diese Zusammentreffen, die Kommunikation und Teilhabe im öffentlichen Raum, sowie ihre Übertragbarkeit aufs Theater. Begonnen als gemeinschaftliches Projekt in Berlin, mit Stationen in Zürich, Freiburg und Jakarta, begab er sich Anfang 2016 auf seine bisher weiteste Reise und auf die Suche nach dem gemeinsamen Groove von Düsseldorf und Tokyo.
Unterstützt vom Goethe-Institut Tokyo, dem tanzhaus nrw und vielen internationalen Partnern  erarbeitete Sebastian Matthias das Stück von Grund auf neu mit Dramaturgin Nanako Nakajima und lokalen Soundkünstlern und Licht- und Kostümdesignern. Im Interview gibt er einen Einblick in den interkulturellen Arbeitsprozess und in den partizipativen Ansatz der deutsch-japanischen Koproduktion.
 
Sebastian, in der Projektserie `groove space´ erforschst du mit deinem Team spezifische Bewegungsmuster in verschiedenen Städten. Die Interaktion zwischen Publikum und Tänzern spielt dabei eine große Rolle. Was fasziniert dich daran das Theater aus dem Kontext der Black Box heraus zu lösen?
 
Ich sehe den Kunstraum als einen Ort, an dem verschiedene Formen der Versammlung erprobt, beziehungsweise weiterentwickelt werden können. Auch der Theaterraum, die Black Box, so wie wir sie kennen, ist ein historisch gewachsenes Format, das mit dem Licht-Dunkel-Werden-Spiel von Wagner etabliert wurde. Dabei hatte Wagner auch eine konkrete Intention, die mit einer bestimmten Vorstellung von Gesellschaft verbunden war. Ich will mich einfach nicht damit abfinden, dass das der einzige Weg ist, Theater zu machen. Diese Art der Versammlung, bei der die Zuschauer nur passiv verfolgen was passiert, möchte ich aufbrechen, da ihre Rezeption und die individuellen Entscheidungen ansonsten unsichtbar bleiben. Ich möchte die Dynamiken, die Handlungen und Reaktionsweisen sichtbar machen. Als Zuschauer habe ich viel mehr davon, wenn ich mich selbst bewege, näher heran gehen und  reagieren kann. In einem Rockkonzert finde ich es beispielsweise auch ganz schrecklich zu sitzen. Ich erlebe Tanz in einer bewegten Wahrnehmung.
 
Diese Herangehensweise spricht für eine hohe Wertschätzung des Publikums. Haben die Emotionen des Publikums dadurch auch eine größere Bedeutung für Eure Projekte?
 
Ja, das ist natürlich ein Thema von groove space. In diesen Räumen hat jeder Körper eine Position und jede Entscheidung ist sichtbar. Jede Entscheidung hat einen Effekt und jeder hat einen Wert in diesem Raum. Für mich ist das als demokratische Praxis spannender, als wenn der Regisseur den Blick für alle anderen vorzugibt. In meiner Arbeit will ich die Entscheidung, was Kunst ist und die Entscheidung wie sie rezipiert sichtbar machen.
 


Ist dein Ansatz auch Vorbild für Politik und Gesellschaft, um bestehende Hierarchien zu durchbrechen? Kann Kunst in diesem Fall Politik inspirieren?
 
Das ist mir zur groß. Sagen wir so: Alles was wir tun sind Körperpraktiken, die wir jeden Tag aktualisieren. Da stellt sich natürlich die Frage, was wir aktualisieren, wenn wir ins Theater gehen. Es geht also eher um kleine Veränderungen in der Wahrnehmung, im Verhalten, sowie darum, für diese Verständnis zu entwickeln und sich nicht einfach mit dem Ist-Zustand zufrieden zu geben.
 

