Virtual Reality Laboratory Device Art

Kohki Yoshida im Interview Zwischen Kreation und Frustration

Mitsu no Hikari
Mitsu no Hikari | © Berlinale 2017

Entstanden aus der japanischen Medienkunst ist Device Art eine Kunstform die ihren Ausdruck in den Geräten findet, die jeder heutzutage mit sich herum trägt. Hier möchte ich die Device Art kurz aus meiner eigenen künstlerischen Perspektive vorstellen.
 

Device Art, das ein Kunststil der Techniken wie Mechatronik oder Materialwissenschaften verwendet, um die Technologie selbst zum Gegenstand des künstlerischen Ausdrucks zu machen. So jedenfalls lautet meine Definition des Begriffs, die ich schon 2004 in meinem Antrag für das Projekt CREST bei der Japan Science and Technology Agency (JST) verwendet hatte. Von 2005 bis 2010 arbeitete ich in diesem Rahmen an einem Projekt zur „Ausdrucksfindung von Wissenschaft und Technologie in Form von Device Art“ zusammen mit zahlreichen Teams von Künstlern und Wissenschaftlern. Nach meiner Meinung und der Meinung von ähnlich gesinnten Ingenieuren ist Device Art die erste Kunstbewegung  solcher Art überhaupt.

Traditionsgemäß weist japanische Medienkunst allgemein große Unterschiede im Vergleich zu westlicher Kunst auf, was von der Welt stets mit großem Interesse verfolgt wurde. Device Art ist ein Begriff, der diese Unterschiede wie kaum ein anderer auszudrücken vermag. Gekennzeichnet wird dieser neue Begriff durch die folgenden drei Eigenschaften:

1. Die Geräte (Devices) werden selbst zu Inhalten

cross-active system © Ars Electronica Archive Anders als bei traditionellen Kunstformen wird in der Device Art das Gerät, mit dem Menschen interagieren, selbst zu Kunstträger und Kunstform gleichermaßen. Ein Beispiel dafür ist mein eigenes sogenanntes „Cross-Active System“. Einer der zwei Teilnehmer an diesem Kunstwerk hält eine Videokamera in der Hand, an der ein kleiner Bewegungssensor befestigt ist. Bild und Bewegung werden an den zweiten Teilnehmer übermittelt, der auf einer beweglichen Simulatorplattform steht und das Video über ein Head-Mounted Display verfolgt. Dieser zweite Teilnehmer überlässt dadurch quasi seinen Körper frei den Bewegungen und Spielereien des Kameraführers.

Bei der Ausstellung meines Projekts auf der Ausstellung „Ars Electronica 96“ war zufällig auch ein sehr ähnliches Kunstwerk zu sehen: Kazuhiko Hachiyas „Audiovisuelle Vertauschmaschine“, ein Gerät das Wahrnehmung und Bewegung ins Schleudern bringt. Beide Installationen haben jedoch gemeinsam, dass sie keinen „Inhalt“ im traditionellen Sinn zeigen. Der Direktor der „Ars Electronica“, Gerfriet Stocker, sagte dazu, dass „die Interaktion der Inhalt ist“ - ein Gedanke, der ein wichtiges Merkmal der Device Art klar herausstellt.

2. Die Verspieltheit der persönlichen Kunsterfahrung


v.l.r.: FloatingEye, Robot Tile, Ensphered Vision © Hiroo Iwata/ Tsukuba University/ Virtual Reality Lab Kunst beinhaltet oft auch Gesellschaftskritik als wichtigen konstitutiven Faktor, wodurch Kunstwerke oft eine Schwere, oder gar Dunkelheit begleitet. Device Art hingegen präsentiert sich oft mit einer unvoreingenommenen Leichtigkeit, gekennzeichnet nicht durch eine Botschaft des Künstlers sondern durch die Experimentierfreude des Publikums. Es ist diese Verspieltheit in der persönlichen Erfahrung des Kunstwerks, die die Device Art auszeichnet.

