E-Motion Ein Labor für urbane Tanzkultur

E-Motion - Ein Labor für urbane Tanzkultur
© Goethe-Institut Osaka

Im Rahmen des TACT/FESTs 2016  führte das Tanzkollektiv E-MOTION das Stück Ronin - Made in Germany zum ersten Mal in Japan auf. Eine Bestandsaufnahme auf Basis eines Gesprächs mit dem Tänzer und Choreografen Takao Baba.

Nach vielen Jahren als Backgroundtänzer für unterschiedliche Popgruppen, wie für die Spice Girls, G-Star oder  S Club 7,  begann Takao Baba 2002 mit dem Tanzprojekt E-MOTION  (von „evolved motion“, weiterentwickelte Bewegungsformen). Auslöser für das Projekt war sein künstlerischer Wunsch nach einer Rückkehr zu den Anfängen des Hip-Hops. In seinen Augen hatten die populären Hip-Hop-Choreografien Ende der 90er Jahre nur noch wenig gemein mit dem Streetdance. Mit E-Motion und eigens entwickelten Bühnenstücken, wollte er die urbane Tanzkultur einem neuen Publikum zugänglich machen.

Gemeinsam mit den Tänzern Andrea Böge, Sefa Demirbas, Patrick Williams Seebacher und Rymon Zacharei stellte Baba in den Stücken von E-Motion stets den Ursprung des Hip-Hops in den Mittelpunkt. Zentrale Elemente waren hierbei Mcing, B-boying, D-jaying und Writing. Als weitere Inspiration nennt Baba die damalige japanische B-boying Szene, deren Niveau viel höher war als in Deutschland, da sich die japanische Szene stärker von New Yorker Künstlern habe inspirieren lassen. Im Laufe der Zeit kamen zudem Elemente des zeitgenössischen Tanzes und andere Stilformen hinzu und die inhaltliche Auseinandersetzung selbst wurde für das Tanzkollektiv immer wichtiger.
 
Zwischen den Kulturen

Der Titel des Stücks Ronin – Made in Germany von E-Motion ist eine Hommage an Kurosawas Meisterwerk Die sieben Samurai (1954). Die Idee für das Stück, hatte Baba durch seinen Sohn. Er selbst hatte in Deutschland keine Integrationsprobleme. Für ihn war und ist Deutschland „seine erste Heimat“ und Japan ganz einfach „seine zweite Heimat“. Deshalb beschäftigte ihn die Frage seines Sohnes, was eigentlich „Deutsch“ sei, oder wie man sein müsse, um wirklich „Deutsch“ zu sein umso mehr und wurde zum zentralen Ausgangspunkt des Stückes.

In Deutschland projiziert das Publikum den „Ronin“ hauptsächlich auf Baba selbst, „denn er müsse es als Japaner ja sein“. Nach Babas Verständnis sind jedoch alle Migranten in Deutschland in gewissem Sinn „Ronin“ bzw. „zwischen zwei Identitäten“, deshalb auch der Titel-Zusatz „Made in Germany“. Die anderen Tänzer mit unterschiedlichsten Wurzeln (französisch-argentinisch, türkisch, ägyptisch-irakisch, amerikanisch) tragen durch ihre eigenen Erfahrungen ebenfalls kontinuierlich zum Stück bei, das sich dadurch ständig verändert.

Im Zentrum steht die Erforschung von verschiedenen Kulturaspekten, erklärt Baba. So finden Wagners Walküre, Goethes Erlkönig oder Musik von Kraftwerk Verwendung, sowie Gesten, Sitz- und Gehgewohnheiten - immer im Hinblick darauf, was die Künstler kulturell voneinander unterscheidet oder vereint. Seine Mittänzerin Andrea Böge bemerkt dazu, dass es um den „Status quo „gehe, dem Istzustand, in dem sich die Künstler multikulturell bewegen, was passiere, wenn verschiedene Kulturen auf deutschem Boden aufeinanderträfen.

Das Stück lässt den Tänzern bewusst viel Spielraum für freie Interpretationen. Die Entscheidung für die Musik von Kraftwerk ist eine Reminiszenz an eine aus dem Hip-Hop Filmklassiker Breakin‘ (1984) stammende Szene, in der die amerikanische Hip-Hop Ikone Bogaloo Shrimp zu Klängen von Kraftwerk um einen Besen tanzt. Weitere Zitate, wie etwa die Titelmelodie der Tatort-Krimis setzen pointierte Einzelpunkte, Wagners Walküre eine Assoziationsbombe. Dazwischen immer wieder Gänge als Sinnbild für den modernen „Ronin“: Man geht aneinander vorbei, jedes Treffen führt zu Irritationen und muss neu verhandelt werden. Was ist sie denn nun, diese kulturelle Identität? Die Antwort überlässt Baba bewusst dem Publikum.
 

Takao Baba © Goethe-Institut Osaka Takao Baba, geb. 1974 in Tokio, arbeitete viele Jahre als Tänzer in der kommerziellen Musik- und Modeindustrie, bevor er seinen Schwerpunkt auf die Arbeit als Choreograf verlegte. Seine choreografische Arbeit ist durch die Philosophie des Hip-Hops sowie durch zeitgenössische Tanztechniken geprägt. Er arbeitete u.a. für das Düsseldorfer Schauspielhaus, das Theater Oberhausen, das Schauspielhaus Bochum und ist eng mit dem Tanzhaus NRW verbunden.