In eurem aktuellen Projekt `x/groove space´ erforscht ihr den groove der Städte Düsseldorf und Tokyo. Wie unterscheidet sich die urbane Öffentlichkeit der beiden Städte? Kann man sie überhaupt vergleichen, allein schon im Hinblick auf die Stadtgröße oder ergeben sich nur Teilöffentlichkeiten?
 

In diesem Projekte geht es uns darum Kommunikation und Brücken gemeinsam aufzubauen. Das funktioniert aber nicht, wenn der Fokus auf den Unterschieden der Kulturen liegt und sie sich gegenseitig exotisieren. Harumi wurde in Japan zum Beispiel anders wahrgenommen als Isaac, weil er westlich aussieht. Von ihm wurden andere Sachen akzeptiert als von ihr. Das finde ich interessant, aber es ist eben auch eine Form der Distanzierung, die ich nicht rezipieren möchte.
 
Bei einem Projekt wie `x/groove space´ muss es darum gehen, Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Städten zu finden und ein Stück zu erarbeiten, das von beiden Seiten rezipiert werden kann und auch ähnlich rezipiert wird.  Es geht nicht darum zu zeigen, „so ist Tokyo“ oder „so ist Düsseldorf“. Es geht immer um lokale Positionen und  urbane Begebenheiten.  Wir haben Interviews geführt, um Orte zu erfragen, die Japaner in Düsseldorf als „japanisch“ und Deutsche in Tokyo als „deutsch“ empfinden. Tokyo oder Düsseldorf als Ganzes abbilden zu wollen, wäre nach einem dreiwöchigen Aufenthalt in Tokyo vermessen.
 
Gibt es einen bestimmten Ort hier in Tokyo, von dem Du besonders viel Material mitgenommen hast?  

Natürlich sind die ganzen Bahnhöfe und U-Bahnen, besonders während der Rush Hour, spannend für mich. Die Shibuya-Kreuzung ist ein sehr klischeehafter Ort, aber die Erfahrung von so vielen Menschen, die gemeinsam in eine Richtung gehen, ohne das organisiert zu haben, ist sehr speziell. Man kann sich dem aus einer choreographischen Sicht gar nicht entziehen. Aber ich finde auch die Beziehung zwischen Laut und Leise in Tokyo sehr interessant. Es scheint verschiedene, entgegengesetzte Auffassungen davon zu geben, wann man leise und wann man laut sein muss. Pachinko finde ich zum Beispiel spannend: Wann ist es entspannend laut und wann leise zu sein?
 
Ist das dein persönlicher Eindruck oder hat die gesamte Gruppe das so wahrgenommen?
 
Das ist mein persönlicher Eindruck, aber im Arbeitsprozess diskutieren wir die Eindrücke aller. Wir hinterfragen verschiedene Ansätze, arbeiten sie aus und filtern dann die Aspekte heraus, die interessant für unsere Performances sind. Im Anschluss erproben wir das Erarbeitete mit einer Zuschauergruppe und wenn es sich dabei bewährt, teilen wir es mit einer größeren Öffentlichkeit. Unser Ansatz ist es immer, alles im Miteinander auszutesten. So entsteht unsere Kunst. Das ist ein anderes Verständnis von Spezialistentum. Ich bin zwar ein Spezialist für Tanz, aber Kunst entsteht für mich erst durch Teilhabe.
 

Sebastian Matthias (geb. 1980 in Gelsenkirchen) studierte Tanz an der Juilliard School in New York und Tanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin (MA). Nach seinem Abschluss tanzte er am Nürnberger Staatstheater, bei Hubbard Street Dance Chicago und mit Karin Hermes (Schweiz). In seiner choreografischen Arbeit beschäftigt er sich mit modularen Improvisationssystemen und  vertieft seine Forschung seit 2012 am Graduiertenkolleg „Versammlung und Teilhabe“ der HafenCity Universität Hamburg. Seit 2014 erprobt er seinen Ansatz innerhalb der „groove space” Performance-Serie, die bis 2017 in unterschiedlichen Städten produziert wird.