Die Verspieltheit dieser Kunstwerke hängt aber auch mit ihrer Kommerzialisierung zusammen. Traditionelle Kunst erhält ihre „Authentizität“ oft durch die Signatur des Künstlers, das Einschreiben seiner Persönlichkeit ins Werk. Eine Kommerzialisierung oder Massenproduktion war damit essentiell unvereinbar. Bei der Device Art hingegen ist die Kommerzialisierung ein wesentlicher Teil des Schaffensprozesses. Denki Meiwas „Otamatone“ und „Knockman“ etwa sind Beispiele für Kunstwerke der Device Art, die sich auf dem Markt als Produkte etabliert haben, aber dennoch die Werke eines Künstlers sind.

3. Bezug zur traditionellen japanischen Kultur

Beim Kreieren von Device Art geht es vor allem um eins: Auswahl. Dahingehend ähnelt sie sehr der traditionellen japanischen Kultur, die es ebenso versteht, Dinge ohne größere Bedeutung auszuwählen und in hohe Kunst zu transformieren. Ein Beispiel dafür sind etwa die traditionellen japanischen Steingärten, in denen nur mit Steinen und Kies Gärten geschaffen werden, an deren Schönheit sich die ganze Welt erfreut. Oder man denke an die Teezeremonie, eine Akt für den der große Meister Rikyu einst eine schlichte Teeschale auswählte und zu der hohen Kunstform erhob, die sie heute ist. Nur durch seine Auswahl schafft ein Schriftsteller Bedeutung und teilt mit uns seine Sinnlichkeit und seine Menschlichkeit. Und genau solch eine Auswahl wird auch in der Device Art getroffen. Mein eigenes „Floating Eye“ benutzt ein winziges eingebettetes Display um ein Kunstwerk zu schaffen, in dem sich Selbsterkenntnis und außerkörperliche Erfahrung gegenüberstehen. Das Kunstwerk fand lobende Anerkennung auf der Ars Electronica 2001.
 



Für die Device Art kann „Auswahl“ aber auch etwas ganz anderes bedeuten, nämlich, dass sich die Bedeutung, die der Hersteller eines Gegenstands für diesen intendiert und die Bedeutung, die jemand anderes in diesem Gegenstand findet, sich grundsätzlich unterscheiden können. So kann ein einfaches Objekt zum Kunstwerk werden, wenn jemand es nach seinem künstlerischen Potential auswählt. Meine „Robot Tile“ etwa war ein Prototyp für eine Installation, die es einem ermöglichen sollte, auf der Stelle zu gehen, ohne sich tatsächlich vom Fleck zu bewegen. Als ich die Installation dann auf der „SIGGRAPH“ ausstellte, sagten mir viele Künstler, sie seien besonders beeindruckt von der Idee, mit meiner Robot Tile die Schritte des Publikums aufzuzeichnen. Sogar der Name „Robot Tile“ rührt von der spontanen Bezeichnung her, die man meinem Prototyp auf dieser Ausstellung gab.

Mein neuestes Kunstwerk ist „BigRobot“, ein Riesen-Roboter in den man einsteigen kann, um zu erfahren, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn der eigene Körper auf Riesengröße gewachsen wäre. Die erste Version, BigRobot Mk. 1, ist fünf Meter hoch und auf einer Simulator Plattform montiert, so dass man die Bewegung eines etwa dreifach vergrößerten Menschen nachempfinden kann. Dabei sorgt ein Mechanismus für die nötigen Schwingungen, so dass ein Eindruck des Laufens entstehen kann. Riesen-Roboter erfüllen jeden, der sie sieht, mit Mut. Mit dem „Kratas“ Riesen-Roboter hat sich inzwischen auch der freie Markt dieser Idee geöffnet. Vielleicht ist auch das ein neuer Trend der Device Art.
 

