Kunsthacking Daito Manabe und Rhizomatiks Research

Rhizomatiks Research × ELEVENPLAY
Rhizomatiks Research × ELEVENPLAY | © Rhizomatics Research

Mit Ihren Erfindungen setzt die Gruppe Rhizomatiks Research regelmäßig neue Maßstäbe:  Von Drohnen-Installationen über 3D-Scans und Body-Hacking bis hin zu Musik aus Turnschuhen. Ein Blick auf Pioniere der japanischen Kunsthacking Szene.

2015 überraschte der Sender NHK mit seinem Neujahrsprogramm Millionen Zuschauer in ganz Japan: Beim Auftritt der berühmten Techno-Pop Gruppe Perfume im Rahmen des traditionellen Gesangswettbewerb Kouhaku Utagassen schwebte eine Drohne auf der Bühne umher, die die drei tanzenden Sängerinnen mit einem eingebauten Scheinwerfer beleuchtete. Ein solches Spektakel hatte man noch nie gesehen und es rückte mit einem Mal die Möglichkeiten von Kunst und Technik ins allgemeine Bewusstsein.

Zuständig für die Programmierung und Steuerung besagter Drohne war die von Daito Manabe und Motoi Ishibashi geleitete „Research & Development“ (R & D) Medienkunstgruppe Rhizomatiks Research.  Sie waren die ersten, die auf die Idee kamen, eine zur Überwachung gedachte Drohne in ein Kunstwerk zu verwandeln. Mit diesem Auftritt demonstrierten sie wie leicht neue Technologien für Anwendungen in der Unterhaltungsbranche angepasst werden können und ebneten den Weg für viele weitere Künstler.
 


So verwendete danach zum Beispiel die zeitgenössische Tanzgruppe ELEVENPLAY in einer ihrer Installationen ebenfalls eine Drohne und schuf derart neue Ausdrucksweisen für Körper und Technologie. Auch der „Cyber-Magier“ Marco Tempest erlangte große Bekanntheit durch den Einsatz einer Drohne bei einem der Tricks in seiner Online-Zaubershow – um nur einige zu nennen. 

Dass sich gerade Drohnen solcher Beliebtheit in Japan erfreuen, ist nicht verwunderlich, denn mit ihrer präzisen Steuerung und ihrer sanften Art der Fortbewegung treffen sie wenn man so will ein japanisches Ideal.

Kunst vs. Kommerz

Rhizomatiks Research wurde 2006 als Gruppe für sogenannte „R&D Medienkunst“ gegründet. Seither hat die Gruppe immer wieder völlig neue und innovative Kunstwerke geschaffen und in ihren Projekten Kunst, Werbung, Unterhaltung, Design und andere Bereiche miteinander verbunden. Obwohl viele ihrer Arbeiten als Auftragswerke entstehen, ist die Gruppe bekannt dafür, dass sie immer auch ihre eigenen Ideen mit in ihre Werke einfließen lässt. Dabei bleibt ihnen, obwohl sie inzwischen wohl zu den weltweit führenden Künstlergruppen auf ihrem Gebiet zählen, vor allem eines wichtig: einen neuen Blick auf existierende Technologien zu eröffnen und die Aspekte, die ihnen selbst am interessantesten erscheinen, in ihrer Kunst auszudrücken.
 
Der zentrale Akteur hinter Rhizomatiks Research ist der Programmierer und Künstler Daito Manabe. Bekannt wurde er durch sein sogenanntes „Body-Hack System“ Electric Stimulus to Face, ein Performance-Projekt bei dem sich Manabe selbst mit Muskelsensoren und Elektroschock-Geräten verkabelte, die es ihm erlaubten, an sich selbst Gesichtsausdrücke künstlich zu erzeugen und zu übertragen. Sein Minenspiel reichte dabei von einem charmanten Lächeln bis zum wahnsinnigen Starren eines verrückten Wissenschaftlers, der sich selbst zum Versuchskaninchen macht. Die Aufmerksamkeit ließ nicht lange auf sich warten. Auf YouTube erreichten seine „electric stimulus to face“ -Experimente Tausende von Aufrufen, er gab Live-Performances in 10 Städten und machte sein Werk als Beitrag in einem Werbespot auch außerhalb der Kunstszene bekannt.
 
 
 
Das Thema dieser Performance beschrieb er als eine sehr simple, aber zugleich wichtige Frage, nämlich: „Kann der Gesichtsausdruck eines Menschen von einem anderen Menschen kopiert werden?“ Dabei ging es ihm nicht allein um Originalität, sondern darum, ein einfaches Konzept mit der Ausdruckskraft eines Kunstwerks zu verbinden, oder kurz: Körperhaftigkeit und Technologie den richtigen Ausdruck zu verleihen.
 
Dieses Grundkonzept wurde auch zur Basis für Manabes weitere Kunstwerke. Nike Music Shoe etwa, eine Musikkomposition geschaffen aus den Krümmungen eines Turnschuhs. Einige Zeit später folgte border, eine Performance in der Manabe einen Elektrorollstuhl hackte und ihn auf einer Bühne als Tänzer auftreten ließ – ein Ausdruck unserer Auffassung von „Körper“. Manabes wortlose Kunst findet auf der ganzen Welt Beachtung und hat ihm über 100 internationale Kunst- und Werbepreise eingebracht. In Japan gilt er als einer der wohl wichtigsten zeitgenössischen Künstler.
 
Warum seine Kunst einen solchen Reiz ausübt, dafür gibt es wohl vor allem zwei Gründe. Zum einen liegt es an Manabes intensiver Forschungsarbeit. So befasst er sich gründlich mit bereits bestehenden Kunstwerken der Medienkunst, studiert beispielsweise genau die Geschichte der Fotografie, bevor er sich selbst ans Werk macht. Er sammelt penibel eine große Menge an Material, aus der er dann schlussendlich sein eigenes Kunstwerk hervor bringt. Ein weiterer Grund ist Teamwork. Niemand kann ein riesiges, umfangreiches Kunstwerk in Alleinarbeit kreieren; so etwas bedarf Kollektivarbeit. Wenn es nötig ist, wohnt er so auch einmal mit allen Helfern unter einem Dach, damit am Ende wirklich jedes Detail stimmt.

Nichts bewegt Manabe mehr als seine ungeheure Neugier. Das Unbekannte zu fassen und zum Ausdruck seiner Kunst zu machen, ist für ihn das höchste Gefühl. Mit unauslöschlichem Forschergeist schafft er so jede Woche etwas Neues und hört nie auf, Künstler zu sein.