Professor Hiroo Iwata © Professor Hiroo Iwata Hiroo Iwata, promovierte 1986 im Bereich Ingenieurswesen an der Universität Tokyo. Derzeit unterrichtet er als Associate Professor am Institute of Engineering Mechanics and Systems der Universität Tsukuba und leitet dort Forschungsprojekte im Bereich Virtual Reality (v.a. haptic interfaces, locomotion interfaces and spatially immersive displays). Für seine Projekte wurde er mit zahllosen Preisen ausgezeichnet, u.a. 2001 mit dem Excellence Award des Japan Media Arts Festivals, 2011 mit dem Wissenschafts- und Technologiepreis des MEXT. Seit 2013 ist er der Leiter des Promotionsprogramms „Empowerment Informatics“ an der Universität Tsukuba und seit April 2016 ist er Vorsitzender der Virtual Reality Society of Japan.

Kohki Yoshidas Three Lights (2017) schildert die Leiden der Jugend. Noch bevor sie eigentlich wissen, wer sie werden wollen, ringen vier junge Menschen damit, sich selbst zu verstehen.

„Unser Licht ist zu stark! Schwächlinge können es nicht aushalten!“ Mit diesen Worten bringt K. (Ryo Ikeda) das kreative Selbstbewusstsein und zugleich die Rastlosigkeit zum Ausdruck, die alle Figuren des Films antreiben: Masaki (Hiroshi Suzuki), der unentwegt in einer verlassenen Lagerhalle komponiert, Aoi (Kazuha Komiya), die sich beim Klavierspielen filmt und die Videos auf Videoportale hochlädt und auch die Hausfrau Michiko (Emi Maki).
 
Three Lights
(2017) ist ein Film über die Begegnung von vier Menschen, die an einem gemeinsamen Zufluchtsort zueinander finden und ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Die Schauspieler wählte der Regisseur im Vorfeld bei einem Workshop aus, im Anschluss entwickelten sie gemeinsam die Charaktere und passende Dialoge. Auf der Premiere herrschte ein großer Andrang verschiedenster Kulturschaffender.  

„Ich“ vs. „Wir“

Aus den unterschiedlichen Charakteren der vier Figuren ergeben sich große und kleine Unstimmigkeiten untereinander die ihrer Kreativität im Wege stehen. Dabei gelingt es Yoshida sehr realistische Auseinandersetzungen darzustellen, mit denen sich bestimmt viele Künstler identifizieren können.

Als die Schauspieler nach der Filmvorführung auf die Bühne gehen, steht ihnen die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Es ist die erste Vorführung vor großem Publikum. Besonderen Beifall erntete Kazuha Komiya, die die Figur der Aoi spielt und ihrem Alter Ego im Film nicht unähnlich erscheint und glaubhaft dargestellte, dass es heute in Anbetracht von unzähligen Möglichkeiten der Selbstentfaltung und –Darstellung vielen schwer fällt ihren eigenen Weg zu finden.     

Regisseur Kohki Yoshida im Interview

Nach der Filmvorführung nahm sich Regisseur Yoshida (geb. 1980) Zeit für ein Interview. Three Lights (2017) ist sein vierter Spielfilm und nach Household X (2011) bereits sein zweiter Film, der auf der Berlinale gezeigt wurde.

 
Regisseur Kohki Yoshida Regisseur Kohki Yoshida | © Shino Nagata Wie fühlen Sie sich nun nach der Premiere? War die Anspannung groß?

Ich hatte etwas Sorgen, dass es zu technischen Problemen kommen könnte. Das kann beim Digitalfilm immer passieren. Und ich war natürlich gespannt auf die Q&A Runde und die Fragen des Publikums. Meinen Eröffnungsmonolog habe ich zur Sicherheit in und auswendig gelernt. Es war alles sehr aufregend!  

Sie sind das zweite Mal in Berlin, nicht wahr? Ist das für Sie ein anderes Gefühl als beim Mal davor?

Anfangs hatte ich das Gefühl, dass das Filmfest kleiner geworden ist. Aber vielleicht ist das auch mein persönlicher Eindruck. Dazu lief mein erster Film vor sechs Jahren im Bereich „Forum“ noch mit deutschen Untertiteln, doch seit zwei, drei Jahren gibt es nur noch englische Untertitel. Einiges hat sich also verändert.

Wie hat das Publikum hier auf den Film reagiert?

Gut, denke ich. Ich habe schon erlebt, dass Menschen bei Filmfestivals im Ausland das Kino reihenweise verlassen. Bei mir haben das nur wenige und die meisten sind sogar noch bis zur Fragerunde nach 1 Uhr geblieben, obwohl der nächste Tag ein Arbeitstag war.


Sie haben das Drehbuch erst nach dem Casting/einem Workshop verfasst. Warum haben Sie diese Herangehensweise gewählt?

Es ist zwar ungewöhnlich, die Schauspieler auszusuchen bevor das Drehbuch fertig ist, aber ich wollte durch dieses Experiment herausfinden, mit wem ich gerne zusammen arbeiten möchte. Ich wollte mich nicht an ein Konzept klammern, sondern mit den Darstellern gemeinsam etwas Interessantes entwickeln.

Wieviel von der Figur „K.“ steckt auch in Ihnen?

Ich denke, dass jeder Mensch nicht nur eine Seite hat. Jeder ärgert sich mal über etwas und tobt vor Wut. Wenn man jedoch niemals mit seinen Schattenseiten konfrontiert wird, kann man sie auch nicht reflektieren oder etwas ändern. Deshalb ist es viel besser, sich klar zu machen, dass wir alle verschieden sind und zu überlegen, wie wir am besten miteinander umgehen.
 
Beruht die Szene mit dem großen Eklat der Vier auf Ihren eigenen Erfahrungen?

Es ist glaube ich durchaus schon vorgekommen, dass ich jemanden die Schuld für etwas gegeben habe und er ganz allein mir. Doch die Grundlage für eine produktive Beziehung ist, dass man nicht die Schuld beim Anderen sucht. Sondern dass man Verständnis für einander aufbringt und nach Wegen sucht, gemeinsam als Team zu arbeiten.

Im Film kommen viele Begriffe aus dem Kulturbereich vor. Wie wurden diese zusammengetragen?

Von den Schauspielern selbst. Nachdem wir gemeinsam die Szenen festgelegt haben, habe ich sie gebeten vor den Aufnahmen darüber zu twittern. So kommen die Persönlichkeiten der Schauspieler selbst zum Tragen. Aus den Vorlieben und Eigenheiten der Schauspieler haben wir gemeinsam die Figuren entwickelt und auf jeden individuell zugeschnitten. Deshalb habe ich die Schauspieler zuerst nach ihren Hobbies und individuellen Fähigkeiten gefragt und als einer von ihnen „Tennis“ sagte beispielsweise an einen älteren Herrn aus meiner Nachbarschaft gedacht, der regelmäßig gegen eine Wand spielt. Dieses „Spiel gegen die Wand“ erinnerte mich wiederum an Selbstgespräche – es ist spannend solche Assoziationsketten weiterzuspinnen. Daraus haben wir die Filmcharaktere gebildet.
 
Ist künstlerisches Schaffen unweigerlich mit Egoismus verbunden?


Künstler sollten meiner Meinung nach nie zeigen, dass sie nicht an ihre eigene Arbeit glauben. Das mag auf manchen als „egostisch“ erscheinen, aber es ist auch die Grundvoraussetzung für eine gute Arbeit oder Darstellung. Filme sind allerdings durch und durch ein Gemeinschaftsprodukt. Als Regisseur sehe ich mich deshalb eher in der Rolle eines Dirigenten. Meine Aufgabe ist es, nach Wegen zu suchen, die Fähigkeiten aller Beteiligten am besten zur Geltung kommen zu lassen. Allerdings achte ich immer darauf, mein Ziel dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Ich hoffe auch in Zukunft Filme zu machen, die keine vorgeschriebenen Geschichten erzählen, sondern Momentaufnahmen der tatsächlichen Gedanken der beteiligen Schauspieler widerspiegeln.